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30. August 2010, 14:22 Uhr

Fakten zu Sarrazins Thesen

Die Mär von der vererbten Dummheit

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Sind Menschen bestimmter Herkunft von Natur aus dümmer? Thilo Sarrazins krude Thesen lassen eine alte Debatte erneut aufflammen, doch Forscher haben den Streit längst entschieden - unter anderem durch Beobachtungen in Deutschland. Weiße sind nicht schlauer als andere.

Ethnische Gruppen sind genetisch verschieden - und deshalb auch unterschiedlich intelligent: Diese These ist uralt und von der modernen Forschung längst widerlegt. Und sie ist offenbar nicht totzukriegen, wie die Debatte um Thilo Sarrazin eindrucksvoll beweist.

"Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer", sagte der Bundesbank-Vorstand auf einer Veranstaltung im Juni. Einwanderer "aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika" wiesen weniger Bildung auf als Einwanderer aus anderen Ländern - und sie bekämen mehr Kinder als Deutsche. Es gebe "eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz", sagte der frühere Finanzsenator Berlins. In seinem Buch, das am heutigen Montag erscheint, legt Sarrazin nach: Er behauptet unter Berufung auf Darwin und Mendel, dass 50 bis 80 Prozent der Intelligenz vererbt würden - und spricht von genetischen Unterschieden zwischen den Ethnien.

Die Theorie der angeblich unterschiedlich intelligenten Ethnien ist Jahrzehnte alt und wird immer wieder neu aufgetischt. 1994 etwa legten der Psychologe Richard Herrnstein und der Politologe Charles Murray das Buch "The Bell Curve" vor, in dem sie fordern, amerikanischen Studenten mit dunkler Hautfarbe den Zugang zu Universitäten nicht weiter zu erleichtern: Aufgrund ihrer Erbanlagen seien Schwarze nun einmal weniger intelligent als Weiße.

25 Jahre zuvor hatte der Psychologe Arthur Jensen von der University of California in Berkeley einen Aufsatz veröffentlicht, der Leistungsunterschiede in den Schulen als erbbedingt darstellte: Die meisten minderbegabten Kinder hätten eine dunkle Hautfarbe, deshalb sei mangelnde Intelligenz ein Merkmal ihrer Ethnie. Aus diesem Grund würde es auch nichts bringen, Kinder aus sozial benachteiligten Minderheiten besonders zu fördern.

Der lange Schatten der Sklaverei

Zu Zeiten der Sklaverei hat die US-Gesellschaft Menschen mit dunkler Hautfarbe Schulausbildung und den Zugang zu Büchern verweigert. Viele Generationen wurden von der weißen Bevölkerungsmehrheit systematisch von der Bildung ausgeschlossen. Die offizielle Abschaffung der Sklaverei änderte daran wenig: Die Kinder mit dunkler Hautfarbe gingen auf miserabel ausgestattete Schulen für Schwarze. Wenig verwunderlich war es deshalb, dass Kinder mit dunkler Hautfarbe benachteiligt waren, als sie in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf jene öffentlichen Schulen kamen, die bis dahin weißen Kindern vorbehalten waren.

Die aus dieser Diskriminierung resultierenden Schulleistungen schwarzer Kinder haben weiße Demagogen in den USA immer wieder als Beweis dafür angeführt, schwarze Menschen seien aufgrund ihrer genetischen Ausstattung intellektuell unterlegen - eine perfide Strategie. Selbst Nobelpreisträger sind vor diesem Denken nicht gefeit, wie der Fall James Watson zeigte. 2007 sagte der Mitentdecker der DNA-Doppelhelix, er sehe die Zukunft Afrikas pessimistisch, weil dessen Bewohner weniger intelligent seien. Zahlreiche Fachkollegen waren empört, das renommierte Cold Spring Harbor Laboratory entzog Watson das Amt des Kanzlers.

