Christian Stöcker

Öffentliche Meinung Fake News werden nicht die Wahl entscheiden

Werden Bots, Desinformation und Echokammern den Bundestagswahlkampf bestimmen? Wird Propaganda bei Facebook den Radikalen Wähler zutreiben? Ein Blick in die Forschung gibt Antworten.
Fake-News-Button

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Foto: Franziska Gabbert/ dpa

Es ist in den vergangenen Monaten viel gesprochen und geschrieben worden über Fake News, Filterblasen, Echokammern und Hassrede, über Social Bots und gezielte Leaks. In der Tat mehren sich die Belege, dass aus einer ganz bestimmten Richtung einiger Aufwand betrieben wird, um den gesellschaftlichen Diskurs in westlichen Demokratien zu beeinflussen und damit auch Wahlergebnisse .

Das bislang extremste europäische Beispiel sind die sogenannten "MacronLeaks", in denen offenbar nicht einmal ihre Verbreiter etwas Inkriminierendes gefunden hatten. Also fälschten sie stattdessen noch ein paar Dokumente, ohne Erfolg. Eine Taktik übrigens, die man auch aus anderen Zusammenhängen kennt.

Fotomontage mit Schulz und KZ-Insassen

Auch für den deutschen Informationsmarkt werden Nachrichten gefälscht. Ich hatte diese Woche das Glück, gemeinsam mit David Schraven auf einem Podium zu sitzen, dem Leiter des Recherchebüros Correctiv , das jetzt für auf Facebook verbreitete Behauptungen Fake-News-Factchecking betreiben soll.

Schraven kennt das Problem aus der Nähe und erzählte beispielsweise von der frei erfundenen, aber sogar mit gefälschten Dokumenten untermauerten Behauptung, der Vater von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sei ein SS-Mann und KZ-Kommandeur gewesen. Die Geschichte, ich habe ein bisschen recherchiert, ist schon über ein Jahr alt.

Im März 2016 tauchte sie beispielsweise in einem polnischen Blog auf, komplett mit einem aus der Wikipedia kopierten Bild eines echten SS-Mannes, der in Wahrheit aber Koch hieß, nicht Schulz. Im Januar 2017 griff dann eine deutschsprachige Rechtspropaganda-Website mit russischer Domain das Märchen auf, garniert mit einer Fotomontage mit Schulz und abgemagerten KZ-Insassen.

Diese Geschichte sei im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen gezielt in Facebook-Gruppen für Wahlkreise gestreut worden, in denen die AfD sich gute Chancen ausrechnen konnte, sagt Schraven. Teils mit Erfolg, zum Beispiel in Gegenden, wo viele Russlanddeutsche leben. Schraven hat Sorge, dass solche Methoden auch im Bundestagswahlkampf fruchten könnten.

Ein kleiner Vergleich mit den USA

Vermutlich hat er mit seiner Sorge Recht, aber ich halte die Gruppe, die so zu erreichen ist, für relativ klein. Um zu erklären, warum, ist ein kleiner Vergleich zwischen Deutschland und den USA hilfreich.

Im Kern geht es um die Frage, wie Plattformen wie Facebook die Meinungsbildung beeinflussen. Mein ehemaliger Kollege Konrad Lischka und ich haben dazu diese Woche ein 80-seitiges Arbeitspapier veröffentlicht, das Sie hier herunterladen können . Aber keine Angst, hier kommt eine Kurzfassung:

Ob algorithmisch sortierte Medieninhalte Menschen in Echokammern treiben, in denen sie nur noch lesen und sehen, was ihrer politischen Meinung entspricht, hängt zum Beispiel von der politischen Polarisierung des jeweiligen Landes ab. Die USA sind massiv polarisiert, der politische Diskurs ist vergiftet. Und das wird seit Jahrzehnten immer schlimmer - auch dank massiv parteiischer Massenmedien wie "Fox News".

Man könnte auch sagen: US-Medienkonsumenten sind mit Fake News, die primär der Festigung ihres Weltbildes dienen, schon seit vielen Jahren vertraut. Ein gewaltiger Teil der Anhänger der Republikaner bezieht seine Informationen nur von "Fox" .

In Deutschland hingegen nimmt die Parteienbindung seit Jahrzehnten ab, was unter anderem mit Verhältniswahlrecht und wechselnden Koalitionen zu tun hat. Die Einzigen, die hierzulande extreme Polarisierung anstreben, sind die Hardcore-Fans von AfD und Pegida.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Um aber Geschichten wie "Hillary Clinton betreibt einen Kinderschänderring in einer Pizzeria in New York" aus dubiosen Quellen unbesehen Glauben zu schenken, ja sie selbst weiterzuverbreiten, braucht es zudem ein gewaltiges Maß Abscheu für den politischen Gegner. Ist die vorhanden, greifen auch kognitive Mechanismen wie die Bestätigungsverzerrung noch besser: Was ins Weltbild passt, wird geglaubt, was nicht passt, wird abgewertet.

Gleichzeitig lohnt ein rechtsgerichtetes bis verschwörungstheoretisches mediales Ökosystem, wie es in den USA existiert , sich eben erst so richtig, wenn man ein großes Publikum hat. Seiten, die ähnlich abgedreht sind wie "Inforwars" oder "Ending the Fed" gibt es auf Deutsch durchaus - sie sind aber Nischenpublikationen für wenige. Viel Geld ist damit nicht zu holen. Die "Nachrichten"-Seite des berüchtigten Kopp-Verlags etwa wurde aufgrund mangelnder Erlöse wieder eingestellt.

Wir sind jetzt vorbereitet

All das heißt nicht, dass es Echokammern für Menschen mit bizarren Vorstellungen nicht auch hierzulande gibt, von Chemtrails bis "Migrationswaffe". Je weiter draußen jemand in seinen Vorstellungen ist, desto schädlicher können algorithmische Sortierungen sein .

Bislang aber erreichen solche Gruppen keine wahlentscheidenden Größenordnungen. Zwar wird der eine oder andere Wähler womöglich von Propaganda dazu gebracht werden, eine bestimmte Partei zu wählen. All das aber, da bin ich mir ziemlich sicher, wird die Bundestagswahl im Herbst nicht entscheiden.

Eine offene Frage bleibt allerdings: Wenn doch irgendwann Daten über deutsche Politiker - etwa aus dem Bundestags-Hack - gezielt lanciert werden, die wirklich Belastendes enthalten, könnte das die Wahl durchaus beeinflussen. Doch auf eins sind wir jetzt vorbereitet: Die deutsche Öffentlichkeit mit gefälschten Leaks zu narren, wird nach der breiten Diskussion der letzten Monate deutlich schwieriger werden.

Bleibt also zu hoffen, dass die Wähler auf Basis dessen entscheiden werden, worum es eigentlich geht: politische Inhalte.