Flugzeuge und Blitze Tödliche Gefahr im Gewitter

Ein Blitzeinschlag pro Jahr und Maschine: Flugzeuge kommen regelmäßig mit Gewittern in Berührung. Ein Blitz soll auch zum Absturz mit 170 Toten in der Ukraine geführt haben.

Von Sönke Klug


Der 8. Februar 1988 war ein regnerischer Tag. Gewitter brauten sich über dem Ruhrgebiet zusammen. Mitten in das schlechte Wetter flog ein Verkehrsflugzeug, eine Fairchild Metro III. Das letzte, was der Stimmenrekorder im Cockpit aufzeichnete, waren Unstimmigkeiten zwischen Pilot und Copilot, ob das Fahrwerk ausgefahren werden soll. Dann traf ein Blitz die Maschine - und legte mit großer Wahrscheinlichkeit alle elektrischen Anlagen lahm, auch den Stimmenrekorder. Die Piloten sehen ihre Instrumente nicht mehr, fliegen blind, ein Fahrwerk reißt ab, das trudelnde Flugzeug verliert eine Tragfläche und schlägt auf. Weder die 19 Passagiere noch die zwei Piloten überleben den Absturz.

Trümmer der verunglückten Tupolew Tu-154M: Absturzursache ungeklärt
DPA

Trümmer der verunglückten Tupolew Tu-154M: Absturzursache ungeklärt

Jedes US-Verkehrsflugzeug wird im Durchschnitt häufiger als einmal im Jahr von einem Blitz getroffen, schrieb Edward Rupke 2001 in der Zeitschrift "Scientific American". Europäische Analysen haben diese Zahl übernommen.

Ein Blitzeinschlag soll nach bisherigen Angaben der russischen Behörden auch den Absturz der Tupolew TU-154M in der Ukraine verursacht haben. Tatsächlich berichtet die Zeitung "Moscow Times" von heftigen Gewittern, Starkregen, Hagel und Windböen über der Region zum Unglückszeitpunkt. Es sei unklar, ob die Piloten keine Kenntnis von der Wetterlage gehabt hätten oder ob sie entsprechend gewarnt worden seien. Der Pilot der Tupolew soll kurz vor Erreichen der Gewitterzone um Erlaubnis gebeten haben, sie zu umfliegen.

Leitblitz als "Kundschafter"

Wenn ein Flugzeug vom Blitz getroffen wird, "kommt zuerst ein so genannter Leitblitz, wie ein Kundschafter", sagt Professor Harald Schwarz, Experte für Hochspannungstechnik an der Technischen Universität Cottbus. "Der Kundschafter sieht, dass er mit dem leitenden Flugzeug 30, 40 Meter auf dem Weg zu seinem Ziel überbrücken kann - und schlägt in der Nase, in der Tragflächenspitze oder im Heck ein." Quer durch die Maschine suche sich der Leitblitz seinen Weg. Wenn die Verbindung hergestellt sei, komme der Hauptblitz.

"Dann fließt ein sehr hoher Strom irgendwo über das Flugzeug", sagt Schwarz. Das geht an vielen Maschinen nicht spurlos vorüber. "Denn das Flugzeug ist kein vollständiger Faradayscher Käfig, in dem man sicher wäre", warnt Schwarz. "Es gibt Fenster, Türdichtungen, der Käfig ist nicht komplett." Es sei nicht zu verhindern, dass der Blitz auch über die Verkabelung fließe und von dort aus in die Elektronik des Flugzeugs, die durch den starken Strom zerstört werden könne.

An dieser Stelle fangen allerdings auch die Forscher an zu rätseln. Wenn ein wichtiges Element der Elektronik zerstört wird, das nicht doppelt angelegt ist, kann das zum Absturz des Flugzeugs führen. Wo und wann aber bei einem Blitzeinschlag etwas kaputtgehe, "können wir nicht einmal im Modell richtig untersuchen", so Schwarz. Hinter der Vergleichbarkeit von Modell und echtem Flugzeug stünden jedes Mal "drei Fragezeichen".

Natürlich versuchen Flugzeughersteller, ihre Maschinen gegen Blitzschlag zu schützen. Moderne Flugzeuge sind nicht mehr aus leitendem Aluminium gebaut, sondern aus leichten Kohlefaser-Werkstoffen, in die dann spezielle Fasern zur Blitzableitung eingebaut sind, erläuterte Rupke im "Scientific American".

Ein sensibles Teil eines Verkehrsflugzeug ist seine Nase: Im sogenannten Radome ist die Radaranlage eingebaut. Auch hier sind kupferne Blitzableiter eingebaut, weil das Radar nicht fest verkapselt werden kann, ohne blind zu werden.

Immer wieder schwere Unglücke

Bei vielen Blitzeinschlägen flackert dank der Sicherheitstechnik nur kurz das Kabinenlicht. Es gibt allerdings auch immer wieder schwere Unglücke. Am 8. Dezember 1963 explodierten drei Treibstofftanks einer Boeing 707 über Elkton im US-Bundesstaat Maryland. 99 Zeugen gaben später an, einen Blitzeinschlag am Flugzeug beobachtet zu haben. Bei dem Absturz kamen 73 Passagiere und acht Crewmitglieder ums Leben. Es war der letzte durch einen Blitz ausgelöste Absturz dieser Größenklasse in den USA.

Nach einem Flugzeugabsturz im Oktober 2005 in Nigeria, der 117 Menschenleben forderte, vermutete die Zivilluftfahrtbehörde einen Blitzeinschlag als Ursache. Im August 1994 riss an einer Boeing 737 der Air Algerie auf der Strecke Algier-Toulouse durch einen Blitz eine Cockpit-Scheibe - die Maschine musste nach Marseille umgeleitet werden. Im Juni 2000 kamen nahe der chinesischen Stadt Wuhan 42 Menschen ums Leben, als eine Passagiermaschine nach einem Blitzeinschlag abstürzte.

Der jetzt am Absturzort in der Ukraine gefundene Flugschreiber der Tupolew soll Klarheit über die Absturzursache bringen. Wenn er aufgezeichnet hat, wann welche Geräte ausgefallen sind, könnte zumindest auf einen Blitz als eine mögliche Ursache geschlossen werden. Unklar ist zurzeit, warum der Pilot trotz vorheriger Anfrage in das Gewitter geflogen ist. Gerade weil sich schwere Schäden durch Blitze nicht ausschließen lassen, gilt laut Schwarz eine einfache Regel: "Über Gewitter fliegt man hinweg - oder herum."



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