Ausgerechnet im Westdeutschland der Nachkriegszeit hat ein natürliches Experiment eindrucksvoll gezeigt, dass die Hautfarbe keinen Einfluss auf die Intelligenz hat. Etliche Soldaten der US-Armee haben Nachwuchs mit deutschen Frauen gezeugt: die damals so genannten Besatzungskinder. Einige dieser Kinder haben einen hellhäutigen Amerikaner zum Vater, andere einen dunkelhäutigen. Die Kinder wuchsen in Deutschland auf und konnten die gleichen Schulen besuchen.

Was deutsche Besatzungskinder verraten

Im Psychologischen Institut der Universität Hamburg war es Klaus Eyferth, der darin eine einmalige Chance sah. Denn anders als in den USA konnte man in Deutschland davon ausgehen, dass sich farbige und weiße Besatzungskinder "in allen Merkmalen gleichen, die außer der Farbigkeit deren Entwicklung wahrscheinlich beeinflussen (uneheliche Geburt, sozialer Status etc.)."

Die Wortwahl von 1961 mag heute befremdlich wirken, doch seine Studie ging Psychologe Eyferth unvoreingenommen an. 264 Kinder und Jugendliche ließ er einen Intelligenztest absolvieren: 181 der Prüflinge waren farbig, 83 waren weiß. Das Ergebnis: Einerseits schnitten Jungen mit dunkler Hautfarbe etwas schlechter ab als die Knaben mit heller Haut. Andererseits erzielten die Mädchen mit dunkler Hautfarbe etwas bessere Ergebnisse als die hellhäutigen Mädchen. Zusammengenommen haben die an den Zehnjährigen durchgeführten Intelligenztests ergeben: Schüler mit einem hellhäutigen Vater lagen bei einem durchschnittlichen IQ von 97; jene mit einem dunkelhäutigen Vater kamen auf einen Wert von 96,5 - praktisch gibt es also keinen Unterschied.

Mittlerweile haben auch Molekularbiologen herausgefunden, dass die Hautfarbe nichts mit der Intelligenz zu tun hat: Zwei Menschen gleicher Hautfarbe können sich genetisch stärker unterscheiden als zwei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe.

Die biologische Wurzel der Intelligenz existiert nicht

Auch was Intelligenzunterschiede innerhalb einer ethnischen Gruppe angeht, sind die Genforscher trotz großer Anstrengungen nicht fündig geworden. Der Verhaltensgenetiker Robert Plomin aus London hat das Erbgut Tausender Schulkinder nach Abschnitten durchsucht, die mit der Intelligenz zusammenhängen könnten. Am Ende blieb eine Assoziation übrig, aber sie erklärt nur 0,4 Prozent der beobachteten Intelligenzunterschiede.

Das bedeutet: Eine biologische Wurzel, bestehend aus einem oder einigen wenigen Intelligenz-Genen, gibt es nicht - ebenso wenig wie ein Krieger-, ein Mathe-, ein Diktator- oder ein Schwulen-Gen. Offenbar sind es Hunderte, wenn nicht gar Tausende Gene, die für die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen eine Rolle spielen - und wie sie das tun, entscheidet sich im Zusammenspiel mit der Umwelt.

Wie wichtig äußeren Reize für die Entfaltung des Gehirns sind, haben die Psychologen Sharon Landesman Ramey und Craig Ramey von der Georgetown University in Washington dokumentiert. Es ging um Kinder, deren leibliche Eltern gesund waren, aber äußerst arm und schlecht ausgebildet. In einem Projekt kamen die Kinder im Alter von sechs Wochen tagsüber in eine besondere Krippe, in der es für drei Kinder einen Lehrer gab und in der sie besonders gefördert wurden.

Nach drei Jahren war der IQ dieser Kinder um etwa 13 Punkte höher als bei Kindern gleichen Alters und gleicher sozialer Schicht, die nicht in den Genuss der Förderung gekommen waren. Diese Verbesserungen werden über neurobiologische Vorgänge vermittelt. Die Erfahrungen und Herausforderungen, der Zuspruch der Lehrer und die spielerischen Aufgaben erhöhen die Aktivität bestimmter Gene in den Nervenzellen. In diesem Wechselspiel prägt sich jener Zustand aus, den man Intelligenz nennt.

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