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Extinction Rebellion: Sitzblockade in Berlin

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"Extinction Rebellion" in Berlin "Streiken allein reicht anscheinend nicht"

Der radikale Arm der "Fridays for Future"-Bewegung? Die ersten Aktionen der Klima-Aktivistengruppe "Extinction Rebellion" in Berlin verliefen friedlich. Radikal ist vor allem ihre Forderung zur CO2-Reduktion.

Die Uhrzeit ist symbolisch gewählt. Es ist fünf nach zwölf als Carola Rackete, berühmt geworden als "Captain Europe", eine hölzerne Arche besteigt und die Rebellionswoche eröffnet. Vor ihr stehen Hunderte Demonstranten der Klimaschutzbewegung "Extinction Rebellion" (XR) und blockieren einen zentralen Knotenpunkt Berlins: den fünfspurigen Kreisverkehr um die Siegessäule, die hinter Rackete aufragt.

"Die Geschichte der Sintflut aus der Bibel ist fast allen Menschen im christlichen Kulturkreis bekannt" , ruft sie von der Arche runter, und die Menschen hören ihr schweigend zu, wie sie einen weiten Bogen spannt: Davon, wie sie als Kapitänin eines Eisbrechers vor einigen Jahren am Nordpol erlebte, wie das Meereis schmilzt. Und welche Folgen der Klimawandel weltweit haben könnte: Überschwemmungen und eine Erwärmung von drei bis fünf Grad bis Ende des Jahrhunderts, schließlich ein massenhaftes Sterben.

Die von der Bundesregierung geplanten Maßnahmen und Gesetze genügen den Demonstranten offensichtlich nicht. "Deswegen bin ich hier: Um gegen diese zerstörerische Politik zu rebellieren. Wir müssen hierbleiben und rebellieren, bis die Bundesregierung den ökologischen Notstand ausruft und auch entsprechend handelt", sagt Rackete.

Die Menge antwortet mit Sprechchören. Immer und immer wieder rufen sie: "Extinction! Rebellion!" Rebellion gegen das Aussterben.

Mit Sofas gegen den Weltuntergang

Zur gleichen Zeit sitzt Wilhelm Warnke, 24, drei Kilometer entfernt auf einer Couch mitten auf dem Potsdamer Platz, noch so ein zentraler Ort in Berlin, den die Demonstranten besetzt haben. Eigentlich strömen hier Banker und Regierungsmitarbeiter zur Arbeit, der Verkehr steht normalerweise Stoßstange an Stoßstange. Nicht heute.

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Extinction Rebellion: Sitzblockade in Berlin

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Da stehen Sofas und Bücherregale auf dem Boden, Matratzen liegen auf dem Asphalt, große Seifenblasen steigen auf, junge Menschen mit Blumen in den Haaren und bunten Fahnen machen den Platz, der sonst als graue Immobilienwüste verschrien ist, plötzlich bunt und lebendig. Immer wieder kommen neue Menschen mit Fahrrädern an, Kinder gibt es anders als bei "Fridays for Future" fast nur im Kleinkindalter und in Begleitung junger Eltern.

Warnke trägt Bart und T-Shirt, ist über Nacht aus Köln angereist, wo er Versorgungswissenschaft studiert und sich schon seit Monaten bei XR engagiert, unter anderem hat er die Deutzer Brücke mitbesetzt.

Es geht um die Wahrheit - oder?

"Die Schüler streiken jetzt seit über einem Jahr und am 20. September waren 1,4 Million Menschen auf der Straße, aber das reicht anscheinend nicht", sagt er. "Die Politik ist nicht gewillt, eine angemessene Antwort auf die Klimakrise zu finden, und deswegen machen wir mit der Besetzung klar, dass wir uns damit nicht zufriedengeben." Die Blockade Berlins - sie war zwar schon länger geplant, ist nach dieser Logik auch eine Form der Eskalation: Wenn Demos nicht reichen, dann wird besetzt.

Warnke scheint nicht wie ein Mitläufer, der sich einfach einem Hype anschließt. Vor Gewalt auf Demos fürchtet er sich, er hat es sich gut überlegt, nach Berlin zu kommen, sich ausführlich mit den Forderungen der Bewegung auseinandergesetzt: Erstens, so XR, solle die Regierung "die existenzielle Bedrohung der ökologischen Krise offenlegen."

Warnke will nicht sagen, dass die Politiker vorsätzlich lügen, wie das manche andere Aktivisten tun, aber er sagt: "Die Politik verleugnet den Klimawandel in dem Sinne, dass die Maßnahmen, die sie trifft, der Realität nicht gerecht werden." Die Welt gehe unter, und die Politik verwässere ihr sowieso bescheidenes Klimapaket - das grenze schon an vorsätzliche Unwahrheit.

