Christian Stöcker

Facebook in Australien Schrott geht immer

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
In Australien gibt es bei Facebook keine Nachrichten mehr zu sehen, die Auswirkungen reichen bis zu uns. Die falschen Leute streiten dort aus den falschen Gründen – der Konflikt ist weltweit relevant.
Schrott geht immer und ist im Überfluss vorhanden. Wo ist das Problem?

Schrott geht immer und ist im Überfluss vorhanden. Wo ist das Problem?

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Robert Cianflone / Getty Images

Man muss sich den Blogeintrag  von Facebooks Australien-Chef William Easton von Marlon Brando als Vito Corleone vorgetragen vorstellen. Diese gepresst klingende, müde, heisere Stimme, die Drohung gut sichtbar versteckt unter tiefer Sorge: Sie haben »unsere Beziehung fundamental missverstanden (…), Sie stellen uns vor eine krasse Entscheidung: Uns an das Gesetz zu halten, das die Realitäten dieser Beziehung ignoriert, oder damit aufzuhören, in unseren Diensten in Australien Nachrichteninhalte zuzulassen. Schweren Herzens wählen wir Letzteres.«

Schweren Herzens, das steht da wirklich.

Die Sachlage, kurz zusammengefasst: Australiens nicht übermäßig sympathische Regierung – Premierminister Scott Morrison ist zum Beispiel ein großer Fan der Kohle und ambivalent in Sachen Klimawandel – hat sich mit Facebook und Google angelegt, im Auftrag der großen Verlags- und Medienhäuser des Landes. Auch Letztere sind teils nicht übermäßig sympathisch. Viele davon gehören nämlich dem Murdoch-Clan.

Aktueller Stand des Konflikts: Weltweit, auch bei uns, kann man bei Facebook keine Links zu den Inhalten von australischen Medien mehr posten.

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»Seid gefälligst dankbar«

Eine unsympathische Regierung hat also im Auftrag unsympathischer Medienhäuser ein Gesetz beschlossen, das den Verlagen Geld einbringen soll. Facebook reagiert mit einem Nachrichten-Generalstreik für australische Medien.

Die Logik in der Debatte zwischen Verlegern und Internetplattformen ist seit Jahren die gleiche, auch in Europa:

  • Verleger: »Ihr zeigt doch unsere Inhalte in euren Angeboten an, das macht eure Angebote attraktiver, aber wir verdienen daran nichts. Das muss sich ändern.«

  • Plattformen: »Klar verdient ihr daran: Unsere Plattformen verschaffen euren Inhalten Reichweite, wir bringen die Kundschaft zu euch. Wenn ihr an dieser Kundschaft dann nicht so viel verdient, wie ihr gern verdienen würdet, ist das euer Problem, nicht unseres. Seid gefälligst dankbar.«

Bislang gehen diese Auseinandersetzungen immer auf die gleiche Weise aus:

  • Plattformen: »Ihr wollt Geld, wenn wir eure Inhalte anzeigen? Dann zeigen wir sie eben nicht mehr an. Ihr werdet ja sehen, wo ihr dann bleibt.«

So geschehen zum Beispiel 2014 bei Google News in Spanien. Spanien blieb hart. Google News Spanien wurde geschlossen. Wie sehr das spanischen Zeitungen wirklich geschadet hat, ist heute umstritten .

Die Reaktion der Verlage und Medienhäuser in Deutschland war eine andere: Nachdem das sogenannte Leistungsschutzrecht trotz aller Einwände erfolgreich herbeilobbyiert worden war, stellen die Medienhäuser zerknirscht fest, dass sie auf die Reichweite der Plattformen doch nicht verzichten wollten. Viele Verlage erteilten Google eine »Gratiseinwilligung«. Reichweite ja, Geld nein.

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Behördenseiten miterwischt

Wie man das von den großen Plattformen gewohnt ist, kam es beim aktuellen Nachrichtenstreik in Australien zu Kollateralschäden: Facebook machte versehentlich nicht nur das Teilen von Beiträgen australischer Medienhäuser unmöglich, sondern erwischte zum Beispiel auch öffentliche Gesundheits- und Katastrophenschutzdienste . Unglücklich, mitten in einer Pandemie und mitten in der Buschbrandsaison. Die Maschine war's! Was aber, wenn die Maschine ein elementarer Bestandteil einer Gesellschaft geworden ist?

