Finanzkrisen-Psychologie "Vertrauen ist immer auch Selbsttäuschung"

Das Weltfinanzsystem ist am Boden - weil die Aussicht auf satte Renditen bei vielen Anlegern das gesunde Misstrauen außer Kraft gesetzt hat. Max-Planck-Forscher Guido Möllering warnt in einem Interview vor überzogenen Rufen nach mehr Kontrolle.


Frage: Herr Möllering, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – stimmt's?

Guido Möllering: So pauschal stimmt das sicher nicht. In der betriebswirtschaftlichen Forschung ist das Verhältnis zwischen Vertrauen und Kontrolle umstritten. Einige Studien zeigen, dass Vertrauen und Kontrolle sich ergänzen, andere wiederum, dass sie sich verdrängen. Ich meine: Blindes Vertrauen ist gefährlich, aber Versuche der perfekten Kontrolle einer Person, eines Unternehmens oder gar des ganzen Wirtschaftssystems sind ebenfalls zum Scheitern verurteilt und außerdem teuer.

Frage: Wie kann man den wirtschaftlichen Wert von Vertrauen bemessen?

Möllering: Ökonomen finden Vertrauen attraktiv, so weit damit Kontrollkosten gespart werden. Das ist allerdings schwer messbar. Außerdem müsste man auch die Kosten des Aufbaus und der Pflege sowie einer möglichen Enttäuschung von Vertrauen gegenrechnen. Großen wirtschaftlichen Wert hat Vertrauen vor allem dann, wenn es Freiräume für Kreativität, Kooperation und Kommunikation ermöglicht. Außerdem ist Vertrauen ein Ausdruck zwischenmenschlicher Solidarität und Verantwortung. Diese moralische Komponente ist sehr wertvoll und schafft zum Beispiel Zufriedenheit und Motivation – auch bei den Kunden und Belegschaften von Banken. Georg Simmel zeigte in seiner "Philosophie des Geldes" bereits vor hundert Jahren, dass der Kapitalismus nicht rein ökonomischer Natur ist, sondern nur unter bestimmten sozialen und moralischen Voraussetzungen funktionieren kann.

Frage: Wäre angesichts der Finanzkrise mehr Misstrauen nicht gesünder gewesen?

Möllering: Im Nachhinein: Ja, klar. Doch beim Vertrauen geht es um Ungewissheit und Verwundbarkeit. Man kann daher nur schwer im Voraus den Punkt bestimmen, ab dem zu viel vertraut wird. Zur Finanzkrise hat wohl auch geführt, dass zu viele Beteiligte den neuen Produkten und den damit verknüpften schönen Aussichten allzu gern vertrauen wollten. Vertrauen ist immer auch ein Stück weit Selbsttäuschung.

Frage: Sollte Vertrauen verloren gehen – wie baut man es dann wieder auf?

Möllering: Vertrauen wird aufgebaut, indem man seine Verantwortungsbereitschaft demonstriert, und zwar über das Maß hinaus, zu dem man ohnehin verpflichtet ist. Das nennt man in der Ethik "Supererogation" – mehr zahlen, als man schuldet. Wie man Vertrauen in der Wirtschaft reparieren kann, wird übrigens erst seit Neuestem wieder genauer untersucht. Wichtige Aspekte sind erstens die Aufarbeitung des Vertrauensbruchs selbst, zweitens der positive Ausgleich der negativen Entwicklung – wozu auch die Supererogation dient –, und drittens kann es nötig sein, gemeinsam und einvernehmlich Vorkehrungen gegen zukünftige Vertrauensbrüche zu treffen.

Frage: Das ist ja auch im Finanzwesen aktuell, denn dort wird nach mehr Kontrollen gerufen – ist das die richtige Lösung?

Möllering: Ich bin sehr skeptisch gegenüber Kontrollreflexen, die das verlorene Vertrauen ersetzen wollen und damit seine Rückkehr doch eher erschweren. Soll Kontrolle Vertrauen zurückbringen, müssen erstens die Kontrollierten die Kontrollen akzeptieren und zweitens Freiräume bleiben, in denen sie zeigen können, dass sie freiwillig verantwortungsvoll und solidarisch sind. Andererseits müssen wir uns im Finanzsektor vielleicht doch für mehr Kontrolle entscheiden, weil ein hohes Maß an Vertrauen dort zu voraussetzungsvoll und gefährlich ist. In manchen Kontexten, zum Beispiel in Gefängnissen, ist Vertrauen eben weniger angebracht als in anderen, auch wenn es nirgendwo ganz ohne geht.


© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

Das Gespräch führte Udo Flohr.



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