Expertise Harter Schlag gegen Bushs Raketenschild

Die Pläne des Pentagon, die USA für "Schurkenstaaten" unangreifbar zu machen, haben einen herben Rückschlag erlitten. Eine lang erwartete wissenschaftliche Studie ergab, dass eine lückenlose Verteidigung der USA gegen ballistische Raketen praktisch unmöglich ist.

Von


NMD-Abfangrakete: Schutz vor feindlichem Angriff nahezu unmöglich
AP

NMD-Abfangrakete: Schutz vor feindlichem Angriff nahezu unmöglich

Schon kurz nach seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren wirbelte George W. Bush das fein austarierte Vertragssystem rund um die globale atomare Abschreckung durcheinander. Mit einer Nationalen Raketenabwehr ("National Missile Defense") wollte der US-Präsident sein Land unverwundbar machen gegen Angriffe von "Schurkenstaaten". Bush nannte Länder wie Iran und Nordkorea, betroffen aber fühlten sich vor allem Russland und China, die um das Abschreckungspotenzial ihres Atomwaffenarsenals fürchteten.

Zerstörte Hoffnungen der Strategen

Diese Ängste aber erweisen sich zunehmend als unbegründet, denn Bushs Unverwundbarkeitsplan entpuppt sich zunehmend als Utopie. Die Pläne der US-Regierung basieren auf einer Verteidigung in mehreren Ebenen. Die größten Anstrengungen, Raketen schon im Anflug auf die Vereinigten Staaten unschädlich zu machen, konzentrierten sich bisher auf die mittlere Ebene, bei der die anfliegenden Gefechtsköpfe weit oberhalb der Atmosphäre, etwa zehn bis 15 Minuten nach dem Start, zerstört werden sollen. Bei Tests kam es allerdings immer wieder zu peinlichen Fehlschlägen: Die Abfangraketen verfehlten ihre Ziele häufiger, als sie sie trafen. Experten stellten die Machbarkeit des Systems bereits grundsätzlich in Frage.

Amerikanische "Minuteman-II"- Rakete als Testziel für Abfangraketen: Tödliche Fracht könnte über Kanada niedergehen
AFP

Amerikanische "Minuteman-II"- Rakete als Testziel für Abfangraketen: Tödliche Fracht könnte über Kanada niedergehen

Die Hoffnungen der US-Militärplaner richteten sich deshalb zuletzt verstärkt auf die Zerstörung feindlicher Raketen innerhalb der Startphase. Eine ballistische Interkontinentalrakete wird nach dem Start nur drei bis vier Minuten von ihren Triebwerken befeuert und rast danach im freien Fall auf ihr Ziel zu. In der Startphase ist das Geschoss am verwundbarsten, da es vergleichsweise langsam fliegt und relativ leicht zu entdecken ist.

Die Experten der American Physical Society (APS) machen in ihrer lang erwarteten Studie der US-Regierung jedoch einen Strich durch die Rechnung. Um eine ballistische Rakete in der Startphase abzufangen, so ihr Fazit, müssten selbst extrem schnell fliegende Abfangraketen in einem Abstand von nur 400 bis 1000 Kilometern von ihrem Ziel stationiert sein. Im Fall von Nordkorea etwa macht die politische Geografie dieses Unterfangen nahezu unmöglich.

Kein Mittel gegen Feststoffraketen

Die Triebwerke von Flüssigstoffraketen, wie sie derzeit Nordkorea und Iran entwickeln, werden rund vier Minuten lang gezündet, die von fortschrittlicheren Feststoffraketen nur rund 170 Sekunden. Rechnet man die Zeit ab, welche die Verteidiger zur Identifikation des feindlichen Flugkörpers brauchen, bleiben 140 bis 170 Sekunden, um eine startende Flüssigstoffrakete zu treffen. Bei einer Feststoffrakete schrumpft das Zeitfenster auf 90 bis 120 Sekunden.

