Forschung zu Extremwetterereignissen Klimakrise macht Hitzewellen in Indien hundertmal wahrscheinlicher

In Indien und Pakistan herrschen seit Wochen historisch hohe Temperaturen von bis zu 50 Grad. Solche Extremwetter werden in der Region künftig sehr viel häufiger auftreten, das haben britische Forscher errechnet.
Ein Mann in Neu-Delhi erfrischt sich mit Wasser

Ein Mann in Neu-Delhi erfrischt sich mit Wasser

Foto: Hindustan Times / Getty Images

Seit zwei Monaten leiden die Menschen in Indien und Pakistan unter einer beispiellosen Hitzewelle mit Temperaturen von über 40 Grad. Mehr als eine Milliarde Menschen sind betroffen. An Dutzenden Orten kletterte die Temperatur auf mehr als 45 Grad Celsius, in Neu-Delhi wurde am vergangenen Sonntag die Rekordtemperatur von 49 Grad erreicht. So hohe Temperaturen wurden zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 122 Jahren nie registriert.

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Aus Sicht von Klimaforschern sind die zunehmenden Hitzewellen in Südasien eine Katastrophe mit Ansage. »Mich überrascht, dass die meisten Leute schockiert sind, obwohl wir sie seit Langem gewarnt haben, dass sich solche Katastrophen anbahnen«, sagt etwa der Biologe Camilo Mora von der University of Hawaii. »Diese Erdregion und die meisten tropischen Gebiete zählen zu den Gebieten, die am anfälligsten für Hitze sind.«

Die Wahrscheinlichkeit für solche rekordverdächtigen Hitzewellen in der Region sind aufgrund des Klimawandels über hundertmal wahrscheinlicher, heißt es nun in einer Studie des britischen Met Office , die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler erstellten eine sogenannte Attributionsstudie, die Wahrscheinlichkeiten eines Extremwetters unter veränderten Klimabedingungen errechnet. Damit kann annäherungsweise bestimmt werden, wie viel Klimawandel in einzelnen Wetterereignissen steckt.

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Für die aktuelle Hitzewelle lässt sich das noch nicht sagen, aber die Forscher schauten sich die Rekordhitze von 2010 genauer an. Damals wurden die höchsten jemals gemessenen Durchschnittstemperaturen verzeichnet. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Rekordhitze in Indien und Pakistan auftritt, recht gering. Unter natürlichen Bedingungen würde sie nur alle 312 Jahre eintreten. Unter den aktuellen Bedingungen des Klimawandels könnte eine solche Hitzewelle die Region nun alle 3,1 Jahre treffen. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte das bei steigenden Durchschnittstemperaturen sogar alle 1,15 Jahre passieren.

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Die derzeitige neue Rekordhitze gibt den Forschern recht. »Hitzeperioden sind in der Region im April und Mai nicht ungewöhnlich, unsere Studie zeigt jedoch, dass der Klimawandel die Hitzeintensität dieser Perioden antreibt und neue Rekordtemperaturen viel wahrscheinlicher macht«, erklärte Studienautor Nikos Christidis vom Met Office. Mit der Auswertung der aktuellen Hitzewelle müsse man allerdings noch bis zum Ende des Monats warten, um verlässliche Daten zu haben.

»Was wir jetzt erleben, wird uns bald kühl vorkommen«

Auch andere Klimaforscherinnen gehen davon aus, dass die Hitze in Indien mit dem Klimawandel in Verbindung steht. Die deutsche Klimaforscherin Friederike Otto, eine Vorreiterin der Attributionsforschung, meint, es bestehe jedenfalls »kein Zweifel, dass der Klimawandel die Spielregeln in puncto extremer Hitze verändert«.

»Was wir jetzt erleben, wird in einer zwischen zwei und drei Grad wärmeren Welt normal beziehungsweise kühl sein«, so die Wissenschaftlerin des Londoner Imperial College. Auch der Weltklimarat sage für Indien und Pakistan »intensivere, längere, häufigere Hitzewellen« voraus.

Nach Angaben der indischen Regierung hat die Sterblichkeit durch Hitze in Indien seit 1980 um mehr als 60 Prozent zugenommen. Zuletzt gab es 2015 und 2019 Hitzewellen mit vielen Todesopfern.

Der Chef der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), Petteri Taalas, sprach diese Woche von einer »Kaskade der Auswirkungen« der Hitze auf die Landwirtschaft sowie die Wasser- und Energieversorgung. Überdies verschlechtert sich die Luftqualität durch die hohen Temperaturen, und das Brandrisiko steigt.

sug/afp