Forscher als Politikberater "Der Welt rettende Professor ist gescheitert"

Der Gipfel von Durban enttäuschte, die Umweltpolitik steckt fest. Schuld seien gerade Klimaforscher, die aus Eitelkeit und Missionarseifer auf die Senkung des CO2-Ausstoßes fixiert sind, schreiben die Wissenschaftler Nico Stehr und Hans von Storch in einem Gastbeitrag. Sie fordern eine offene Debatte über Maßnahmen gegen die Erwärmung.
Globus-Modell: Welche Rolle sollen Wissenschaftler künftig spielen?

Globus-Modell: Welche Rolle sollen Wissenschaftler künftig spielen?

Foto: ? Kacper Pempel / Reuters/ REUTERS

Der Versuch von Naturwissenschaftlern, eine erfolgversprechende Klimapolitik anzuleiten, ist gescheitert. Eine Politik, die von Wissenschaftlern verordnet wird, ist offenbar nicht möglich. Ursache dafür ist ein falsches Verständnis der Rolle der Klimaforschung und die Vereinfachung des Problems Klimawandel. Sich allein auf die Einschränkung der Treibhausgasemissionen als einziges Mittel gegen den Klimawandel zu konzentrieren, war ein Fehler.

Wir vermuten, dass es letztlich diese von Wissenschaftlern angestrebte Einengung der Handlungsoptionen war, die den Klimaschutz zum Spielball im politischen Tagesgeschäft werden ließ. Mittlerweile hat sich die Politik abgewendet: Ganz anders als in den Jahren 2007 oder 2009, in denen die Uno-Klimakonferenzen in Bali und Kopenhagen stattfanden, steht das Klimathema heute nicht als wichtiges Zukunfts- und Umweltthema auf der Tagesordnung der gesellschaftlich besorgniserregenden Themen. Die schrillen Töne der "letzten Gelegenheit Kopenhagen" haben nicht den erhofften politischen Schub gebracht. Der Uno-Klimagipfel in Durban war ein Abgesang.

Welche Rolle aber sollen Wissenschaftler künftig einnehmen? Das sogenannte "lineare Modell" der Verbindung von Wissenschaft und Politik trägt jedenfalls nicht. Dieses verspricht, dass mehr und bessere Wissenschaft zu besseren politischen Entscheidungen führt, politisches Handeln also rational begründbar wäre. Politiker würden ihre Entscheidungen im Lichte neuer Informationen demzufolge ändern. Dass dieses Modell nicht funktioniert, weiß man in den Kulturwissenschaften schon lange. Bei Naturwissenschaftlern und oft auch in der Politik wird diese Einsicht aber nicht zur Kenntnis genommen.

Entzugserscheinungen der Hollywood-Forscher

In beiden Feldern dominiert noch häufig das Hollywood-Bild des klugen, die Welt rettenden Forschers. In den fünfziger Jahren erklärten Professoren, dass das Wohl und die Zukunft der Welt in der Nukleartechnologie liegen. Heute erklären Professoren, dass der ungebremste CO2-Ausstoß zum Untergang der Welt, wie wir sie kennen, führen werde. So sprach in diesem Zusammenhang der amerikanische Klimaforscher James Hansen von "Zügen des Todes", als er den Transport von Kohle meinte, deren Verbrennung klimaerwärmendes CO2 freisetzt. Er hat mit seinen dramatischen Beschreibungen nicht selten Begeisterung ausgelöst, aber dennoch steigen die Emissionen weiter.

Dabei sah es zwischenzeitlich nach einer gelungenen Symbiose von Wissenschaft und Politik aus: Die Physikerin Angela Merkel wurde zur Klimakanzlerin ernannt und der Leiter eines Forschungsinstituts durfte sich mit dem Titel "Kanzlerinberater" schmücken. Mittlerweile aber bleibt blanke Enttäuschung bei vielen Wissenschaftlern. Ihre Deutung des Klimaproblems wird zwar in vielen Teilen der Welt akzeptiert. Ihre Vorschläge werden als richtig bezeichnet - mündeten aber in eine erfolglose Klimapolitik. Die medialen Leitfiguren der Klimawissenschaft leiden unter Entzugserscheinungen, weil kaum jemand sie noch hören und schon gar nicht feiern will.

