Feinstaub Die unsichtbaren Krankmacher aus der Luft

Politiker fordern inzwischen schon Sonntagsfahrverbote, um die Luftverschmutzung in deutschen Städten zu reduzieren. Doch wie gefährlich ist die Feinstaubbelastung? Hohe Konzentrationen können die Lebenserwartung verkürzen, warnen Mediziner. Einen sicheren Grenzwert gibt es nicht.

Von und Kristina Patschull


Diesel-Abgase: Gefahr ohne Filter
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Diesel-Abgase: Gefahr ohne Filter

Wo man auch hingeht, sind sie schon da: winzige Staubpartikel, die man unbemerkt einatmet und die dann im Körper Schaden anrichten. "Die Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub ist unter Experten unbestritten", sagt Erich Wichmann vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München gegenüber SPIEGEL ONLINE. Auch die WHO habe sich vor zwei Jahren entsprechend geäußert.

"Es gibt messbare Langzeiteffekte in Gegenden mit hoher Feinstaubbelastung", sagt Wichmann. Dazu gehöre ein nachweisbarer Anstieg der Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs. Aber auch Kurzzeiteffekte wie Asthma, chronische Bronchitis und Herzrhythmusstörungen ließen sich beobachten.

Der Staub ist umso gefährlicher, je kleiner er ist. Während grobe Staubkörner beim Einatmen bereits im Rachen oder in der Nase hängen bleiben, können feinere Partikel bis in Lunge und Bronchien vordringen. Als "lungengängig" werden diese Stäube bezeichnet, die kleiner als fünf Mikrometer sind - also fünf Millionstel eines Meters. Sie können zu Entzündungen und Wucherungen führen, im schlimmsten Fall sogar zu Krebs. Die kleinsten von ihnen schaffen es bis in die Blutbahn, wo sie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt auslösen können.

"Das Feinstaubproblem ist ein Verkehrsproblem"

Vor allem Autos werden für den gefährlichen Feinstaub verantwortlich gemacht. "Für Deutschland ist das Feinstaubproblem ein Verkehrsproblem, sagt Wichmann. "Die gesundheitlich bedeutsamen Anteile der feinen und ultrafeinen Partikel stammen überwiegend aus dem Abgas von Dieselmotoren." Partikel aus anderen Verbrennungsprozessen, wie etwa in Heizungen oder industriellen Anlagen, seien hingegen weniger relevant.


Wichmann hält daher den Rußpartikelfilter für Dieselfahrzeuge für das Mittel der Wahl, um gegen die Belastung mit Feinstaub vorzugehen. "Rußfilter sind der ideale Weg: schnell, sicher und kostengünstig", sagt er. Bereits seit Jahren sei bekannt, woher der Feinstaub komme. "Es ist überraschend, wie lange die deutsche Automobilindustrie nichts getan hat." Von Fahrverboten und anderen kurzfristigen Maßnahmen hält Wichmann hingegen wenig.

Überraschend ist, dass gerade durch den verbesserten Umweltschutz in den vergangenen Jahren die Konzentration feiner Staubpartikel angestiegen ist. Das haben Messungen ergeben, die Wichmann in Erfurt durchführte. Es ist bekannt, dass sich kleine Staubteilchen im Flug an große Partikel binden. Durch das Gewicht sinken sie dann zu Boden. Fehlen die großen Partikel, weil sie zum Beispiel von Industriefiltern abgefangen werden, bleiben die gefährlichen kleinen Staubteilchen länger in der Luft.

Zusammenhang zwischen Luftgüte und Sterblichkeit

Seit diesem Jahr soll eine neue EU-Richtlinie den Ausstoß von Feinstäuben regulieren. Höchstens an 35 Tagen im Jahr darf der Grenzwert von 50 Mikrogramm Staub pro Kubikmeter Luft überschritten werden. Doch die Deutschen Städte tun sich schwer mit der neuen Verordnung. München hat bereits am Ostersonntag dagegen verstoßen, anderen Städten wird es wohl bald ähnlich ergehen.

Als Grundlage für Grenzwerte, dienten vor allem epidemologische Studien, sagt Norbert Englert vom Umweltbundesamt in Berlin. Über mehrere Jahre wurden Luftqualität und die Sterblichkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen miteinander verglichen.

Eine bestimmte Konzentration, unterhalb der Feinstaub unschädlich ist, scheint nicht zu existieren. "Es gibt keinen Schwellenwert", sagt Wichmann. Es gebe eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, die einigermaßen linear sei. "Es lassen sich keine Grenzwerte definieren", betont der Wissenschaftler, "die auf der sicheren Seite liegen. Die 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft seien das Ergebnis von Verhandlungen. "Die Grenzwerte sind ein Kompromiss aus medizinisch Sinnvollem und technisch Machbarem."



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