Archäologie Forscher datieren Ende der Neandertaler um

Wie lange überlebten Neandertaler in Europa die Ankunft moderner Menschen? Frühere Studien ergaben, dass sie sich stellenweise noch gut 10.000 Jahre hielten. Eine neue Datierung widerlegt das.
Vindija-Höhle in Kroatien

Vindija-Höhle in Kroatien

Foto: DPA/ Ivor Karavani

Es hat kein gutes Ende genommen für den Neandertaler, das ist klar. Dabei hatte er sich zunächst prächtig entwickelt, hatte Steinwerkzeuge entwickelt, Waffen für die Jagd und sogar den Klebstoff erfunden. Dann tauchte Homo sapiens auf der Bildfläche auf. Eine Zeit lang lebte man nebeneinander her, tauschte sich hier und da sogar intensiv aus. Doch aus Sicht der Evolution zog Homo neanderthalensis irgendwann den Kürzeren - und verschwand schließlich ganz.

Bisher galt im heutigen Europa für dieses Verschwinden, dessen Gründe immer noch unklar sind: Die meisten Neandertaler starben vor 40.000 Jahren, doch einige von ihnen überlebten in entlegenen Rückzugsgebieten bis vor 30.000 Jahren, wie Knochenfunde unter anderem aus der Vindija-Höhle im heutigen Kroatien nahelegen.

Diese letzte Datierung wird nur von einer aktuellen Studie allerdings widerlegt: Denn vermutlich war für den engsten Verwandten des Menschen selbst in diesen Rückzugsgebieten auch bereits vor etwa 40.000 Jahren Schluss, so ein internationales Forscherteam in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS"). 

Die Forscher um Thibaut Devièse von der University of Oxford schreiben, dass der moderne Mensch und der Neandertaler vor etwa 44.000 bis 40.000 Jahren gemeinsam auf dem Kontinent lebten. Die Knochenfunde aus der Vindija-Höhle hatten Forscher 1999 mit der Radiokarbonmethode auf ein Alter von knapp 30.000 Jahren datiert, eine spätere Datierung mit einer spezielleren Radiokarbonmethode hatte ein Alter von 32.000 Jahren ergeben.

Foto: DER SPIEGEL

"Falls jene Datierung nur ansatzweise stimmt, wären dies die jüngsten bekannten Neandertaler", schreibt Devièse von der University of Oxford. "Das würde ein längeres zeitliches Überlappen von Neandertalern und modernen Menschen in Mitteleuropa bedeuten als bisher dokumentiert."

Allerdings hatten Experten schon länger Zweifel an den Datierungen. Fehler können etwa durch kontaminiertes Probenmaterial entstehen oder durch eine falsche Zuordnung von Erdschichten. Eine neue Datierung sei daher überfällig, schreiben die Autoren.

Archäologische Methoden der Datierung

Dies übernahm nun das Team, dem auch Mitarbeiter des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie angehörten, für die Knochen aus Vindija per Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS). Das Verfahren wurde ursprünglich entwickelt, um genauere C-14-Daten zu erhalten. Es ist in der Anwendung teurer, benötigt dafür aber kleinere Probenmengen.

Das Resultat: Sämtliche Neandertaler-Knochen sind ihren Analysen zufolge zum Großteil deutlich älter als 42.000 Jahre. "Diese Gruppe war nicht wie bisher gedacht eine lange überlebende Neandertaler-Rückzugspopulation", stellen die Autoren fest. Ganz im Gegenteil: Wahrscheinlich, so das Resümee, lebten die untersuchten Neandertaler noch vor der Ankunft des modernen Menschen in Osteuropa.

joe/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.