Christian Stöcker

Fipronil-Angst Die Geschichte von den Eiern und den Bienen

Der Ernährungshype der Woche, die Angst vor giftigen Eiern, erscheint stark übertrieben. Viel gefährlicher ist die Chemikalie Fipronil für eine ganz andere Spezies - und damit am Ende auch wieder für uns Menschen.
Foto: Sean Gallup/ Getty Images

"Aber die Bienen? Es gab auf der ganzen Welt niemanden, der nicht dieses üble Schuldgefühl in der Magengegend hatte, weil wir wussten, dass wir diesen Fehler gemacht hatten, nicht Mutter Natur."

Douglas Coupland, "Generation A"

Die Stadt ist wie ausgestorben. Alle Erwachsenen sind verschwunden, nur Lebensmittelvorräte, viele Kinder und ein paar Pflegekräfte sind noch da. Und die Königin. Überlebensfähig sind sie allein nicht. Sprechen können sie auch nicht. Man wird also nie erfahren, wo der Rest der Bevölkerung geblieben ist. Leichen jedenfalls sind keine zu finden.

In etwa so sieht es in einem Bienenstock aus, der der sogenannten Colony Collapse Disorder  (CCD) zum Opfer gefallen ist, einer besonders rätselhaften Form des Bienensterbens. Ganze Völker verschwinden. Die Bienen fliegen davon und kehren nicht zurück. In den USA überleben seit 2007 jedes Jahr bis zu 30 Prozent der Honigbienen den Winter nicht, doppelt so viele wie zuvor - was nicht nur, aber auch an CCD liegt. 2015 lagen die Verluste übers ganze Jahr hinweg bei insgesamt 44 Prozent. Daran ist nicht nur CCD schuld, sondern, unter anderem auch ein Parasit namens Varroamilbe. Aber den kennt man wenigstens.

Mehrere Milliarden Bienen pro Quartal verschwinden

In jüngster Zeit erging es den Bienen etwas besser. In den ersten drei Monaten des Jahres 2017 traf die rätselhafte CCD nach aktuellen Zahlen in den USA  nur noch etwa 85.000 Bienenvölker, ein Rückgang von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Gesamtzahl der Bienenvölker hat dort erstmals sogar wieder leicht zugenommen, was vor allem daran liegt, dass Imker Völker teilen und hoffen, dass die kleineren Kolonien überleben werden. Noch immer aber verschwinden pro Quartal mehrere Milliarden Bienen, und viele weitere sterben auf weniger rätselhafte Weise.

Vermutlich spielt dabei eine Vielzahl von Faktoren und deren Wechselwirkung  eine Rolle: Monokulturen und damit verbundene Mangelernährung, Umweltverschmutzung, der Klimawandel, Viren, diverse Schädlinge wie die Varroamilbe - und Pestizide. Und damit wären wir beim Ernährungsthema der vergangenen Woche, einem Stoff namens Fipronil.

Die Eier sind nicht das Hauptproblem

Fipronil ist eine der zahllosen Substanzen, die in den Laboren der chemischen Industrie im Laufe der Jahrzehnte entwickelt wurden, um Schädlingen den Garaus zu machen. Jetzt hat man es in Hühnereiern gefunden, was vermutlich daran liegt, dass ein belgischer Händler das Zeug verbotenerweise einem Mittel zur Bekämpfung von Geflügelparasiten beigemischt hat. Die Konzentration ist so gering, dass sie Menschen kaum ernsthaft wird schaden können - trotzdem ist es natürlich richtig, diese Eier aus dem Verkehr zu ziehen. Die wahre, langfristige, globale Gefahr, die von Fipronil ausgeht, liegt aber woanders.

Das Mittel tötet Flöhe und Zecken, bis vor Kurzem wurde es auch hierzulande in der Landwirtschaft als Insektizid eingesetzt. Bis man merkte, dass es offenbar auch Bienen schadet. 2013 erklärte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), Fipronil stelle "ein hohes akutes Risiko für Honigbienen  dar, wenn es zur Saatgutbehandlung von Mais eingesetzt wird".