Flugbahnen ballistischer Interkontinental- Raketen von Nordkorea in Richtung USA. Die schwarzen Linien markieren den Einschlagsort, abhängig von der Zeit in Sekunden, die zwischen Start und Zerstörung durch eine Abfangrakete vergeht
American Physical Society

Flugbahnen ballistischer Interkontinental- Raketen von Nordkorea in Richtung USA. Die schwarzen Linien markieren den Einschlagsort, abhängig von der Zeit in Sekunden, die zwischen Start und Zerstörung durch eine Abfangrakete vergeht

Schon für die Zerstörung eine Flüssigstoffrakete bräuchte es Abfangraketen, die heute noch gar nicht existieren. "Selbst wenn sie gebaut würden, könnten sie Feststoff-Interkontinentalraketen nicht abfangen", sagte Frederick Lamb von der University of Illinois, einer der federführenden Autoren, bei der Vorstellung der APS-Studie. Sein Kollege Daniel Kleppner erklärte, dass einige der wichtigsten Technologien für einen wirksamen Raketenschild mindestens zehn Jahre Entwicklungsarbeit benötigten. "Nach Schätzungen der US-Geheimdienste aber könnten Nordkorea und Iran bereits in zehn bis 15 Jahren Feststoffraketen besitzen. Ein Startphasen-Verteidigungssystem gegen Flüssigstoffraketen könnte deshalb schon überholt sein, bevor es in Dienst gestellt wird."

Bedrohung für Alaska und Kanada

Selbst in den optimistischsten Szenarien, so die Experten, blieben nur Sekunden, um über den Einsatz einer Abfangrakete zu entscheiden. Das sei zu kurz, um etwa herauszufinden, ob es sich bei dem startenden Feindgeschoss um eine Massenvernichtungswaffe oder eine Forschungsrakete handelt, die einen Satelliten ins All schießen soll.

Zeitfalle: Bei Feststoffraketen schrumpft das Zeitfenster für Abfangraketen drastisch
American Physical Society

Zeitfalle: Bei Feststoffraketen schrumpft das Zeitfenster für Abfangraketen drastisch

Das Timing ist nicht das einzige Problem bei der Startphasen-Zerstörung. Selbst wenn die Abfangrakete die ballistische Interkontinental-Waffe vor dem Ablauf der 170-beziehungsweise 240-Sekunden-Frist träfe, könnten die Gefechtsköpfe der Studie zufolge weiterfliegen und vor ihrem eigentlichen Ziel aufschlagen. Im Falle eines Angriffs Nordkoreas auf die USA würde das bedeuten, dass die biologische, chemische oder nukleare Fracht über Alaska, Kanada oder dem Westen der Vereinigten Staaten niederginge (siehe Grafik).

"Star Wars" bleibt Wunschtraum Washingtons

Die Wissenschaftler zerstörten mit ihrer Studie zwei weitere Hoffnungen der Militärs. Ein im All stationierter Laser, der derzeit von der US Missile Defense Agency entwickelt wird, könnte demnach lediglich vor Flüssigstoffraketen Schutz bieten. Allerdings mache ihn seine geringe Reichweite von nur 300 bis 600 Kilometern extrem verwundbar für Angriffe. Gegen die schnelleren Feststoffraketen, so die Experten, könnte der Laser dagegen überhaupt nichts ausrichten.

Auch weltraumgestützte Abfangraketen halten die Wissenschaftler für kaum geeignet, feindliche Geschosse noch während des Starts zu zerstören. Sie könnten ihr Ziel zwar schneller erreichen, doch würde der Abschuss einer einzigen Rakete die Stationierung von 1600 Abfangraketen mit jeweils 1,2 Tonnen Gewicht erfordern. Um solche Kolosse ins All zu schießen, wären gewaltige Transportraketen nötig - etwa fünf- bis zehnmal größere, als sie die USA heute besitzen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.