Fatale Behandlungen Experten streiten über Ärztepfusch-Meldepflicht

Mal wird ein falsches Medikament verabreicht, mal das falsche Bein amputiert - Ärzte verpfuschen pro Jahr Tausende Eingriffe. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung fordert nun eine Meldepflicht. Doch Bundesärztekammer und Deutsche Krankenhausgesellschaft lehnen das ab.
Krankenhaus: 2008 beschwerten sich mehr als 10.000 Patienten über Behandlungsfehler

Krankenhaus: 2008 beschwerten sich mehr als 10.000 Patienten über Behandlungsfehler

Foto: Corbis

Der Patient war gerade aus der Narkose erwacht und traute seinen Ohren nicht: "Ich habe Sie operiert und Ihnen dabei die falsche Lungenhälfte herausgeschnitten."

Die Szene stammt nicht etwa aus einem Film, sondern hat sich so vor einigen Jahren an einer Kasseler Klinik ereignet. Der Arzt wurde degradiert, bekam eine Geldstrafe von 8400 Euro. Der krebskranke Patient starb ein Jahr nach der fehlerhaften Operation.

So unbegreiflich der Fall erscheint - Fehler dieser Art sind typisch an deutschen Krankenhäusern. Übermüdete Ärzte, personelle Unterbesetzung, aber vor allem auch Strukturmängel führen dazu, dass das falsche Medikament verabreicht, die falsche Seite operiert, das falsche Bein amputiert wird. Doch nur selten werden - wie in diesem Fall - die krassen Fehler auch öffentlich. Aus Angst um den Ansehensverlust werden sie oftmals unter den Teppich gekehrt. Vor zwei Jahren sorgte das Outing mehrerer Ärzte für Aufsehen, Behandlungsfehler begangen zu haben.

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), fordert daher, flächendeckende Risikomanagement- und Fehlermeldesysteme gesetzlich zu implementieren. "Wir brauchen eine neue Fehlerkultur", sagte Zöller. Die Meldepflicht will er im Patientenrechtegesetz verankern, das im nächsten Jahr in Kraft treten soll. Die Daten sollten, so sagte Zöller der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", zunächst anonym, ohne Nennung des Arztes, erfasst werden. Allerdings besteht er nicht auf einem zentralen Melderegister, so Zöller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sondern begrüßt auch dezentrale Lösungen. "Beispielsweise auf Landesebene oder in jeder Klinik."

Krankenkassen: "Nur wenn man Fehler kennt, kann man aus ihnen lernen"

Behandlungsfehler sind keine Seltenheit: Im Jahr 2008 beschwerten sich mehr als 10.000 Patienten über ärztliche Behandlungsfehler bei den Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Viele wenden sich auch an ihre Krankenkasse, von 40.000 Beschwerden im Jahr berichtet die AOK. Manche Kassen unterstützen ihre Mitglieder, Ansprüche gegen Mediziner durchzusetzen - auch aus Eigeninteresse, denn viele Behandlungsfehler rufen Folgekosten hervor. An der Spitze der Vorwürfe: Hüft- und Kniegelenksbehandlungen.

Wie viele Behandlungsfehler jährlich wirklich passieren, lässt sich nur schätzen, denn über Behandlungsfehler wird in Deutschland bisher eben keine zentrale Statistik geführt. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit  vermutet, dass jährlich zwei bis vier Prozent der Patienten in deutschen Kliniken falsch behandelt werden - das wären 340.000 bis 680.000 Menschen. Etwa 17.000 sterben der Schätzung zufolge an den Folgen der Fehlbehandlung.

Die gesetzlichen Krankenkassen finden Zöllers Vorschlag gut: "Nur wenn man Fehler kennt, kann man aus ihnen lernen", sagt Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands zu SPIEGEL ONLINE. "Deshalb begrüßen wir den Vorschlag des Patientenbeauftragten, mehr Transparenz in diesen Bereich der ärztlichen Handlungen zu bringen."

Wie neutral sind die Gutachter wirklich?

Doch ob diesmal tatsächlich etwas passiert, ist ungewiss. Schon seit Jahren wird ein Melderegister gefordert, doch bislang haben Ärzte- und Krankenhauslobby tiefergehende Neuerungen zum Patientenschutz immer erfolgreich blockiert - meistens mit Rückendeckung der Politik, vor allem von Seiten der CDU und FDP. Als Grund wird meist auf zunehmende Bürokratie in den Krankenhäusern verwiesen.

Eine verpflichtende Meldung von Behandlungsfehlern würde zum einen konkretere Zahlen liefern, wie viele Pannen tatsächlich auftreten. Zum anderen hätten Betroffene es leichter, Schadensansprüche durchzusetzen. Denn wer einen Behandlungsfehler vermutet, ist in der Beweispflicht. Er kann sich - entweder allein oder mit Hilfe eines Anwalts - an die Schlichtungsstelle der Ärztekammer seines Bundeslandes wenden und eine Begutachtung beantragen.