Auch Seiten, die der Suizidprävention dienen oder Opfern häuslicher Gewalt Hilfe anbieten, fielen dem Bannstrahl zum Opfer, der eigentlich doch nur die gierigen Verleger treffen sollte. Und so einiges mehr . Premierminister Morrison kündigte unterdessen an, er werde sich mit anderen Regierungschefs gegen Facebook verbünden .

Schmieren oder streiken

Gut sieht in diesem Konflikt keine der beiden Seiten aus. Er illustriert die Hilflosigkeit der traditionellen Medienanbieter angesichts einer fundamental veränderten Öffentlichkeit und bröselnder Geschäftsmodelle. Vor allem aber illustriert er die wachsende Ungeniertheit der Netzgiganten bei der Zurschaustellung ihrer Macht.

  • Brando-Stimme: »Hübsche Reichweite haben sie da. Wäre doch schade, wenn der etwas zustößt.«

Google ging anders vor: Dort schloss man mit einzelnen australischen Medienhäusern Verträge ab, sodass jetzt tatsächlich Geld von der Suchmaschine zu den Verlagen fließt. Auch zu Murdochs Klimakrisenabwieglermedien. Das sind die zwei Taktiken: schmieren oder streiken. Am Grundproblem ändern beide nichts.

Super, dieser QAnon-Content!

Es geht – für den Rest der Menschheit – nämlich um etwas anderes als Geld. Facebook (und zum Beispiel auch YouTube) vermarktet die Aufmerksamkeit seiner Nutzer. Womit diese Aufmerksamkeit angezogen und gehalten wird, ist zweitrangig.

Reine Aufmerksamkeitsoptimierung aber produziert  zwangsläufig Kollateralschäden : Empfehlungskaskaden, die Pädophile zu Videos von Kindern in Badekleidung  führen. Top-Reichweite für Verschwörungstheoretiker, Anti-Impf-Propaganda und rechtsextremen Hass. Desinformation, Agitation, Terror-Livestreams und -Propagandavideos. Und so weiter. Am Ende wird das Kapitol gestürmt.

Dieser QAnon-Content, der lief super! Das ist doch alles das Gleiche im Grunde. Hauptsache, die Leute bleiben da und sehen noch mehr Werbung.

»Geschäftlicher Gewinn durch Nachrichten minimal«

Tatsächlich hat Facebooks Australien-Chef Easton vermutlich recht, wenn er schreibt: »Für Facebook ist der geschäftliche Gewinn durch Nachrichten minimal.« Das neue Gesetz, so Easton, »bestraft Facebook für Inhalte, um die es nicht gebeten und die es sich nicht genommen hat«. Wie gesagt: alles Content. Schrott geht immer und ist im Überfluss vorhanden. Wo ist das Problem?

In vielen Ländern sind Facebook und Google aber eben nicht nur irgendwelche Unternehmen, die im Internet mit Werbung Geld verdienen. Sie sind elementare Bestandteile der Infrastruktur der Öffentlichkeit selbst, und zusätzlich Quasi-Monopolisten. Dieser Umstand ist sehr gut fürs Geschäft. Unangenehm wird es erst, wenn man plötzlich Verantwortung übernehmen soll für das, womit man sein Geld verdient.

Das Zeitbudget der Menschheit neu arrangiert

Man hat diese mit User-Interface-Design und automatisierter Kuratierung optimierten Aufmerksamkeitssauger geschaffen, die das Zeitbudget fast der gesamten Menschheit grundlegend neu arrangiert haben – und jetzt soll man plötzlich für die Konsequenzen verantwortlich sein! Man kann mit der Haltung »Move fast and break things« (schnell agieren und Dinge kaputtmachen) bestimmt ein Start-up schnell und agil hochziehen, aber keine globale gesellschaftliche Infrastruktur betreiben.

Jetzt kommen die großen Fragen plötzlich Schlag auf Schlag. Trump sperren, ja, nein, und wenn ja: wann? QAnon blocken? Impfgegnern Reichweite entziehen? Pogrome  verhindern? Terrorpropaganda stoppen? Ist doch alles Content.

Große Macht, um es mit Spider-Mans Onkel zu sagen, bringt eben auch große Verantwortung mit sich.

In Australien haben die falschen Leute aus den falschen Gründen einen erbitterten Konflikt angezettelt. Das eigentliche Problem aber ist viel grundlegender: Wer entscheidet wie, was Reichweite bekommt, worüber gesprochen wird, welche (Des-)Information ein Publikum findet?

Es ist bitter nötig, dass endlich offen und weltweit darüber diskutiert wird.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.