Falsche Prognosen Wo kommen all die Studierenden her?

"Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen" - dieses mal Mark Twain, Winston Churchill oder Kurt Tucholsky zugeschriebene Zitat trifft auch auf Studentenzahlen zu. Woran liegt das eigentlich?

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Wie kann man nur so weit danebenliegen? Im Jahr 2000 prognostizierte die Kultusministerkonferenz (KMK) für das Jahr 2016 zwischen 330.000 und 370.000 Studienanfänger. Tatsächlich haben 2016 mehr als 500.000 junge Menschen ein Studium begonnen - eine Abweichung von 35 bis 51 Prozent!

Aber nicht nur die KMK irrte sich gewaltig. Auch das von der Bertelsmann Stiftung finanzierte Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) prognostizierte 2007 mit 330.000 Studienanfängern für das Jahr 2016 gut 50 Prozent zu wenig (PDF Seite 12). Nun mag man argumentieren, dass knappe zehn Jahre für eine Prognose auch ein langer Zeitraum ist, jedoch lassen sich die Studienanfängerzahlen offensichtlich selbst für wenige Jahre kaum sicher vorhersagen.

Das CHE sagte 2012 in einer aktualisierten Prognose die Studienanfängerzahlen für 2016 um zehn Prozent zu niedrig voraus (PDF Seite 12), die KMK im gleichen Jahr um sieben Prozent (PDF Seite 14). Dies entspricht 30.000 bis 50.000 Studienanfängern, die leicht einige neu errichtete Hochschulen füllen könnten.

Doch was macht die Prognosen so schwierig? Größere Unsicherheiten über die Gesamtzahl junger Menschen als Ursache sind es jedenfalls nicht: 2006 veröffentlichte das Statistische Bundesamt die elfte Bevölkerungsvorausberechnung, in der es für das studienanfängertypische Alter von 18 bis 20 Jahren 2,476 Millionen Personen im Jahr 2016 vorhersagte.

Die aktuellen Zahlen zeugen mit 2,524 Millionen 18- bis 20-Jährigen nahezu von einer Punktlandung. Der Grund ist relativ einfach: Die jungen Menschen im Alter des Studienbeginns waren im Jahr 2006 bereits geboren, so dass sie relevant nur durch Zu- und Abwanderung beeinflusst werden konnten.

Viel unsicherer für die die Studentenprognose ist etwas anders: die Verteilung der Schulabschlüsse und der Anteil derjenigen, die dann tatsächlich ein Studium aufnehmen. Zusammengefasst lässt sich dies in der Studienanfängerquote eines Jahrgangs darstellen. Und diese hat sich in der Tat dramatisch verändert. Während im Jahr 2000 gerade einmal ein Drittel eines Jahrgangs ein Studium begann, hat sich der Wert im Jahr 2016 auf gut 55 Prozent erhöht (PDF Seite 11).

Die bildungspolitische Wirklichkeit hat also jede Prognose eingeholt, wie auch die Qualifizierungsinitiative des Bundes und der Länder 2008 plakativ zeigt. Damals wurde als mittelfristiges Ziel angestrebt, die Studienanfängerquote auf 40 Prozent zu steigern - ein Wert, der bereits ein Jahr später erreicht war und heute - gerade mal acht Jahre später - mit gut 55 Prozent als unrealistisch niedrig erscheinen mag.

Die Daten zeigen, wie schwer es auch in der Zukunft sein dürfte, die Studienanfängerzahlen seriös zu prognostizieren. Die Anzahl der jungen Menschen wird zurückgehen und dieser Werte ist auch einigermaßen zuverlässig vorherzusagen. Aber wird die Studienanfängerquote eher auf dem Niveau von 55 Prozent bis knapp 60 Prozent der vergangenen Jahre verharren?

Oder wird sie sinken, weil es wieder mehr junge Menschen in eine klassische Ausbildung zieht? Oder wird es einen weiteren Anstieg geben? Diese Frage entzieht sich der rein statistischen Prognose, denn es spielen auch die zukünftigen politischen Weichenstellungen eine zentrale Rolle.

Ein weiterer Anstieg ist durchaus plausibel. So liegt Deutschlands Anteil der Studienanfänger immer noch knapp unter dem OECD-Schnitt. In Ländern wie Australien, Norwegen, Dänemark, USA und Großbritannien nehmen jeweils mehr als sieben von zehn jungen Leuten ein Studium auf (PDF).

