Fairness Warum der Mensch Gerechtigkeit will

Teilen oder lieber alles selbst behalten? Die Frage nach dem Ursprung der Fairness treibt die Fachwelt schon lange um. Jetzt haben US-Forscher herausgefunden: Der menschliche Gerechtigkeitssinn hat eine lange evolutionäre Geschichte.
Ist das fair? Ein junges Kapuzineräffchen schielt auf das Leckerli des Alpha-Männchens

Ist das fair? Ein junges Kapuzineräffchen schielt auf das Leckerli des Alpha-Männchens

Foto: Frans de Waal

Wer kleine Kinder hat oder mal beobachtet, wird es kennen: Der Vater hat für beide Kinder dasselbe Spielzeug besorgt - und dennoch gibt es Streit. Da ist eine winzige Kleinigkeit, die er übersehen hat: Der eine Gummiball ist ein bisschen größer als der andere, ein bisschen blauer oder ein bisschen grüner. "Das ist ungerecht", schreit es aus empörtem Kindermund und der Schenkende bereut schon, überhaupt etwas besorgt zu haben.

Wenn schon die Kleinen so nach Gerechtigkeit schreien, drängt sich die Frage auf - woher kommt das menschliche Gespür für Fairness? Bekommt jeder Mensch für seine moralische Grundausstattung gleich einen angeborenen Gerechtigkeitssinn mit in die Gene gelegt?

Mit dieser Frage haben sich jetzt Forscher um Sarah Brosnan und Frans de Waal beschäftigt. Sie wühlten sich dafür durch eine Sammlung von Studien und untersuchten die Reaktion auf gleiche und ungleiche Belohnung bei anderen Primaten. Ihre These: Ein Feingefühl für Gerechtigkeit eröffnet evolutionäre Vorteile. Kooperatives Verhalten hätte sich nicht entwickeln können, gäbe es nicht einen tieferliegenden Mechanismus, der garantiert, dass die Erträge und Gewinne anschließend auch geteilt würden, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Science" .

Leckere Traube oder schnöde Gurke?

Ihre eigenen Untersuchungen zum Thema begannen Sarah Brosnan von der Georgia State University und Frans de Waal von der Emory University bereits vor über zehn Jahren. In einem Experiment belohnten sie Kapuzineräffchen für dieselbe Aufgabe mit unterschiedlichen Leckerli. Einmal mit einer Traube, einmal mit einem Stück Salatgurke. Gurke ist gut, aber Trauben sind besser. Das Ergebnis: Der schlechter entlohnte Affe kann es gar nicht fassen, dass er keine süße Traube bekommt sondern nur schnöde Gurke - und flippt förmlich aus vor Wut.

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Auch Experimente mit Schimpansen zeigten: Die Primaten haben einen Sinn für Gerechtigkeit. Sie teilten Futter mit Artgenossen - zumindest, wenn sie andernfalls selbst Einbußen fürchten mussten. In freier Wildbahn sind die Tiere auf Kooperation angewiesen. Um sich die Vorteile des kooperativen Verhaltens zu sichern, müssten die Tiere vermutlich einen Sinn für Fairness besitzen, so die Vermutung der Forscher.

Was sich an Affen schön beobachten lässt, kommt auch unter Menschen vor. Wenngleich auch etwas komplexer, da es - zumindest bei Erwachsenen - meist um etwas mehr geht als eine Weintraube.

Am Ende sei auch nicht wichtig, weniger oder mehr als ein anderer zu bekommen, so Brosnan und de Waal. Entscheidend sei der Wille eines Individuums, etwas abzugeben, um nützliche Langzeit-Bindungen zu schaffen und zu stabilisieren. "Das Gefühl für Gerechtigkeit ist die Basis für eine ganze Reihe von Systemen in der menschlichen Gesellschaft - angefangen bei der Lohndiskriminierung bis zu internationaler Politik", so Brosnan. Mit ihrer Meinung steht sie nicht allein.

Das Gute in uns

Der Ökonom Ernst Fehr von der Universität Zürich führt seit einigen Jahren einen Kampf für die Anerkennung des Guten im Menschen. Vertrauen, Gerechtigkeitssinn und Mitgefühl sind in den Augen des Experimentalökonomen wichtige Bedingungen für Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg.

So seien Menschen in Spielexperimenten bereit, eine Geldsumme mit einer anderen Person zu teilen, obwohl sie das eigentlich nicht machen müssten. Schwieriger allerdings werde es, wenn man eine Vierergruppe von Menschen anonym auffordert, Geld für eine Gemeinschaftsaufgabe zu geben - und ihnen die Möglichkeit lässt, nichts zu zahlen, aber trotzdem von dem Geld zu profitieren, das andere einzahlen. Ein Beispiel für ein solches Verhalten sind beispielsweise die Schwarzfahrer in der U-Bahn. So stellte Fehr fest: Schmarotzer gibt es leider immer. Vor allem, wenn die Experimente in Ländern gemacht werden, in denen Misswirtschaft und Korruption herrschen.

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Hilfsbereitschaft: Der Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit

Foto: Corbis

Die Untersuchungen von Brosnan und de Waal legen nahe, dass der menschliche Gerechtigkeitssinn eine lange evolutionäre Geschichte hat. Die These der Forscher: "Die Voraussetzung dafür, dass der Mensch ein Gefühl für Gerechtigkeit entwickeln konnte", schreiben sie, "waren seine zunehmenden kognitiven Fähigkeiten, seine emotionale Kontrolle sowie der zunehmende Druck, enger zu kooperieren."

khü
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