Forensik So sollen Haare Verbrechen aufklären

Derzeit ist die DNA-Analyse der Goldstandard in der Rechtsmedizin. Doch auch Proteine im Haar verraten eine Menge über einen Menschen. Genug, um es vor Gericht zu verwenden?
Chemiker mit Haarprobe (Archivbild)

Chemiker mit Haarprobe (Archivbild)

Foto: DPA

Wer regelmäßig Krimis liest oder sieht, kennt das Problem: Ein Verdächtiger wird anhand einer DNA-Probe, sagen wir mal, des Mordes bezichtigt - doch weil er einen eineiigen Zwilling hat, lässt sich das Verbrechen eben nicht mit letzter Sicherheit aufklären. Ein Richter kann so nicht urteilen, der Fall bleibt ungelöst, die Kommissare sind genervt.

Doch womöglich können die Haare eines Tages Hinweise liefern, die den Übeltäter hinter Gitter zu bringen. Mit Isotopenanalysen wollen Rechtsmediziner aus Haarproben auf den Lebensstil von Menschen schließen - auch wenn es bis zum praktischen Einsatz des Verfahrens wohl noch ein weiter Weg ist.

Einen Fachartikel zu so einem Verfahren gab es bereits im vergangenen Jahr. Nun hat sich auch die Amerikanische Chemische Gesellschaft bei ihrem Jahrestreffen in San Francisco mit der Sache befasst.

"Man könnte genetisch identische Zwillinge haben, und wenn einer übergewichtig und der andere schlank ist, könnte unsere Methode diesen Unterschied möglicherweise an den Haaren ablesen", so Glen Jackson von der West Virginia University in Morgantown.

Einem Chemikerteam um Jackson ist es nach eigenen Angaben immerhin gelungen, aus Haarproben von 20 Frauen mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit den Body-Mass-Index der Haarbesitzerin richtig zu bestimmen. Die Trefferquote bei einem weiteren Versuch, unter 20 Haarproben von Männern und Frauen das richtige Geschlecht zu bestimmen, lag laut Forschern bei 90 Prozent.

Charakteristische Isotopen-Verhältnisse

Doch wie funktioniert diese Analysetechnik? Der Fokus liegt auf Elementen, die im Haarbestandteil Keratin vorkommen, beispielsweise Kohlenstoff und Stickstoff. Sie liegen in unterschiedlichen Varianten vor - Fachleute sprechen von Isotopen. Je nach Ernährung und Lebensstil stehen die Isotope eines Elements in einem bestimmten Verhältnis zueinander.

Aus mehreren solchen Isotopen-Verhältnissen kann man eine Art Fingerabdruck generieren, der sich von Mensch zu Mensch unterscheidet. Forensik-Experten der Universität Heidelberg sagen, der Ansatz der US-Chemiker habe "durchaus Charme", bleiben angesichts geringer Fallzahlen, wenig Details und fehlender Vergleichsgrößen zu aussagekräftigen Biomarkern aber skeptisch.

"Bisherige Erfahrungen mit Isotopenanalysen in der Rechtsmedizin sowie auch mit toxikologischen Haaranalysen lassen gewisse Zweifel aufkommen, dass es in absehbarer Zeit gelingen wird, aus Haaranalysen Aussagen mit einer solchen Genauigkeit treffen zu können, wie sie im Strafrecht erforderlich wäre", so Kathrin Yen vom Institut für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin.

Welche weiteren Ansätze gibt es bislang? Weil die DNA in Haaren fragil ist und je nach Witterung schnell brüchig wird, versuchen Forscher, Haare auf Basis markanter Proteinstellen zuzuordnen.

Eine weitere Idee kommt aus der Molekularbiologie. Dort werde versucht, aus spezifischen Veränderungen des DNA-Strangs, der sogenannten DNA-Methylierung, Hinweise auf die Lebensgewohnheiten zu erhalten, berichtet Marc Bartel von der Uni Heidelberg. Und Rechtsmediziner der LMU München forschen seit längerem daran, mittels Isotopenuntersuchungen von Haaren die geografische Herkunft Verstorbener zu ermitteln.

In Deutschland werden Haaranalysen in der forensischen Toxikologie derzeit zum Nachweis von Alkohol, Drogen oder Medikamenten durchgeführt. Auch Monate zurückliegender Konsum kann so nachgewiesen werden. Allerdings müssen Haaranalysen eben auch fachgerecht durchgeführt werden. In den USA musste das FBI im Jahr 2015 einräumen, jahrelang falsche Ergebnisse geliefert zu haben. Das war besonders pikant, weil auf Basis dieser Erkenntnisse auch Menschen zum Tode verurteilt worden waren.

chs/dpa