Flexibles Gehirn Mädchen mit einer Hirnhälfte hat vollständiges Gesichtsfeld

Im Gehirn herrscht strenge Aufgabenteilung: Links werden die Eindrücke des rechten Gesichtsfelds verarbeitet, rechts die der linken Seite. Doch es geht auch ganz anders, wie Forscher bei einem Mädchen herausgefunden haben, das nur eine Hirnhälfte besitzt.


Sie kann normal sehen, obwohl ihre rechte Hirnhälfte fast vollständig verkümmert ist. Die linke Hirnhälfte des Mädchens scheint alle visuellen Reize allein zu verarbeiten - sowohl jene, die ins linke, als auch jene, die ins rechte Gesichtsfeld fallen, zeigt eine neue Untersuchung. Für die Entwicklung eines vollständigen Gesichtsfelds sind eigentlich beide Hirnhälften notwendig, denn jede Hirnhälfte reagiert nur auf Reize aus dem jeweils gegenüberliegenden Gesichtsfeld. Im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten die Forscher um Lars Muckli von der University of Glasgow über ihre Ergebnisse.

Menschliches Auge: Gehirn flexibler als gedacht
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Menschliches Auge: Gehirn flexibler als gedacht

Als das Mädchen, das die Forscher als "AH" bezeichnen, im Kleinkindalter war, hatten Mediziner zufällig entdeckt, dass die rechte Hirnhälfte des Mädchens fast vollständig verkümmert war. Die Patientin könne gut mit dem halben Gehirn leben, es gebe keine Entwicklungsstörungen.

Nach der siebten Schwangerschaftswoche müsse die rechte Hirnseite aufgehört haben zu wachsen, schlossen die Ärzte aus den Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren. Das Mädchen könne inzwischen fast so gut sehen wie ein gesunder Mensch. Ohne die Augen zu bewegen, hat es von links nach rechts einen Blickwinkel von rund 170 Grad und von oben nach unten von rund 110 Grad, was einem vollständigen Gesichtsfeld entspricht.

Wie das funktioniert, war allerdings unklar, denn Menschen benötigen für die Entwicklung eines vollständigen Gesichtsfelds normalerweise beide Gehirnhälften. Die Wissenschaftler untersuchten deshalb die Aktivität der linken Gehirnhälfte von AH auf visuelle Reize, die entweder ins linke oder ins rechte Gesichtsfeld des Mädchens fielen. Tatsächlich ist die linke Hirnhälfte des Mädchens bei allen Reizen aktiv, entdeckten die Forscher.

Genauere Untersuchungen zeigten, dass Sehnerven, die eigentlich zur rechten Hirnhälfte führen sollten, bei AH in die linke Hirnhälfte münden. Vermutlich war zum Zeitpunkt, als sich die Sehnerven entwickelten, die rechte Hirnhälfte schon so weit geschädigt, dass sie keine Signale mehr senden konnte. Weil Signale fehlten, die die Nerven zur rechten Hirnhälfte leiteten, wuchsen sie stattdessen zur linken.

Wahrscheinlich konnte sich das Gehirn des Mädchens gerade durch die frühe Verkümmerung der rechten Hirnhälfte so flexibel entwickeln, schreiben die Forscher. Denn Patienten, die erst später, beispielsweise durch eine Operation, eine Hirnhälfte verlieren, können keinen derart vollständigen Sehsinn mehr entwickeln.

hda/ddp



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