Flügel-Mann im Interview "Sobald man fliegt, ist es total einfach"

Ein Mensch als Flugzeug: Er legt seine Flügel an, zündet die Triebwerke - so rast der Schweizer Yves Rossy durch die Lüfte. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über seine Steuertechnik, Flugangst und das geplante Starten aus fahrenden Autos.


SPIEGEL ONLINE: Ihr jüngster Flug in der Schweiz war spektakulär. Wie lange dauert es, bis jeder, der will, so fliegen kann wie Sie?

Yves Rossy: Ein paar Jahre noch, aber es wird möglich sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie übertreiben.

Rossy: Nein. Derzeit ist es noch zu gefährlich und zu kompliziert, bis man in der Luft ist. Aber sobald man fliegt, ist es total einfach.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Komplizierte beim Starten?

Rossy: Ich muss erst einmal eine Art Checkliste abarbeiten: Ich lege im Flugzeug den Flügel an, der immerhin 55 Kilogramm wiegt. Dann gehe ich auf die Treppe, zünde die Triebwerke. Wenn alle vier im Leerlauf stabilisiert sind, gehe ich raus. Zuerst im freien Fall, und dann wird es anspruchsvoll: Ich muss den Körper aus dem Sturzflug langsam in eine horizontale Position bringen und gleichzeitig Gas geben. Dann kann ich sogar steigen. Wenn die Triebwerke erst einmal gut laufen, ist es leicht. Ab dann könnte auch meine Großmutter fliegen.

SPIEGEL ONLINE: Spätestens mit dem Landen hätte die ihre Schwierigkeiten…

Rossy: Ja, man muss Fallschirmspringen können. Es gibt zwei Phasen: Zuerst öffnet man den Bremsschirm, er verringert die Geschwindigkeit, während man im Winkel vom 45 Grad Richtung Boden fliegt. Dann kommt der Hauptschirm.

SPIEGEL ONLINE: Welche körperlichen Voraussetzungen braucht ein "Fusion Man"? Muss er viel Kraft haben?

Rossy: Nur beim Starten. Das ist so ähnlich wie beim Tauchen. Solange Sie nicht im Wasser sind, läuft man wie ein Pinguin rum und hat die schweren Flaschen auf dem Rücken. Im Wasser ist dann alles ganz leicht. Genauso ist es mit dem Flügel. Ich fliege total entspannt, ohne die Muskeln einzusetzen. Wenn ich verkrampft bin, dann werde ich instabil, denn mein Körper ist Teil des Flugobjekts.

SPIEGEL ONLINE: Wie lenken Sie überhaupt?

Rossy: Nur mit dem Körper, und das ist das große Plus! Ich mache nur kleine Bewegungen. Wenn ich abwärts möchte, senke ich den Kopf nach unten. Wenn ich den Oberkörper nach oben beuge, geht's nach oben. Wenn ich eine Kurve fliegen will, drehe ich Kopf und Schulter zur Seite. Das ist total intuitiv, genau wie ein Kind, das mit seinen Armen Flugzeug spielt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst, wenn Sie mit 300 Sachen durch die Luft schießen?

Rossy: Nein! Ich bin nur manchmal etwas aufgeregt, besonders wenn ich etwas Neues ausprobiere, etwa einen anderen Flügel.

SPIEGEL ONLINE: Beschreiben Sie das Gefühl beim Fliegen.

Rossy: Es ist die totale Freiheit. Die Flugbewegungen kenne ich ja schon aus verschiedenen Flugzeugen. Aber da war eben immer etwas um mich herum, das ich steuern musste. Als Fusion Man bin ich quasi nackt, ich habe nur den Flügel, der mich trägt. Doch trotzdem mache ich das gleiche wie mit einem Flugzeug. Es ist wie ein Traum. Wo ich hinschaue, dorthin fliege ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel kostet Ihr Equipment eigentlich?

Rossy: Das ist schwer zu schätzen. Die Triebwerke kosten 5000 Euro. Dazu kommen der Spezialanzug, Fallschirme und so weiter. Zusammen dürften das 50.000 bis 80.000 Euro sein. Aber es ist ein Prototyp. In einer Serienproduktion wird es deutlich billiger sein. Ich werde auch das technische Konzept noch überarbeiten: Es wird nur noch zwei Triebwerke geben, der Flügel wird nicht mehr zum Klappen sein und damit kleiner. Ich glaube, dass wir am Ende bei deutlich unter 50.000 Euro landen werden. Sie wissen ja, wie viel Autos heutzutage kosten ...

SPIEGEL ONLINE: Bislang starten Sie aus einem fliegenden Flugzeug. Wird man eines Tages vom Boden abheben können?

Rossy: Ich hoffe, dass ich bald dazu in der Lage bin. Aus dem Laufen heraus wird es nicht funktionieren, ich brauche eine Mindestgeschwindigkeit von 150 Kilometern pro Stunde. Man könnte zum Beispiel von einem fahrenden Auto aus starten. Ich gebe dann einfach mit den Triebwerken Gas und es geht ab nach oben. Eigentlich könnte ich das schon jetzt machen. Aber es ist noch viel zu gefährlich. Die Minimalhöhe für meinen Schirm liegt bei aktuell 800 Metern. Bis in diese Höhe brauche ich etwa drei Minuten. Und während dieser drei Minuten hätte ich keinen Plan B. Es wäre ein enormes Todesrisiko.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll der Start aus einem Auto dann gelingen?

Rossy: Mit einem Fallschirm, der sich im Notfall pyrotechnisch öffnet. Dann kommt man auf eine Minimalhöhe von rund 200 Metern. Das sind dann nur noch 10, 15 Sekunden Flug. Wenn man die Performance noch verbessert, dürfte das Risiko kaum größer sein als beim Start mit einem einmotorigen Flugzeug. Und dann werde ich auch vom Boden aus starten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als wären Sie ein ziemlicher Draufgänger.

Rossy: Nein, ich möchte noch mal ausdrücklich betonen: Ich mache kein Kamikaze. Alles ist kontrolliert.

Das Gespräch führte Holger Dambeck.



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