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Felix Baumgartner: Die Leere nach dem Sprung

Foto: DPA / JAY NEMETH / GLOBALNEWSROOM

Stratosphären-Springer Was wurde eigentlich aus Felix Baumgartner?

Mit seinem Sprung aus 38.969 Metern Höhe hielt Felix Baumgartner die Welt in Atem. Seitdem produziert er Negativschlagzeilen, fordert eine "gemäßigte Diktatur" und "gesunde Ohrfeigen" für Kinder - weil ihm etwas fehlt.

Für die Werbung darf Felix Baumgartner noch mal den Superhelden spielen. Am Anfang des Filmchens öffnet der Mann im weißen Druckanzug die Tür der Stratosphären-Kapsel, wie damals an seinem größten Tag. Er tritt hinaus, kippt nach vorne, lässt sich fallen in Richtung Erde. Aber diesmal landet er nicht per Fallschirm. Nein, mitten in der Luft sagt Baumgartner: "It's time for a new challenge." Abrakadabra - sein Equipment verwandelt sich in einen Rennwagen, und schon rast der "Space Jumper" zu Lande weiter: über den Nürburgring. Dort hat der Österreicher gerade als Promi-Pilot für Audi ein paar Runden beim 24-Stunden-Rennen gedreht.

Eine echte Herausforderung könnte Baumgartner wohl wirklich gebrauchen, nach all den Scherereien der vergangenen Monate. Und zwar eine wirkliche Herausforderung - nicht so eine PR-Nummer wie am Nürburgring, als der 45-jährige Motorsport-Debütant rund 20 bis 40 Sekunden pro Runde langsamer fuhr als die Spitzenpiloten und sich nachher deren gestanzte Komplimente anhören musste. Aber was soll jetzt noch kommen für Baumgartner, nach diesem 14. Oktober 2012?

Millionen haben seinen Sprung aus der Stratosphäre verfolgt. Mit ihm gestaunt, als er am Rande der Kapsel stand und auf die Erde 38.969 Meter tief unter ihm blickte. Mitgefiebert, als er salutierte, "I'm going home now" funkte, sich ins Nichts stürzte, auf 1,25-fache Schallgeschwindigkeit beschleunigte, 1357 Kilometer pro Stunde. Gebangt, als er plötzlich im freien Fall wild um die eigene Achse trudelte. Aufgeatmet, als er sich wieder stabilisierte, den Fallschirm öffnete und schließlich sicher landete.

Ban Ki Moon nannte ihn den "mutigsten Menschen der Welt"

Selbst Kritiker des Projekts Red Bull Stratos waren fasziniert von dem Spektakel, das der Sponsor mithilfe von 35 Kameras in Live-Übertragungen und über soziale Netzwerke inszenierte. Werbefachleute schätzten den PR-Wert des Marketingcoups auf sechs Milliarden Euro - bei kolportierten Kosten von 50 Millionen. Manche Medien verglichen den wissenschaftlich nicht sonderlich sinnstiftenden Stunt mit der Mondlandung. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte Baumgartner gar den "mutigsten Menschen der Welt". Und als der Hochgelobte ankündigte, er werde künftig Rettungshubschrauber fliegen, waren die Fans gerührt.

Heute jubeln ihm nicht mehr so viele zu. Baumgartners Ruhm verblasst - so rapide, dass der zuständige Red-Bull-Pressesprecher ihn hartnäckig "Baumgärtner" nennt. Als wäre der Mann, der vorher von 130 Wolkenkratzern sprang, bloß ein One-Jump-Wonder. Vielleicht ist etwas Distanz aus Konzernsicht auch ratsam, zumal Baumgartner seit dem Tag der Tage unschöne Schlagzeilen produziert. Mal prangert er in einem Interview die Demokratie an und macht sich für "eine gemäßigte Diktatur" stark. Mal plädiert der kinderlose Mittvierziger beim Thema Erziehung "für die gesunde Ohrfeige, wenn's sein muss".

