Trügerische Erinnerungen Der vermeintliche Verbrecher

Eine Tat zugeben, die Sie nie begangen haben - völlig undenkbar, meinen Sie? Die Rechtspsychologin Julia Shaw weiß es besser: Viele Erinnerungen sind extrem manipulierbar.
Fingerabdrücke: Wer hat die Tat begangen?

Fingerabdrücke: Wer hat die Tat begangen?

Foto: Pixabay

Was wissen Sie über Ihr Gedächtnis? Wahrscheinlich, dass Sie sich nicht immer darauf verlassen können. Und vielleicht, dass Ihr Gedächtnis wie ein Mosaik ist. Jedes Mal, wenn Sie sich erinnern, fügen Sie die vielen Erinnerungsfragmente, die sich in Ihrem Inneren befinden, zu einem schillernden Bild der Vergangenheit zusammen.

In dieser Reihe lade ich Sie in die Welt der Erinnerungsforschung ein. Sie können lernen, wie Ihr Gedächtnis wirklich funktioniert. Und wie unglaublich oft - viel öfter, als Sie denken - ihm Fehler unterlaufen.

Mich faszinieren Umstände, in denen die Erinnerung uns derart in die Irre führt, dass wir unsere Identität hinterfragen - die sogenannten false memories (falsche Erinnerungen): In meinen Studien untersuche ich den gar nicht so seltenen Zustand, in dem wir meinen, wir hätten etwas erlebt, was in Wahrheit niemals stattgefunden hat. Ich analysiere Situationen, deren Klärung vor allem in der Justiz von Belang ist, weil Erinnerungsfehler dort gravierende Folgen haben und sogar Leben zerstören können.

Zur Person
Foto: Boris Breuer

Julia Shaw, 1987 in Köln geboren und in Kanada aufgewachsen, lehrt und forscht an der London South Bank University auf dem Gebiet der falschen Erinnerungen. Die Rechtspsychologin berät Polizei, Bundeswehr und Rechtsanwälte bezüglich ihrer Befragungsmethoden. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt sie regelmäßig über unser trügerisches Gedächtnis.

Anwälte, Polizisten und Richter wissen schon lange, dass Zeugen- und Opferaussagen fehlerhaft sein können. Was sie nicht einzuschätzen wissen, ist das Ausmaß ihrer Fehlerhaftigkeit. So gehen Gedächtnisforscher von der Grundannahme aus, dass falsche Erinnerungen eher die Regel sind als die Ausnahme. Es kommt sogar immer wieder vor, dass jemand eine Straftat gesteht, die er überhaupt nicht begangen hat.

Erinnerungs-Hacking

2015 habe ich eine Studie veröffentlicht , in der ich dieses Phänomen genauer analysiere: Ich gab vor, eine Untersuchung über emotionale Ereignisse in der Kindheit durchzuführen.

Potenzielle Probanden (Universitätsstudenten) bat ich, mir die Kontaktinformationen ihrer Eltern zu geben. Ihnen schickte ich einen Fragebogen, in dem sie mir Auskunft darüber gaben, welche starken emotionalen Ereignisse im Leben ihrer Söhne und Töchter zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr stattgefunden hatten.

Um für die Studie infrage zu kommen, mussten die Probanden innerhalb dieser vier Jahre ein starkes emotionales Ereignis erlebt haben, zum Beispiel war der Familienhund gestorben. Außerdem durften sie niemals mit der Polizei in Kontakt geraten sein.

Stimmten die Voraussetzungen, wurden die Probanden ins Labor eingeladen, um drei Gespräche über die emotionalen Ereignisse aus ihrer Kindheit zu führen - so dachten sie zumindest.

Bei den Treffen ging es aber darum, die Probanden davon zu überzeugen, sie hätten eines der Zielereignisse erlebt, die ihnen nach dem Zufallsverfahren zugeteilt worden waren. Mit dem tatsächlichen Leben der Probanden hatten diese Vorkommnisse nichts zu tun, sie hatten sie nach Aussage ihrer Eltern nicht als Heranwachsende erlebt.

Ihnen wurde zufällig einer von sechs Vorfällen zugeschrieben, das sie im Alter zwischen 11 und 14 erlebt haben sollten:

  • Sie hatten sich stark verletzt,
  • sie waren von einem Hund attackiert worden,
  • sie hatten eine große Summe Geld verloren,
  • sie hatten etwas gestohlen,
  • jemanden geschlagen,
  • oder jemanden mit einer Waffe attackiert.

Bei den drei kriminellen Vorfällen wurde den Probanden außerdem gesagt, ihre Eltern hätten von dem Delikt gewusst, weil die Polizei sie kontaktiert hätte.

Das erstaunliche Ergebnis: 70 Prozent von ihnen waren nach drei Sitzungen überzeugt, sie hätten eine der drei Straftaten begangen. Und 76 Prozent glaubten, sie hätten eines der drei emotionalen Ereignisse erlebt.

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Julia Shaw:
Das trügerische Gedächtnis

Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht.

Carl Hanser Verlag; September 2016; 304 Seiten; 22 Euro. Erscheinungstermin 26.9.2016

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Vorstellung oder Erinnerung?

Wie war das möglich? Im Leben der Probanden hatte schließlich keines der Ereignisse stattgefunden. Wie kam es, dass sie sich bereitwillig an eine Straftat erinnerten, die sie nie begangen hatten?

Ganz einfach: durch kreative Suggestion. Ich hatte das Vertrauen der Probanden gewonnen, indem ich sie rund 20 Minuten über ein echtes Erlebnis aus ihrer Kindheit hatte erzählen lassen. Dann hatte ich sie mit dem erfundenen Zielereignis konfrontiert und sie vorsichtig gefragt, wie sich dieses angefühlt habe.

In den drei Gesprächen gruben die Probanden immer mehr der angeblich verschütteten Erinnerungen aus. Es entstanden in kürzester Zeit falsche Erinnerungen voller bunter Details, die sich für die Teilnehmer echt anfühlten.

Die Grenze zwischen Einbildung und Erinnerung ist also fließend. Das menschliche Gehirn vertauscht beides immer wieder.

Wie genau und wo noch? Dazu mehr in meinem nächsten Text über trügerische Erinnerungen.

Anmerkung der Redaktion: In der früheren Version dieses Textes stand, dass emotionale Ereignisse der Probanden zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr Voraussetzung für die Studie waren. Tatsächlich musste das emotionale Ereignis im Alter von 11 bis 14 stattgefunden haben. Zudem stand im Text, dass nur Probanden infrage kamen, die sich in dieser Zeit nicht stark verletzt hatten, nicht von einem Hund attackiert worden waren und keine größere Geldsumme verloren hatten. Tatsächlich gehörte zur Liste der Auswahlkriterien zudem, dass die Probanden nichts gestohlen, niemanden geschlagen und niemanden mit einer Waffe attackiert haben durften. Entsprechend wurde ihnen später eingeredet, eines dieser sechs Dinge doch erlebt zu haben - in der ersten Textversion waren nur drei der aufgezählten Varianten genannt. Wir haben die Fehler korrigiert.