Die wahren Kosten der Inlandsflüge Jetzt mal airlich

Mit dem Flugzeug von Bonn nach Berlin? Geht gar nicht, finden Politiker und Aktivisten. Doch wie schwer wiegt der Klimaschaden von Inlandsflügen wirklich? Die Zahlen, die Fakten.
Von Julia Köppe, Robert Meyer und Marcel Pauly
Zwei Millionen Tonnen CO2-Emissionen verursachten Inlandsflüge 2018

Zwei Millionen Tonnen CO2-Emissionen verursachten Inlandsflüge 2018

Foto: Alexander Spatari/ Getty Images

Wer in ein Flugzeug von Hamburg nach Frankfurt am Main steigt, den plagt schon mal das schlechte Gewissen. In Zeiten der sich verschärfenden Klimakrise, der Schülerdemos und Rekordhitzewellen spricht vieles dafür, Inlandsflüge sozial ähnlich zu ächten wie den Griff zum Coffee-to-go-Becher aus Plastik. Aber wenn es schnell gehen muss, wählen dann trotzdem viele lieber den Luftweg.

"Ich kann es nicht verstehen, wenn Leute einerseits sagen, dass Klimawandel eine existenzielle Bedrohung ist - und dann andererseits einfach so weiterleben wie immer: fliegen, Fleisch essen, Autofahren", sagt Greta Thunberg im Interview mit dem SPIEGEL. Die 16-jährige Umweltaktivistin verzichtet selbst auf Flugreisen - zum Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres etwa reiste sie mit dem Zug. In ihrer Heimat Schweden gibt es für den Flugverzicht inzwischen ein eigenes Wort "Flygskam" - "Flugscham".

Die Debatte hat längst auch Deutschland erreicht: 230.000 Kurzstreckenflüge pro Jahr allein für Behördenmitarbeiter, die vor allem von Bonn nach Berlin pendeln? Für viele ein Skandal. Grünen-Chef Robert Habeck will Inlandsflüge bis 2035 am liebsten komplett abschaffen. Doch wie viel würde das fürs Klima wirklich bringen?

Betrachtet man den gesamten Ausstoß von Treibhausgasen in Deutschland, machen Inlandsflüge nur einen geringen Anteil aus. Sie waren im vergangenen Jahr für lediglich zwei der 866 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verantwortlich - in dieser Maßeinheit verrechnen Wissenschaftler ausgestoßenes Kohlendioxid mit anderen Treibhausgasen.

Innerhalb des Verkehrssektors spielt der Straßenverkehr eine sehr viel größere Rolle: Aufgeschlüsselte Zahlen für 2018 fehlen noch, im Jahr zuvor aber entfielen laut Umweltbundesamt von den 168 Millionen Tonnen des Verkehrssektors allein 162 Millionen Tonnen auf den Straßenverkehr. Wenn mehr Menschen das Auto stehen lassen und stattdessen Zug fahren würden, wäre das Einsparpotenzial also viel höher als beim Verzicht auf Kurzstreckenflüge.

Problem Langstrecke

Was in den Verkehrsemissionen aber fehlt, ist die Klimabelastung durch internationale Flüge. Sie fließen nicht in die offiziellen Gesamtemissionen Deutschlands ein, sondern werden separat ausgewiesen. Berücksichtigt werden dabei die in Deutschland startenden Flüge. 2017 wurden auf diese Weise mehr als 29 Millionen Tonnen zusätzliches Treibhausgas ausgestoßen - so viel wie noch nie zuvor.

Ein einzelner Langstreckenflug stößt pro Kopf mehrere Tonnen Treibhausgase aus. Auf der Strecke Frankfurt-New York etwa sind es nach Berechnung des Umweltbundesamts 3,8 Tonnen für Hin- und Rückflug. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Deutsche verursacht im Jahr Emissionen von knapp zwölf Tonnen. Anders ausgedrückt: Zwei USA-Flüge reichen, um fast so viel Treibhausgas auszustoßen wie andere in einem ganzen Jahr.

Noch verheerender wäre das Bild, wenn man vom Höchstbudget ausgeht, das die Kompensationsagentur atmosfair berechnet hat. Demnach dürfte jeder Bewohner der Erde im Jahr nur noch 2,3 Tonnen CO2-Äquivalente verursachen, um das Mindestziel einzuhalten, die Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Selbst die auf den ersten Blick unscheinbaren Inlandsflüge - Beispiel München-Berlin und zurück - würden immerhin ein Zehntel dieses Budgets ausmachen.

Ein Zehntel klingt nach gar nicht so viel? Dass dieser Eindruck täuscht, wird deutlich, wenn man sich klarmacht, dass bis 2050 Deutschlands gesamte Emissionen auf nahe null sinken sollen und müssen. Erst kürzlich hatte sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem treibhausgasneutralen Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts bekannt.

Der unterschätzte Effekt von Kondensstreifen

Auf Inlandsflüge ließe sich immerhin vergleichsweise leicht verzichten, wenn die Bahn eine attraktive Alternative wäre. Die Grünen fordern deshalb, das Schienennetz so auszubauen, dass möglichst viele Orte in Deutschland und im benachbarten Ausland innerhalb von höchstens vier Stunden erreichbar sind. Auch der Bund will nun deutlich mehr Geld in das Schienennetz stecken, insgesamt 86 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren.

Ein weiteres Argument, besser aufs Flugzeug zu verzichten, ist die Klimawirkung über das CO2 hinaus. Denn nicht nur die direkten Emissionen belasten das Klima. Eine weitaus größere Rolle könnten Kondensstreifen spielen, haben Forscher aus Köln gerade in einer Untersuchung gezeigt: Der Wasserdampf und der Ruß aus den Abgasen der Flugzeuge bilden in gut acht Kilometer Höhe Eiswolken, die verhindern, dass Wärme von der Erde ins All abgestrahlt wird. Der Einfluss auf das Klima durch die künstlichen Wolken droht sich zu verdreifachen, warnen die Forscher.

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