Ambitionierte Forderungen bis 2025

Darüber hinaus fordert XR, "die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bis 2025 auf Netto-Null" zu senken. Es ist der wohl radikalste Ansatz der Bewegung. Warnke weiß, dass das nicht mit ein paar einfachen Schritten zu machen ist. "2025 ist ambitioniert, aber ich glaube, dass es die Aufgabe einer gesellschaftlichen Bewegung ist, zu sagen, was wir wollen, die Politik muss dann eine Antwort finden, wie sie das umsetzen kann."

Dabei soll, wenn es nach dem Willen der XR geht, der Regierung eine "Bürger:innenversammlung" helfen. Dafür würden Menschen per Losverfahren ausgewählt, wobei ein Quotensystem gewährleisten soll, dass sie die Zusammensetzung der Versammlung die Gesellschaft widerspiegelt. Mit Hilfe von Experten soll die Versammlung eine Empfehlung an die Politik abgeben, wie die Klimakrise zu lösen sei.

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"Wir wollen keine anderen demokratischen Strukturen ersetzen, aber derzeit hat die Industrie die großen Lobbys und da wollen wir etwas entgegenhalten", so Warnke.

Die Ditfurth-Kontroverse

Dass XR etwas Undemokratisches habe, davor warnt unter anderem die frühere Grünenpolitikerin Jutta Ditfurth. XR sei "eine religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte", schrieb sie auf Twitter. Erst am Wochenende hatte es eine Kontroverse um Äußerungen des XR-Gründers Roger Hallam gegeben. Dieser hatte in einem Interview mit dem SPIEGEL gesagt, dass angesichts von Bedrohungen dieses Ausmaßes "Demokratie irrelevant" werde.

Warnke verfolgt die Debatte interessiert, fühlt sich davon aber weniger berührt. "Hallam hat XR mitbegründet, aber wir sind ja dezentral organisiert und haben einen Konsens nach dem wir handeln. Was Hallam da sagt, entspricht nicht dem Konsens, es ist also seine Einzelmeinung, die ich nicht teile." Blickt man sich auf dem Potsdamer Platz und an der Siegessäule um, dann beschleicht einen das Gefühl, dass Ditfurth mit ihren Äußerungen genau das tut, was sie den XR-Demonstranten vorwirft: Emotionen schüren, die den Verstand vernebeln.

Demonstrant Warnke sagt: "Bei Klimaaktivisten gibt es sicherlich eine große Naturverbundenheit, und eine Form, aufeinander gut achtzugeben, immer zwischendurch zu gucken, dass es allen gut geht. Das mag für Außenstehende sektenmäßig sein, und ich brauche das auch nicht, aber ist doch schön, wenn geguckt wird, dass es allen gut geht." Die Polizei hält sich in Berlin auffällig zurück. Anders als in London und anderen Städten wurden bis zum Nachmittag keine Festnahmen vermeldet.

Dabei sind viele bereit für zivilen Ungehorsam, auch Kathrin Overath. Die mehrfache Großmutter stellte nach eigenen Angaben vor fünf Jahren ihr Leben auf den Kopf, als ihr Enkel geboren wurde. "Ich dachte plötzlich, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn wir so weitermachen, wird mein Enkel mich eines Tages zu Recht fragen, warum ich nicht mehr gemacht habe."

Ihre Informationen bekam Overath damals vor allem über YouTube, erzählt sie. Kurze Zeit später sei sie vegan geworden und habe ihr Leben grundsätzlich umgestalten wollen. "Meine Familie hatte nicht so viel Verständnis dafür. Wir hatten Diskussionen ohne Ende", sagt sie.

Vor einiger Zeit zog sie mit ihrem Partner von Hessen nach Berlin, hier fand sie das Umfeld, das ihr zuvor gefehlt hatte. "Doch ich und mein Partner blieben oft traurig", erzählt sie. Was sie hier gelernt hatte, sagt Overath schließlich und zeigt über den Potsdamer Platz, sei, dass es nicht nur ihr so gehe. "Wir dürfen traurig sein und wir dürfen uns wehren. Wie wir mit der Natur umgehen, geht uns alle etwas an."

Endlich mal keine Chefideologen

Es ist dieser sanftere Umgang, der auch Lissa anzieht. Sie sitzt auf der Straße an der Siegessäule und schreibt gerade eine Protestpostkarte an ihren Bundestagsabgeordneten. Sie war auch schon in den Siebzigerjahren und Achtzigerjahren politisch aktiv, aber da hätte es immer diese Chefideologen gegeben, die sich nach vorne gedrängt hätten. Hier wäre das anders, alle würden so achtsam miteinander umgehen, dass sie sogar ihren Geburtstag hier feiern will. Am Donnerstag wird sie 76.

Auch Warnke hat sich vorgenommen, bis Ende der Woche zu blockieren, hat Zelt und Schlafsack dabei und tatsächlich scheinen viele, als seien sie gekommen, um zu bleiben. Erst am späten Nachmittag ändert sich die Stimmung. Die Polizei kündigt an, die Blockaden räumen zu lassen. Kurz bricht Unruhe unter den Demonstranten aus. Dann zieht Entschiedenheit ein. Sie wollen ihre Blockaden halten.

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