Das Landesgericht Salzburg verurteilt ihn in letzter Instanz wegen Körperverletzung zu 1500 Euro Geldstrafe, weil er 2010 einem Lkw-Fahrer im Streit einen Fausthieb versetzt hatte. Seine Partnerin trennte sich von ihm, wie sie auf Facebook schreibt unter anderem wegen "Egoismus (des 'Helden')". Baumgartner selbst steht zu seinen umstrittenen Aussagen, und der Schlag sei Notwehr gewesen, ließ er vor Gericht erklären. Zitate aus einem Gespräch, das SPIEGEL ONLINE mit ihm geführt hat, will er nicht zur Veröffentlichung freigeben.

Wenn das Honorar stimmt, tritt Baumgartner als Werbefigur auf

Im Frühjahr 2013 wurden Scharmützel Baumgartners mit dem österreichischen Fiskus bekannt. Nachdem sich die Behörden im Zuge einer Steuerprüfung geweigert hatten, ihm einen Spitzensportler-Rabatt zu gewähren, und rückwirkend Nachzahlungen einforderten, zog der Salzburger nach Arbon in die Schweiz. Worauf die Fahnder dem "Steuerflüchtling", wie er sich selbst nennt, zeitweise Haus und -Hubschrauber beschlagnahmten. Später erklärte der Extremspringer noch, ein Finanzstaatssekretär habe zwischenzeitlich zu seinen Gunsten eingegriffen. Der Politiker dementierte entschieden. Baumgartner hat die Steuerbehörden verklagt.

Falls das Honorar stimmt, tritt Baumgartner bei Firmenveranstaltungen, Autogrammstunden oder als Werbefigur auf. Seinen erklärten Berufswunsch, Rettungshubschrauberpilot, hat er bislang nicht verwirklicht: Die nötige Spezialausbildung hat er knapp zwei Jahre nach der Ankündigung noch nicht einmal angefangen. "Felix findet nicht die Zeit dazu, jetzt, da er überall auf der Welt auftritt", sagt Roy Knaus, Chef der Firma Heli Austria, die ihn einsetzen wollte.

Der Abenteurer nutzt die Heli-Austria-Flieger lieber für persönliche Zwecke. Kürzlich flog er mit einem gecharterten Helikopter unerlaubt in den kontrollierten Luftraum des Münchener Flughafens, ohne sich beim Tower anzumelden. Zwar bestand keine unmittelbare Gefährdung für den Luftverkehr, dennoch musste Deutschlands zweitgrößter Airport laut "Bild" daraufhin kurzzeitig den Betrieb unterbrechen. Die Polizei ließ einen Hubschrauber aufsteigen, um dem Irrflieger hinterherzujagen, Baumgartner aber war schneller. Schließlich kam er der Aufforderung nach, auf dem Flughafen Salzburg zu landen.

Von der Polizei will Baumgartner bis kurz vor Salzburg nichts bemerkt haben. Die Verletzung des Luftraums bezeichnet er als Versehen, erklärt sie mit schlechter Sicht und einem technischen Problem: Sein Navigationssystem sei ausgefallen. Knaus zufolge hat er diesen Mangel allerdings selbst zu verantworten: "Felix hat unser festes Navigationssystem ausgebaut und sein eigenes System installiert." Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung hat Ermittlungen gegen den Österreicher gestartet, Knaus will ihm nun eine Nachschulung verpassen.

"Himmelsstürmer - mein Leben im freien Fall", hat der Held a.D. seine Autobiografie betitelt. Vieles deutet daraufhin, dass der Alltag auf Erden den Mann mit dem "Born to Fly"-Tattoo anödet. Dass ihm das große Ziel fehlt. Nach einem Sprung sei er "wochenlang wie im Flow", hat er kürzlich dem "Zeit Magazin" offenbart, dann verspüre er "irgendwann wieder den Drang nach dem nächsten, noch spektakuläreren Sprung. Denn man ist nie dauerhaft zufrieden." Doch wie er seine 38.969 Meter über Normalnull toppen könnte, das weiß Felix Baumgartner wohl selbst nicht.

Was wurde eigentlich aus...

Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshowmoderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chatportal Knuddels, "Costa Concordia" und viele mehr.
Im Überblick: Alle Folgen der Serie "Was wurde aus...?