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16. Februar 2018, 09:55 Uhr

Mini-Fabriken

Forscher prognostizieren nächste digitale Revolution

Aus Boston berichtet

Unikate aus dem 3D-Drucker, vom Lasercutter hergestellte Bauteile: MIT-Forscher glauben an die nächste digitale Revolution, die virtuelle und reale Welt zusammenführt. Willkommen im Fablab!

Am letzten Donnerstag wurde ich Zeuge, wie drei Brüder eine Revolution ausriefen. Sie sagten, diese werde die Welt verändern. Es war eine eigenartige Erfahrung.

Zwei der drei Brüder hatten auf Stühlen im Ausstellungsraum des MIT-Museums Platz genommen, der dritte war übers Internet zugeschaltet. Sie sprachen von der "dritten digitalen Revolution", die sie im Begriff seien anzustoßen, und je länger sie darüber redeten, desto euphorischer wurden sie.

Vor ihnen hatte sich eine Handvoll Zuschauer auf drei Stuhlreihen verstreut, und selbst diese wenigen wollten nicht recht Feuer fangen. Es hatte den Anschein, als seien sie der vielen Technikrevolutionen, die derzeit verkündet werden, eher überdrüssig.

Die drei Brüder focht das nicht an. Mit ihren gepflegten, graumelierten Vollbärten sahen diese drei gesetzten Herren irgendwie nicht aus, wie ich mir Revolutionäre vorstelle. Aber Bärte trugen Marx und Engels schließlich auch.

Der Replikator aus "Star Trek" wird Wirklichkeit

Im Übrigen sind diese drei keine Unbekannten. Vor allem Neil Gershenfeld, der mittlere der drei Brüder und der eigentliche Motor des Trios: Er leitet gleich nebenan das "Center for Bits and Atoms" des MIT. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die virtuelle Welt der Nullen und Einsen mit der realen Welt der Atome zu versöhnen.

Seine Verheißung: Nachdem erst der PC die Datenverarbeitung revolutioniert habe, und dann das Internet die Kommunikation, sei es nun Zeit für einen dritten großen Umbruch. Diesmal gehe es darum, die Produktion umzukrempeln. Der Herstellungsprozess eines jeden Produkts lasse sich - ähnlich wie Musik, Filme oder Software - als digitaler Strang von Nullen und Einsen darstellen.

Und wenn erst die Fabrikation aller Dinge auf diese Weise digitalisiert sei, dann werde sich die Möglichkeit auftun, dass sich jedermann alles, wonach sein Herz begehrt, selbst machen kann. Kurzum: Neil Gershenfeld verspricht, dass der Replikator aus "Star Trek" Wirklichkeit werde.

Während Neil, der Physiker und Informatiker, hastig und stets um Luft ringend von den Segnungen der neuen Ära predigte, übernahmen die beiden Brüder Alan und Joel, im Ton etwas gelassener, die Rolle der Mahner. Sie stellten sich als Vertreter der Sozial- und Geisteswissenschaft vor, die den naiven Enthusiasmus ihres Bruders Neil bändigen wollten.

Diesen allerdings stachelten die Einwände seiner Brüder nur an. Denn auch Alan und Joel hegen nicht den geringsten Zweifel daran, dass Bruder Neil die Welt verändern wird. Sie sehen ihre Aufgabe darin, alles in die richtigen Bahnen zu lenken. Sie wollen helfen, diesmal jene Fehler zu vermeiden, die den Pionieren der beiden ersten digitalen Revolutionen unterlaufen seien.

Diesmal, sagen Alan und Joel, dürfe es nicht passieren, dass die Hälfte der Menschheit als digitale Analphabeten den Anschluss verliert. Auch gelte es zu verhindern, dass wieder einige wenige Großkonzerne die Kontrolle übernehmen.

Öffentlich zugänglicher Maschinenpark

Bruder Neil schwärmte unterdessen, die Zukunft habe längst begonnen, genau genommen vor 15 Jahren schon. Damals hob er am MIT das erste "Fablab" aus der Taufe. Es besteht aus 3D-Druckern, Lasercuttern, Fräsmaschinen und Computern: einem öffentlich zugänglichen Maschinenpark, in dem jeder, der Interesse daran hat, eigene Produktideen verwirklichen darf.

