Fall David Kelly Geheimdokumente erhellen Tod von Uno-Waffeninspekteur

David Kelly sorgte weltweit für Aufsehen: Der Uno-Biowaffenspezialist enthüllte, wie die britische Regierung Daten frisierte, um die Invasion im Irak zu rechtfertigen. Kurz darauf wurde er tot aufgefunden. Jetzt veröffentlichte Geheimdokumente geben Aufschluss über die Todesursache.
David Kelly (im Juli 2003): Geheimdokumente zum Tod des Wissenschaftlers veröffentlicht

David Kelly (im Juli 2003): Geheimdokumente zum Tod des Wissenschaftlers veröffentlicht

Foto: STEPHEN HIRD/ REUTERS

Großbritannien

David Kelly

London - Es war ein aufsehenerregender Todesfall, der vor gut sieben Jahren, im Juli 2003, in Atem hielt. In einem Wald in der Nähe seines Hauses in der Grafschaft Oxfordshire war der frühere Uno-Waffeninspektor tot aufgefunden worden. Kurz zuvor war klar geworden, dass der Biowaffenspezialist Kronzeuge für eine spektakuläre BBC-Dokumentation gewesen war. Der Vorwurf: Die britische Regierung hatte ihr Geheimdossier zu Waffen im Irak unzulässig aufgebauscht - und damit die Invasion im Irak gerechtfertigt.

Selbstmord

Kelly, so die Ermittlungen, hatte sich das Leben genommen. Doch in Teilen der britischen Bevölkerung blieben bohrende Zweifel: War der Mikrobiologe womöglich doch gezielt getötet worden? Eine unabhängige Prüfung unter Leitung von Lord Brian Hutton, die von der Regierung gleichzeitig als gerichtliche Untersuchung eingestuft wurde, stützte die im Januar 2004 aufgestellte -These. Doch auch im Anschluss gab es immer wieder Zweifel an der offiziellen Version.

Diese waren zuletzt offenbar so virulent, dass sich die britische Regierung nun zu einem spektakulären Schritt entschlossen hat: Justizminister Kenneth Clarke veröffentlichte an diesem Freitag bisher als geheim eingestufte medizinische Dokumente, die Kellys Selbstmord endgültig und zweifelsfrei belegen sollen. Neben dem 15-seitigen Bericht des Pathologen  ist auch ein sechsseitiges toxikologisches Gutachten  im Internet verfügbar.

Schnittverletzungen am linken Handgelenk

Es gehe darum, "das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Untersuchung der Todesumstände von Dr. Kelly zu erhalten", erklärte Clarke. Gleichzeitig sei die Veröffentlichung der Dokumente eine große Belastung für Kellys Familie. Eigentlich sollten die Unterlagen 70 Jahre lang unter Verschluss bleiben. So hatte es Lord Hutton bestimmt - und dabei auf die Gefühle von Kellys Familie verwiesen. Der Witwe und den Töchtern des Mannes solle eine weitere mediale Diskussion des Falles erspart bleiben. Es sei niemals darum gegangen, Beweise zurückzuhalten, erklärte Hutton: Alle relevanten Fakten seien während der öffentlichen Untersuchung zugänglich gewesen und überprüft worden.

Dessen ungeachtet hat Clarke nun aber den bisher geheimen Autopsiebericht des Pathologen Nicholas Hunt öffentlich gemacht. Er hatte Kelly nach dessen Tod untersucht - und dabei Schnittverletzungen am linken Handgelenk gefunden, wie die Unterlagen belegen. Die Blutungen aus der Wunde seien der Hauptgrund für den Tod des Waffeninspekteurs gewesen, heißt es in dem nun veröffentlichten Bericht.

"Typisch für eine selbst beigebrachte Verletzung"

Kelly habe sich die Wunden selbst zugefügt, so der Pathologe: "Die Orientierung und Anordnung der Wunden am linken Handgelenk sind typisch für eine selbst beigebrachte Verletzung." Weiter heißt es in dem Bericht, Kelly habe seine Uhr abgestreift, als das Blut bereits geflossen sei. Das habe vermutlich dazu gedient, den Zugang zum Handgelenk zu erleichtern. Auch seine Brille habe der Forscher abgesetzt. Das sei ebenfalls typisch für eine Selbstverletzung. Das genutzte Messer sei neben Kellys Körper gefunden worden.

"Klassische 'Verteidigungswunden', die beim Angriff mit einer scharfen Waffe auftreten würden, fehlen völlig", erklärte Hunt. Auch die Umgebung der Fundstelle im Wald liefere keine Hinweise auf eine Einwirkung Dritter: Der Waldboden sei nicht zertrampelt, an der Kleidung des Wissenschaftlers gebe es keine Beschädigungen, die auf einen Kampf hindeuten könnten. Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass Kelly gewürgt worden sein könnte oder dass sein Körper an den Fundort transportiert sein könnte.

Die Autopsiedokumente stützen damit komplett die Schlussfolgerungen des Hutton-Berichts. Gleichzeitig liefern sie zusätzliche Details zu Kellys Tod. So hatte der Wissenschaftler offenbar eine Überdosis des Schmerzmittels Co-Proxamol zu sich genommen, das normalerweise zur Kontrolle von Arthritis-Symptomen eingesetzt wird. Außerdem habe der Mann unter einer nicht diagnostizierten und behandelten Arteriosklerose gelitten.

"Großer Widerspruch"

Ob die nun freigegebenen Dokumente die Zweifler an Kellys Todesumständen besänftigen werden, bleibt abzuwarten. Die Familie hatte keine neue Untersuchung des Falls beantragt. Familienanwalt Peter Jacobsen sagte nach der Veröffentlichung der Dokumente, seine Mandanten wollten keine Stellungnahme abgeben. Vielmehr waren es immer wieder Stimmen aus der Öffentlichkeit, die das gefordert hatten. Zuletzt hatte im August eine Gruppe von Medizinern in einem Brief erklärt, die offizielle Erklärung sei "sehr unwahrscheinlich". Auch der Labour-Minister Peter Kilfoyle und der liberal-demokratische Transportstaatssekretär Norman Baker hatten die offiziellen Angaben angezweifelt.

Baker hatte im April 2007 sogar behauptet, Unterlagen zu Zweifeln an Kellys Todesumständen seien von seiner Festplatte gelöscht worden. Kritiker einer möglichen Verschwörung hatten sich unter anderem auf die Aussage des Polizisten gestützt, der Kelly gefunden hatte. Detective Constable Graham Coe hatte zu Protokoll gegeben, an der Stelle im Wald habe es nur wenig Blut gegeben. An der Kleidung des Forschers hätten sich keine Blutspuren gefunden, auf dem Boden auch bestenfalls geringe Mengen.

Der Mediziner Michael Powers, einer der Autoren des Briefes vom August, sagte der BBC nach der Veröffentlichung der neuen Dokumente, für ihn ändere sich nichts. Es gebe nach wie vor einen "großen Widerspruch" bei der Menge des Blutes an Kellys Sterbeort im Wald.

chs
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