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30. Mai 2011, 10:43 Uhr

Felsenstadt Petra

Archäologen finden Badehaus in der Wüste

Aus Petra berichtet

Forscher haben in der antiken Felsenstadt Petra einen rund 2000 Jahre alten Palast entdeckt, inklusive Luxus-Badeanlage und Fußbodenheizung. Die Residenz steht auf dem höchsten Berg der Stadt - und könnte die Antwort auf Herodes' legendäre Festung Masada gewesen sein.

Auf dem Gipfelplateau kann man erahnen, wie der König sich gefühlt haben muss. Durch die flirrende Wüstenluft reicht der Blick über die gesamte antike Stadt Petra mit ihren monumentalen, aus dem Fels geschlagenen Fassaden. Rundherum erheben sich die Berge des Ostjordanlands, in Richtung Westen kann man bis nach Israel sehen. Von hier oben entgeht einem nichts, was in und um Petra passiert. Auf dem schwer zugänglichen, staubtrockenen Berg namens Umm al-Bijara ("Mutter der Zisternen") graben Forscher seit einiger Zeit nach Spuren der Nabatäer. Gefunden haben sie jetzt - ein Luxusbad.

Das grelle Licht der Morgensonne bricht sich in den Schweißtropfen auf Stephan Schmids Stirn. Der Archäologe hat soeben viele hundert felsige Stufen zum Gipfel erklommen. "Stellen Sie sich vor, welchen Eindruck das auf einen Fremden gemacht haben muss", sagt Schmid, noch immer etwas außer Atem. "Da kommt man völlig kaputt hier oben an, und der König liegt in der Wanne."

Fragt sich, in welcher. Das Spaßbad besaß gleich zwei davon: eine für die private Entspannung, die zweite groß genug fürs Gruppenplanschen. Der Fußboden und selbst die Wände waren beheizt, die Notdurft verrichtete man über fließendem Wasser - und das bei einer unglaublichen Aussicht. Der Gebäudekomplex liegt mehr als 300 Meter über der Stadt in der Ostwand der Umm al-Bijara. Direkt hinter dem gekachelten Boden gähnt der Abgrund, den Blick nach unten ertragen nur Schwindelfreie.

Die spektakuläre Entdeckung wirft erneut die Frage auf: Wer waren diese Nabatäer? Vor knapp 2600 Jahren wanderten sie ins heutige Jordanien ein, gründeten 400 Jahre später ein Königreich - und meißelten dann innerhalb weniger Jahrzehnte eine ganze Stadt aus dem Fels. Dennoch ist bis heute nur wenig über das rätselhafte Volk und seine Hauptstadt bekannt.

Die Entdeckung der Badeanlage beweist, zu welchen unglaublichen Leistungen die Nabatäer fähig waren. Mitten in der Wüste haben sich ehemalige Nomaden eine Wellness-Oase gegönnt, die ihresgleichen suchte - und das will etwas heißen in der mediterranen Antike, in der mondäne Badegelegenheiten keine Seltenheit waren.

Da die Tausende Quadratmeter große Anlage direkt an der Kante des Gipfelplateaus hängt, war sie in der gesamten Innenstadt sichtbar. Weiß verputzt müssen die Gebäude in der Sonne gestrahlt haben wie Leuchtfeuer. "Das war ein Las-Vegas-Effekt", sagt Schmid. "Da wollte offenbar jemand gesehen werden."

Die ersten Reste der mutmaßlichen Herrscherresidenz wurden schon in den fünziger Jahren entdeckt. Aber erst bei den jüngsten Ausgrabungen wurde klar, was die Archäologen hier vor sich hatten. Als die Forscher um Schmid, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, und Piotr Bienkowski aus Manchester sich 2010 an die Arbeit machten, konnten sie zunächst kaum glauben, was sie zu Tage förderten. Doch inzwischen ist Schmid, 44, überzeugt: "Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Residenz der nabatäischen Könige."

Badewanne seit 2000 Jahren dicht

Der Aufwand für den Betrieb der Anlage war beachtlich. "Jeder Zweig, der für die Heizung verbrannt wurde, musste vorher auf den Berg getragen werden", sagt Schmid. Zudem konnte der ahnungslose Fremde nicht wissen, dass die Nabatäer nicht auch noch das Badewasser auf den Gipfel schleppen mussten. Stattdessen gewannen sie es mit Hilfe eines genialen Systems. Wenn Regen fiel, strömte das Wasser durch zahlreiche in den Sandstein geschlagene Leitungen in gewaltige Zisternen. Die birnenförmigen Speicher im Fels konnten mitunter Hunderttausende Liter Wasser aufnehmen. Allein auf der Umm al-Bijara haben die Archäologen acht Zisternen entdeckt, insgesamt sind in Petra mehrere hundert dokumentiert.

Wie effektiv selbst die Reste des Systems noch heute funktionieren, konnten die Forscher selbst erfahren: Als während der Ausgrabungen ein kurzer Platzregen niederging, dauerte es nur Minuten, ehe das Wasser in die Zisternen zu strömen begann. Selbst Tage später stand noch Wasser in manchem Speicher - und auch in der noch intakten Badewanne. Sie ist damit seit rund 2000 Jahren dicht.

Der Fußboden der Badeanlage ruhte zum Teil auf kleinen Säulen, durch den Zwischenraum strömte die heiße Luft eines Feuers. Sie wärmte nicht nur den Fußboden, sondern durchströmte auch hohle Ziegel in den Wänden. "Das war jeder modernen Heizung mindestens ebenbürtig", meint Schmid.