Gleichzeitig mit dieser Fabrik für Jedermann startete Gershenfeld eine Vorlesung, die inzwischen Kultstatus am MIT hat. Der ambitionierte Titel: "How to Make (almost) Anything" - zu deutsch: Wie man (fast) alles herstellen kann.

Das Fablab erwies sich als Erfolg, niemand stellt das infrage. Aber ist es nicht trotzdem etwas vermessen, diese Verwirklichungsstätte für Heimwerker gleich zur Keimzelle einer neuen Form von Industriegesellschaft zu erklären? Keineswegs, meint Neil Gershenfeld. Auch als einst das Computerzeitalter anbrach, hätten die wenigsten die ganze Tragweite der Veränderung begriffen.

Unerhörte Dynamik

Der Forscher stützt seine Vision vom Anbruch einer neuen Ära vor allem auf eine Tatsache: Die Anzahl der Fablabs weltweit nimmt exponentiell zu. Egal ob in Ruanda oder Brasilien, Lappland oder Katalonien, Bottrop oder Regensburg: Überall sind inzwischen Fablabs entstanden. Alle anderthalb Jahre verdoppelt sich ihre Zahl - auf weltweit inzwischen mehr als 1000.

Technikvernarrte lässt so etwas aufhorchen. Denn es erinnert an das berühmte "Mooresche Gesetz". Dieses besagt, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Mikrochip etwa alle 18 Monate verdoppelt. Dieses Gesetz gilt seit nunmehr 50 Jahren, und mit seiner unerhörten Dynamik gibt es dem digitalen Zeitalter den Takt vor.

Genau diese Dynamik, meint Gershenfeld, entfalte sich nun auch auf dem Feld der digitalen Produktionstechnik. Und zumindest in einem muss man ihm recht geben: Falls sich der bisherige Trend fortsetzen sollte, wären die Folgen atemberaubend: Bis zum Jahr 2033 gäbe es weltweit eine Million Fablabs, und etwa zur Halbzeit dieses Jahrhunderts wäre der Punkt erreicht, an dem sich jeder Erdenbürger seine eigene Fabrik zur Herstellung von allem leisten könnte.

Es fällt zwar schwer, sich vorzustellen, dass es so weit kommen könnte. Für Neil Gershenfeld jedoch zeugen Zweifel daran nur von einem Mangel an visionärer Kraft. Meisterhaft vermag der Vordenker der "Maker-Bewegung" jeden Einwand zu kontern.

Die Fablabs dienten doch letztlich nur dazu, Tinnef herzustellen, nutzloses Zeug, das zwar ganz nett sei, doch alles andere als revolutionär? Genau das, sagt Gershenfeld, hätten die Skeptiker einst auch über den PC gesagt. Nichts als Spielzeug, spotteten die IBM-Strategen - bis der PC für sie selbst zur Existenzbedrohung wurde.

Abschied vom Geld

Für die Fablabs gebe es ja gar kein richtiges Businessmodell? Es sei unklar, wie sich damit Geld verdienen lasse? So könnten nur Kleingeister denken, entgegnet Gershenfeld. Die Fablabs würden sogar alle gängigen Businessmodelle über den Haufen werfen. Heute verdienten die Menschen ihr Geld damit, Dinge herzustellen, die sie gar nicht brauchten, um sich dann mit diesem Geld die Sachen zu kaufen, die sie wirklich wollten.

In der Zukunft hingegen werde dieser Umweg überflüssig sein. Denn im Fablab könnten die Menschen gleich das Gewünschte produzieren. Arbeit, Fabrik, Geldverdienen - dieser ganze lästige Kreislauf gehöre dann der Vergangenheit an.

Gershenfeld wäre kein rechter Visionär, wenn er nicht längst einen Begriff für den Moment der großen Zeitenwende ersonnen hätte. Er bedient sich eines Terminus' aus der Energiewirtschaft. Dort nennt man den Zeitpunkt der weltweit maximalen Ölförderung "peak oil". In entsprechender Weise werde unsere Industriegesellschaft schon bald an den Punkt kommen, an dem die Nutzung von Geld als Zahlungsmittel für Arbeit und Produkte ihren Höhepunkt erreicht haben werde. Für Gershenfeld ist klar: Das heißt dann "peak money".

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