Extreme Unwetter Warum Kanada nach der Hitze jetzt von Flutwellen heimgesucht wird

Im Sommer litt Kanada unter der Hitze, jetzt wurde im Westen des Landes wegen Hochwassers der Notstand ausgerufen. Meteorologen erklären die Flutwellen mit einem Phänomen, das sie »Ananas-Express« nennen.
Überflutete Straßen im kanadischen Abbotsford

Überflutete Straßen im kanadischen Abbotsford

Foto: JENNIFER GAUTHIER / Reuters

Das Militär fliegt Menschen aus, die Millionenmetropole Vancouver ist fast abgeschnitten von der Außenwelt, und der Premier fleht die Bevölkerung an, auf Hamsterkäufe zu verzichten: An Kanadas Westküste gilt nach tagelangen Regenfällen, Überflutungen und Schlammlawinen der Notstand. Die Regierung schickt nun weitere Soldaten, auch um die Versorgung mit Trinkwasser sicherzustellen.

Mehr als 17.000 Menschen mussten wegen Überschwemmungen bereits ihre Häuser verlassen. Autobahnen und eine Bahnverbindung nach Vancouver wurden gesperrt. Die kanadische Westküstenmetropole war nur noch von den USA aus erreichbar. Auch der Zugang zum größten Hafen des Landes in Vancouver wurde unterbrochen.

»Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Tagen noch mehr Todesopfer zu beklagen sein werden«, sagte John Horgan, Premierminister von British Columbia. Die Überschwemmungen seien ein Ereignis, das nur alle 500 Jahre vorkomme. Es ist nicht das erste Extremwetterereignis in diesem Jahr an der kanadischen Westküste.

Ein Helfer evakuiert eine Mutter und ihre Kinder

Ein Helfer evakuiert eine Mutter und ihre Kinder

Foto: Darryl Dyck / AP

Während der Hitzewelle im Sommer stiegen die Temperaturen in der Region auf mehr als 49 Grad, Hunderte Menschen starben vor allem im Großraum Vancouver. Ein sogenannter Heat Dome lag damals über der Region. Solche Hitzekuppeln entstehen, wenn sich Hochdruckgebiete festsetzen und die Wärme dort speichern.

Die sintflutartigen Regenfälle der letzten Tage sind auf ein Wettersystem zurückzuführen, das »atmosphärischer Fluss« genannt wird. Diese Himmelsflüsse können Tausende Kilometer lang sein und transportieren enorme Mengen Feuchtigkeit zunächst in Form von Wasserdampf aus den Subtropen in Richtung Norden. In kühleren Regionen kondensiert der Wasserdampf und bildet Regenwolken.

Grafische Darstellung eines atmosphärischen Flusses, der auf die Küste trifft

Grafische Darstellung eines atmosphärischen Flusses, der auf die Küste trifft

Foto: JPL-Caltech | / NASA

Die starken Regenfälle, die bis in den Nordwesten der USA reichten, kamen mit dem sogenannten Ananas-Express. Das ist der atmosphärische Fluss, der warmen Wasserdampf aus der Nähe von Hawaii an die Westküste von Nordamerika führt, Teile des Kontinents auf diese Weise mit Wasser versorgt und immer wieder auch für Überschwemmungen sorgt.

In Zukunft könnten die Himmelsflüsse wegen der Erderwärmung deutlich mehr Regen von Süden nach Norden bringen. Das legen Computersimulationen der Yale University nahe, die kürzlich in »Nature« veröffentlicht  wurden. Somit wächst die Gefahr für Extremwetterereignisse wie Hochwasser in ganzen Landstrichen. Vor allem in Küstenregionen steige das Risiko von Stürmen und Überschwemmungen, schreiben die Forscher.

Nach Waldbränden nimmt der Boden weniger Wasser auf

In der Unwetterzone in British Columbia regnete es mit mehr als 24 Stunden am Stück nicht nur deutlich länger als sonst, die Intensität der Regenfälle lag auch deutlich über dem Durchschnitt. An einigen Messstellen wurden alte Rekorde von Niederschlagsmengen um das Doppelte übertroffen. Dabei waren die Flusspegel ohnehin hoch, nachdem es bereits im Oktober und Anfang November viel geregnet hatte. Auch die Böden konnten nicht mehr viel zusätzliches Wasser aufnehmen.

Zwei weitere Faktoren sorgten für noch mehr Wassermassen: Die warmen Regenfälle ließen in höheren Lagen Schnee schmelzen, was mit zu den folgenden Überschwemmungen führte. Und in Wäldern, wo im Sommer verheerende Brände gewütet hatten, ist der Boden oft hydrophob – er stößt Wasser ab, statt es aufzunehmen.

Während der »Ananas-Express« das bekannteste Beispiel ist, gibt es auch in Europa solche Himmelsflüsse, die oft im Zusammenhang mit Extremwetter stehen. Eine Studie der University of California zeigte etwa, dass besonders heftige Regenfälle in Großbritannien, Frankreich und Spanien in knapp der Hälfte aller Fälle auf solche Phänomene zurückzuführen sind.

fww
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