Würden solche Werte auch in Deutschland in den nächsten Jahren eintreten, ließen diese Steigerungen den nahezu sicheren negativen Einfluss des demografischen Wandels - bis 2035 rechnet das Statistische Bundesamt mit einem Rückgang von gut zwölf Prozent in der Altersgruppe der Studienanfänger - locker überkompensieren.

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Und es gibt auch Unterschiede zwischen den Regionen. So liegt die Studienanfängerquote in Sachsen-Anhalt gut 20 Prozentpunkte unterhalb des Werts in Hessen (Bericht vom Statistischen Bundesamt, ab Seite 119) . Dies lässt erahnen, dass es Nachholeffekte in einzelnen Regionen geben dürfte, die eher zu einem noch länger anhaltenden Anstieg der Studierendenzahlen führen würden - demografischer Wandel hin oder her.

Die Studienanfängerzahlen zeigen ein ganz allgemeines Problem aller statistischen Prognosen: Diese eignen sich gut, um aus verlässlichen Daten der Vergangenheit Zusammenhänge zu identifizieren und diese auf die Zukunft zu projizieren. So sind die Prognosen zur Größe der Jahrgänge im studierfähigen Alter recht verlässlich, weil diese heute schon geboren sind. Auf solche Fragestellungen stürzen sich daher auch viele Prognostiker gern.

Wenn sich aber bei einer Fragestellung die Zusammenhänge in der Zukunft grundlegend ändern oder weitere extrem unsichere Faktoren relevant für die Prognose sind, dann ist eine verlässliche Vorhersage kaum möglich.

Exakt eintreffende Prognosen sind am ehesten in Ländern mit Planwirtschaft möglich. In der DDR beispielsweise gab es jedes Jahr etwa genauso viele freie Studienplätze wie Studienanfänger. Den Zusammenbruch des Landes hat das jedoch nicht verhindern können.


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insgesamt 24 Beiträge
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ackergold 02.01.2017
1.
Ja, offenbar hat niemand mit den beruflich Qualifizierten gerechnet und mit den vielen Studiengängen, die es früher nicht gab, die aber auch für Absolventen des zweiten Bildungswegs attraktiv sind. Bekannt ist ja außerdem, dass Politiker so gut wie gar nichts können, Rechnen schon gleich gar nicht.
carinanavis 02.01.2017
2. zensus (zum) vergessen
Ein unbeachteter faktor, dürfte der sogenannte Zensus 2011 sein. Dies wurde als "Volkszählung" durch die zuständigen Behörden verkauft, war aber letztlich eine bloße Schätzung durch Statistiker. danach schien es plötzlich 1,5 Millionen Deutsche weniger zu geben, obwohl es starke Diskrepanzen zu den Melderegistern gab. Viele Gemeinden klagten, weil diese eher groben Schätzungen stark fehlerbehaftet waren. Möglicherweise wurde da sogar absichtlich die Bevölkerung klein gerechnet, weil dadurch geringere Zahlungen im Länderfinanzausgleich resultierten. Offensichtlich wirken sich dies Zensus-Fehler auch bei den Studentenprognosen aus.
imlattig 02.01.2017
3. Voellig...
Aus dem focus: das abi wurde in vielen bundeslaendern 1 jahr frueher abgelegt. Es kam zu doppeljahrgaengen!!
superbond89 02.01.2017
4. 2ter Bildungsweg
was evlt nicht beachtet wurde ist, wie notwenig es zwischenzeilich ist, statt einer "Fortbildung" gleich einen Studium draufzupacken. Mit einem IHK-Schein kommt man in unserer Titel-geilen Zeit nicht mehr weit...
nguelk 02.01.2017
5. Wirtschaft
Wahrscheinlich ist der G8/G9 - Effekt hinlänglich berücksichtigt,da ja einigermaßen bekannt. Schwieriger einzuschätzen ist wohl die Entwicklung in der Wirtschaft: nehmen Banken und Versicherungen noch so viele Abgänger auf oder andersherum: sind diese Arbeitgeber noch attraktiv? Wirkt das Bachelorstudium inzwischen attraktiv bzw. ist es inzwischen von vielen Unternehmen gewollt und gefördert? Hat sich das Gehaltsgefüge geändert oder Missmanagements damit rechnen, ohne Studium mittelfristig auf der Verliererseite zu stehen? Viele Faktoren und kurzfristige Trends- in Prognosen schwer einzufangen, es sei denn, man macht die Prognose nach dem Ereignis.
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