Die gesetzlichen Regelungen sind kompliziert, auch Ärzte und Juristen finden sich oftmals nicht darin zurecht. Die Kosten für das Gutachten, immerhin, tragen die Ärztekammern gemeinsam mit den Haftpflichtversicherungen der Ärzte - für Patienten ist es also kostenlos.

Doch wie neutral die Schlichtungsstellen und Gutachter tatsächlich sind, diese Frage wird immer wieder heiß diskutiert. Auch die Mitglieder der Gremien sind Mediziner - und haben womöglich Hemmungen, ihre Kollegen anzuschwärzen. Viele Patienten scheitern vor Gericht, weil sie nicht nachweisen können, dass der Arzt Schuld an ihren Gebrechen hat.

Manche Experten fordern daher einen ganz anderen Ansatz: Statt eines Melderegisters, wollen sie das Risikomanagement innerhalb der Krankenhäuser verbessern. Aus Fehlern lernen, soll die Devise lauten, statt Sündenböcke zu suchen oder totzuschweigen. Und es geht vor allem auch darum, nicht nur über die passierten sondern über die beinahe passierten Fehler zu reden. Aus ihnen lassen sich wichtige Hinweise für Verbesserungsansätze gewinnen.

Piloten haben solche eine Fehleraufarbeitungskultur, Ärzte nicht. Tatsächlich passieren im Krankenhaus viele Fehler systembedingt - wichtige Informationen werden zwischen Ärzten nicht übergeben oder falsch verstanden. Man scheut sich, bei Unsicherheit Vorgesetzte anzurufen. Oder die Übergabe zwischen Klinikarzt und weiter behandelndem Mediziner ist mangelhaft. Solche Fehler wären vermeidbar.

Ärztekammer: "Wir brauchen kein Zwangsregister für Behandlungsfehler"

Die Krankenhausvertreter lehnen Zöllers Forderung ab: "Aus Sicht der Kliniken sind die im Rahmen von Qualitätsmanagementkonzepten eingerichteten internen Fehlererfassungssysteme die bessere Alternative", sagt daher Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft zu SPIEGEL ONLINE.

Solche Ansätze gibt es bereits. Die Kliniken des Helios-Konzerns haben - nach Vorbild der Piloten - Checklisten für Operationeneingeführt, um Komplikationen und Todesfälle zu vermeiden. Die Liste hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO erarbeitet und in einem Pilotprojekt in acht Städten weltweit getestet. Mit Erfolg: Die Rate schwerwiegender Komplikationen bei chirurgischen Eingriffen fiel von elf auf sieben Prozent, die Zahl der Todesfälle sank von 1,5 auf 0,8 Prozent .

Der Rechtswissenschaftler Dieter Hart von der Universität Bremen  hat in den vergangenen Jahren verschiedene Modellprojekte zur Verbesserung des Risikomanagements an zwölf Kinderkliniken in Bremen, Berlin, Hamburg, Hannover und Kiel durchgeführt. 1300 Berichte hat er ausgewertet. Das Ergebnis: "35 Prozent aller Fehler in diesen Kliniken passierten im Medikamentenbereich, 24 Prozent waren fehlerhafte Standardbehandlungen und nur 15 Prozent auf mangelhafte Dokumentation zurückzuführen", sagte Hart im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sehr deutlich habe sich der Kern des Problems gezeigt - die fehlende offene Fehlerkultur. "Am Anfang hatten wir oft Probleme, die Ärzte überhaupt zum Melden von Fehlern zu bringen", berichtet Hart. Die meisten Berichte seien vom Pflegepersonal gekommen. "Ärzte sind einfach so sozialisiert, dass sie glauben, keine Fehler zu machen", sagt Hart. "Und wenn, dann reden sie nicht öffentlich darüber." Im Laufe des Projekts habe sich das aber geändert: "Am Ende hatten wir in vielen Kliniken eine offene Fehlerkommunikation erreicht." Das allein schon wertet Hart als Erfolg.

Hart, der auch aktiv ist im Aktionsbündnis Patientensicherheit, bezweifelt allerdings, ob man eine Offenheit gesetzlich verordnen kann. "Wir bauen eher auf Freiwilligkeit." Mit Erfolg: "Das Aktionsbündnis hatte schon Kassen, Ärzte und Krankenhäuser an einen Tisch gebracht, um ein Melderegister zu erarbeiten."

Freiwilligkeit ist das Stichwort für die Ärzte. Die Bundesärztekammer (BÄK) reagierte auf Zöllers Vorstoß ablehnend: "Wir brauchen kein Zwangsregister für Behandlungsfehler, sondern endlich vernünftige Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte", sagt BÄK-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe. "Dann können schon viele Fehler vermieden werden."

Doch auch er fordert einen Mentalitätswechsel in der Ärzteschaft: "Ziel ist und bleibt es, dass Ärzte ohne Angst über Pannen sprechen können, dass sie aus ihren Fehlern lernen", sagt Hoppe. Gerade in Anbetracht der Komplexität moderner Medizin brauche es eine systematische und auf Freiwilligkeit beruhende Aufarbeitung von Fehlern im Sinne einer Fehlervermeidungskultur.

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