Zudem waren die Nabatäer Fans von Hygiene. Von den Zisternen strömte das Nass durch Leitungen in die Wannen und zugleich in eine weitere Rinne, die auch als Abfluss für das Badewasser diente. Über ihr konnte man es sich gemütlich machen und sein Geschäft verrichten. Anschließend floss die Melange seitlich am Berg in unbewohntes Gelände. "So verschwendete man kein sauberes Wasser", sagt Schmid. "Und man schiss der Stadt nicht auf den Kopf."

Warum die Umm al-Bijara strategisch überlebenswichtig für Petra war

Das Wassermanagement der Bergresidenz und der gesamten Stadt musste allerdings ständig gewartet werden. Sonst wäre schnell das passiert, was heute überall in Petra zu besichtigen ist: Die vielen Leitungen - einst allesamt mit Mörtel verkleidet oder mit Blei- und Tonrohren ausgelegt - sind zum größten Teil verwittert. Der nackte Sandstein kann den Elementen nicht lange trotzen. Auch die meisten Zisternen sind längst bis zum Rand mit Sedimenten gefüllt oder zugewuchert.

Zu ihrer Glanzzeit waren die Nabatäer dank ihrer Aquädukte in der Lage, eine Großstadt mitten in der Wüste zu versorgen. Mit dem Badehaus auf der Umm al-Bijara trieben sie den Schabernack mit dem Wasser buchstäblich auf die Spitze. "Es war völlig absurd, ein Badehaus an dieser Stelle zu bauen", sagt Schmid. Warum die Nabatäer es dennoch taten? "Weil sie es konnten. So haben sie gezeigt, welche Macht und Ressourcen sie hatten."

Allem Luxus zum Trotz dürfte es im Winter auf dem nackten Gipfelplateau der Umm al-Bijara äußerst ungemütlich zugegangen sein. "Das war wohl eher eine Sommerresidenz", sagt Schmid, "vermutlich ausgelegt auf längere Aufenthalte, da man den beschwerlichen Auf- und Abstieg kaum für Tagestrips auf sich nimmt." Ein Palast mit beheiztem Badehaus für den Sommer, auf einem Berg mitten in der Wüste - für die damalige Zeit ein geradezu obszöner Luxus.

Bauwettbewerb mit Herodes dem Großen?

Der Archäologe vermutet gar, dass die Herren über die Felsenstadt sich einen regelrechten Bauwettbewerb mit Herodes dem Großen geliefert haben, der im benachbarten Judäa herrschte. Auch der biblische Despot ließ gern auf Hügelspitzen bauen. Bei den Ausgrabungen in Petra - finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Berliner Exzellenzcluster Topoi - stellte sich heraus, dass die nabatäische Bergresidenz mehrere Parallelen zu den Palästen des Herodes aufweist.

Am deutlichsten werde das an der berühmten Festung von Masada, meint Schmid. Sowohl dort als auch auf der Umm al-Bijara befinde sich das Badehaus am "privatesten Ort": In der äußersten Ecke des Hochplateaus, so weit wie möglich entfernt vom Zugang zur Anlage. Zudem hätten die Erbauer beider Anlagen mit Sichtbarkeit gespielt, atemberaubende Panoramablicke seien Teil der Architektur. Selbst sein Grab, das 2007 nach langer Suche entdeckt wurde, ließ Herodes hoch oben auf einem Hügel errichten.

Der Frankfurter Althistoriker Manfred Clauss, der nicht an der Forschung in Petra beteiligt war, hält diese Interpretation für schlüssig. "Badeanlagen waren der größte Luxus, den man sich damals überhaupt leisten konnte." Zudem sei es in der Antike gängig gewesen, sich "bei der Prachtentfaltung in der Nachbarschaft umzusehen" und die Bauten anderer Herrscher nachzuahmen.

Die "Kombination aus strategischer Lage und Zurschaustellung von Wohlstand" kennzeichne sowohl Herodes' Bergpaläste als auch die Anlage in Petra, heißt es in einem Vorabbericht des von Schmid und Bienkowski geleiteten "International Umm al-Biyara Project". Denn nicht nur die Protzerei lässt die Forscher vermuten, eine königliche Residenz entdeckt zu haben - sondern auch die strategisch günstige Lage der Umm al-Bijara. "Der Berg war für die Stadt viel zu wichtig, als dass man Hinz und Kunz erlauben konnte, hier zu bauen", sagt Schmid, während er den Blick über die Berge der Gegend schweifen lässt.

Da Petra zwischen Felsmassiven eingekeilt ist, war aus der Stadt heraus kaum zu sehen, was in der Umgebung passierte - ein potentiell gefährlicher Nachteil. Von der Umm al-Bijara aber gibt es einen perfekten Rundblick, und der Berg war womöglich gar Teil eines Langstrecken-Nachrichtensystems. Auf den umliegenden Anhöhen haben die Archäologen Reste möglicher Wachttürme entdeckt. Auch auf der Umm al-Bijara gibt es laut Schmid eine Struktur, die einst ein solcher Turm gewesen sein könnte. Zumindest lege das ihre Position nahe, die perfekt für einen solchen Zwecke geeignet sei.

"Der nächste Wachtturm liegt für einen Reiter etwa eine Tagesreise entfernt", sagt Schmid. Per Feuerzeichen dürfte die Nachrichtenübermittlung aber nur Sekunden gedauert haben. Deshalb sei der Berg vermutlich Petras Tor zur Außenwelt gewesen. "Wer immer dauerhaft in dieser Stadt leben wollte, musste die Umm al-Bijara kontrollieren."

Petra, die Unbekannte: Lesen Sie im zweiten Teil der Serie, warum die antike Felsenstadt bis heute weitgehend unerforscht ist - obwohl sie schon von Millionen Touristen besucht wurde.

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