Fall Amstetten Wie Kerker-Opfer innerlich sterben

Erschöpfung, Resignation, Selbstaufgabe: Der Kölner Traumapsychologe Gottfried Fischer erklärt, was mit Menschen passiert, die jahrelang eingekerkert sind. Doch die Forschung zeigt, dass manche Kinder eine solche Leidenserfahrung ohne größere Schäden überstehen können.


SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit Menschen, die 20, 25 Jahre eingesperrt sind, ohne Hoffnung, jemals freizukommen?

Gottfried Fischer: Die Betroffenen resignieren, sie fügen sich in die Situation und hören auf nachzudenken. Die Persönlichkeit verändert sich, das ist sozusagen ein innerer Tod. Wenn auch noch Reize fehlen, etwa weil es dunkel und der Raum schallgedämpft ist, kommt es zur sogenannten sensorischen Deprivation. Schon nach 12 bis 24 Stunden treten Kompensationserscheinungen auf: Erschöpfung, Überreizung, Halluzinationen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hält die menschliche Psyche solch eine Extremsituation aus? Was wissen Psychologen zum Beispiel von KZ-Häftlingen?

Fischer: Es gibt Menschen, die haben einen extremen Überlebenswillen entwickelt - trotz der aussichtslosen Situation. Andere wollten nach ihrer Ankunft im Konzentrationslager einfach nicht mehr weiterleben und sind dann tatsächlich gestorben. Diese sogenannten Muselmänner, Menschen, die sich teilnahmslos ihrem Schicksal ergaben bis hin zum Tod, kamen oft aus besseren Verhältnissen und fühlten sich außerstande, unter den grässlichen Bedingungen des KZ weiterzuleben.

SPIEGEL ONLINE: Können Langzeitinhaftierte nach ihrer Freilassung wieder ein normales Leben führen?

Fischer: Die Betroffenen haben auf jeden Fall große Anpassungsschwierigkeiten an die Freiheit. Deshalb achtet man im Strafvollzug ja auch darauf, dass Häftlinge Freigang bekommen, um sich an das neue Leben draußen zu gewöhnen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann der in Amstetten jahrelang missbrauchten Frau jetzt geholfen werden?

Fischer: Psychotherapie allein reicht nicht aus, eine unterstützende Umgebung, etwa betreutes Wohnen, ist wichtig. Man muss sie langsam wieder an das normale Alltagsleben heranführen. Wo gehe ich einkaufen? Wie füllt man Behördenformulare aus? Ganz wichtig scheint mir auch eine Abschottung der Frau und ihrer Kinder vor der Öffentlichkeit. Das Haus wird von einer ganzen Meute von Journalisten belagert, das ist so eine Art Nachtraumatisierung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat ein Leben, eingesperrt im Keller auf Kinder? Zwei Söhne und eine Tochter der missbrauchten Frau haben ja offenbar seit ihrer Geburt in dem Versteck gelebt.

Fischer: Das ist so eine Art Robinson-Crusoe-Syndrom. Die Welt besteht nur aus dem Keller und zwei, drei Personen. Ein vernünftiges Verhältnis von Nähe und Distanz ist kaum möglich. Ab einem bestimmten Alter möchte ein Kind nicht mehr ständig am Rockzipfel der Mutter hängen, es möchte sich selbständig machen. Da kommt es sehr darauf an, wie sich die Eingesperrten vertragen. Hinzu kommen körperliche Probleme: Der Bewegungsmangel dürfte die Entwicklung der Muskeln gestört haben.

SPIEGEL ONLINE: Können Kinder solch eine extreme Erfahrung trotzdem ohne größere Schäden überstehen?

Fischer: Es ist möglich, es gibt da interessante Beispiele aus Konzentrationslagern. In einem KZ hatten sich sechs Kinder zusammengeschlossen, die Psychoanalytikerin Anna Freud hat diese Kinder später untersucht. Die Bindung untereinander war sehr stark, die Kinder traten nur gemeinsam auf. Solche kompensatorische Verhaltensweisen sind durchaus zu erwarten. Im Fall Amstetten ist eine Beurteilung zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob und wie die Kinder den permanenten Missbrauch an ihrer Mutter mitbekommen haben.

Das Gespräch führte Holger Dambeck.



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