Klimaforschung und Klimapolitik haben ein gemeinsames Problem. Beide leiden darunter, dass der öffentliche Diskurs über den gesellschaftspolitisch notwendigen Umgang mit den Veränderungen des Klimas zu eingeschränkt verläuft. Der Anspruch einer angeblich "richtigen" Klimapolitik, die ihre Legitimation und Autorität unmittelbar aus "der" Wissenschaft bezieht, verstellt die Möglichkeit, das Problem politisch und gesellschaftlich zu lösen. Dadurch könnten Klimaschutzoptionen neben der CO2-Reduktion verhandelt werden. Das geschieht bisher kaum.

Bevormundet von Wissenschaftlern

Die Emissionen von Treibhausgasen folgten trotz Wirtschaftskrisen den pessimistischsten Szenarien. Nun bricht sich der Zweifel Bahn. Manche Wissenschaftler sprechen von der "unangenehmen Demokratie", preisen mitunter sogar autokratische Regierungsformen als Lösung für das Klimaproblem, oder sie fordern "große gesellschaftliche Transformationen". Das Klimathema degeneriert zur argumentativen Waffe politischer Strategien, Gesellschaft und Menschheit zu transformieren.

Deterministische Behauptungen über die Folgen des Klimawandels, wie die erhöhte Wahrscheinlichkeit psychischer und physischer Erkrankungen oder die Angstszenarien um Klimaflüchtlinge und Klimakriege, sind nicht nur Versuche einzelner Gruppen von Wissenschaftlern, Anerkennung und Finanzierung zu erreichen. Sie bewirken auch den Eindruck, dass letztlich alles und jedes mit dem Klimawandel im Zusammenhang steht. Dies wird entweder als Absurdität verstanden oder führt zur Hinnahme eines unvermeidlichen Schicksals. Nach aktuellen Umfragen in den USA hält es die Gesellschaft inzwischen für möglich, dass Wissenschaftler zugunsten politischer Nützlichkeit mogeln. Zwischen der Klimawissenschaft, den zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Politik wird kaum mehr inhaltlich kommuniziert. Die Akzeptanz der Klimawissenschaft als kompetenter, objektiver Deuter schwindet.

Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Klimaproblem und eine Wiederherstellung des gesellschaftlichen Vertrauens in die Deutungskompetenz "der Wissenschaft" erfordert zunächst ein realistisches Verständnis der gesellschaftlichen Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft. Die Wissenschaft wird sich zurücknehmen müssen, die Gesellschaft muss Naturwissenschaftler abweisen, die sie bevormunden wollen.

Neue Perspektiven

Gebraucht wird Wissenschaft, um Zusammenhänge darzustellen, um Optionen, Wirkungen und Bedingungen für politische Strategien abzuklären. Nicht gebraucht aber wird Wissenschaft, um politische Strategien auszuschließen oder als richtig auszuweisen. Vor allem wird die Wissenschaft nicht dafür benötigt, gesellschaftliche Optionen einzuengen. Vielmehr geht es darum, das ganze Spektrum der Möglichkeiten herauszuarbeiten und, wenn möglich, sogar zu erweitern. Aus diesen Optionen sollen dann im politischen Entscheidungsprozess wertekonsistente "Lösungen" erarbeitet werden. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist übrigens nicht festgeschrieben, dass Wissenschaft unmittelbar an der politischen Willensbildung teilnehmen soll.

Um diesen Reflektionsprozess zu bewältigen, braucht die Klimawissenschaft Hilfe aus den Sozial- und Kulturwissenschaften. Denn die zentrale Herausforderung besteht ja gerade darin, dass die Klimaforschung ein sozialer Prozess ist, der sich in sozialen und kulturellen Zusammenhängen entfaltet. Anthropologen erweisen sich als nützlich, die den "Indianerstamm" der Klimaforschung dahingehend untersuchen, wer die Sprecherfunktion ausübt, was als "gut" und "böse" gilt, was die dominante Erzählung des Faches ist. Für unabhängige Wissenssoziologen ist die Dynamik von Kaffeerunden in Forschungsinstituten ebenso interessant wie die Belohnungsmechanismen, mit denen das Umweltbundesamt seine Wissenslieferanten steuert.

Wir müssen erkennen, dass der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten nicht auszubremsen ist, wohl aber ist er zu verlangsamen. Tatsächlich besteht eine für uns wesentliche Beobachtung darin, dass beide Klimaziele - Begrenzung des Wandels und Anpassung an realisierten Wandel - verfolgt werden können. Bewiesen scheint aber, dass deterministische Rhetorik kaum effiziente Maßnahmen zur Reduktion von Emissionen erfolgreich anstoßen oder zu einer Wandlung zum Guten beitragen wird. Es wird Zeit, dass Wissenschaftler sich wieder der Wissenschaft widmen. Die gesellschaftliche Klimadebatte muss sich öffnen.