"Komplexe Faktoren", "genehmigter Einsatz"

Die EU verbot als Reaktion auf den Bericht den Einsatz für die Behandlung von Mais- und Sonnenblumensamen, ein schönes Beispiel dafür, dass die angeblich so abgehobenen Technokraten in Brüssel oft durchaus sinnvolle Dinge tun. Für manche anderen Zwecke darf das Mittel aber weiter benutzt werden. Ein Sprecher des Fipronil-Herstellers BASF war damals sehr unzufrieden. Die "vielfältigen und komplexen Faktoren, die die Bienengesundheit beeinflussen", seien von der EFSA ja gar nicht berücksichtigt worden. BASF klagte sogar gegen das Verbot.

Die Schlüsselbegriffe hier sind "vielfältige und komplexe Faktoren". So argumentieren Hersteller von Schädlings- und Pflanzengiften oft: Das ist alles sehr kompliziert. Keiner weiß genau, welchen Anteil unsere Gifte am aktuellen Missstand haben. Es erinnert ein bisschen an die Position der Ölbranche zum Klimawandel. Oder die der Tabakbranche zu Lungenkrebs. Ähnliches gilt nicht nur für Fipronil, sondern für eine weitere Gruppe von Pestiziden, die sogenannten Neonikotinoide.

"Weiterhin überzeugt, dass die Produkte sicher sind"

In einem von gleich drei jüngst in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlichten Artikeln zum Thema Insektizide und Bienen steht: "In Abhängigkeit von den lokalen Umweltgegebenheiten kann die Anwendung von Neonikotinoiden die Überlebenschancen von einem Jahr auf das nächste substanziell reduzieren." In Europa sind auch diese Substanzen seit Jahren für den Einsatz bei der Saatgutbeize verboten. Wieder ein Fall, in dem die EU Konzerne in ihre Schranken weist.

Einer der Hersteller, diesmal Bayer CropScience, beklagte damals, die Gesundheit von Bienen und Bienenvölkern würden aber doch "durch eine Vielzahl von Faktoren" beeinflusst. Kommt Ihnen das bekannt vor? Die neuen Studien sollten - mitfinanziert von Bayer und Syngenta! - im Feldversuch klären, ob Neonikotinoide Bienen tatsächlich schaden. Das Ergebnis sagt, in Kurzform: ja, tun sie.

Ein Forscher in Diensten von Bayer CropScience dagegen kommentierte die neuen Resultate dennoch so: "Wir sind weiterhin überzeugt, dass die Produkte für Bienen sicher sind ."

Es geht um viel Geld

Fipronil und Neonikotinoide haben viele Gemeinsamkeiten. So viele, dass sie in einer Studie aus dem Jahr 2014 gleich zusammen betrachtet wurden . Diese Substanzen machen demnach gemeinsam ungefähr ein Drittel des Weltmarktes für Insektizide aus. Es geht um eine Menge Geld.

Der oben zitierte "Science"-Artikel enthält noch eine weitere sehr interessante Passage: Die Ergebnisse legten nahe, heißt es da, "dass Neonikotinoidkontakt helfen könnte, Colony Collapse Disorder zu erklären". Besonders gefährlich sei es für Honigbienen offenbar an bestimmten Orten: "In der Nähe von Maisfeldern, wo Neonikotinoide und andere Agrochemikalien eingesetzt werden."

In den USA werden die Neonikotinoide weiterhin in großem Stil benutzt, insbesondere in den Staaten des mittleren Westens mit ihren gewaltigen Maismonokulturen. Auch die in Europa seit 2013 teilweise verbotenen Stoffe Tiamethoxam , Clothianidin  und Imidacloprid . Hinter den Links finden Sie Karten mit der Verteilung ihres Einsatzes. In vielen dieser Bundesstaaten gehen auch besonders viele Bienenvölker verloren .

Es sieht aus, als spiele die Monokulturlandwirtschaft mit all ihren giftigen Helferlein eine zentrale Rolle für das Bienensterben in der westlichen Welt, insbesondere den USA. In Douglas Couplands eingangs zitiertem Roman "Generation A" kann man nachlesen, wie eine Welt ohne Bienen in etwa aussehen würde: kaum noch Blumen, Äpfel und Honig als Luxusgüter, kollabierte Ökosysteme, Fettsucht fördernder Maissirup als Grundnahrungsmittel - Mais wird nämlich durch den Wind bestäubt.

Mit den Bienen verhält es sich ähnlich wie die mit dem Klimawandel - das Ganze geht so langsam, dass wir uns schlecht darauf konzentrieren können. Mit den Eiern in unserem Kühlschrank ist das offenbar einfacher.