Statistische Auswertung Forscher warnen vor Ökosystem-Kollaps innerhalb von Jahrzehnten

Große Ökosysteme wie der Amazonas sind besonders verwundbar, warnen britische Forscher. Sie könnten innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen. Fachkollegen haben jedoch Zweifel an Details der Studie.
Brasilianisches Farmland im Amazonasgebiet: Schnelle Veränderung der Ökosysteme möglich

Brasilianisches Farmland im Amazonasgebiet: Schnelle Veränderung der Ökosysteme möglich

Foto: UESLEI MARCELINO/ REUTERS

Die Dimension des Amazonasgebietes ist nur schwer zu erfassen. Seine Fläche ist zwar deutlich größer als die der Europäischen Union - und doch, so warnen Forscher nun, können selbst Ökosysteme dieses Ausmaßes innerhalb weniger Jahrzehnte kollabieren. Im Fachmagazin "Nature Communications"  argumentiert eine Expertengruppe um John Dearing von der University of Southampton in Großbritannien sogar, dass gerade große Ökosysteme besonders verwundbar seien.

Es sei bekannt, dass sich zu stark durch äußere Faktoren unter Stress gesetzte Gebiete schnell verändern könnten, schreiben die Forscher. In Seen könne die Artenzusammensetzung kippen, Korallenriffe könnten ausbleichen und veröden, artenreiche Regenwälder zu Savannenlandschaften werden. In letzterem Fall etwa wäre eine zu starke Abholzung verantwortlich für eine Veränderung der Niederschlagsmuster und damit für anschließende Trockenheit. Ein Regenwald ohne Regen, das geht nicht lange gut.

Verblüffend ist, welch kurze Zeiträume die Forscher für die Transformation solch riesiger Areale errechnet haben wollen. So könne der 5,5 Millionen Quadratkilometer messende Amazonas nach ihren statistischen Analysen innerhalb von rund 50 Jahren kollabieren, die etwa 20.000 Quadratkilometer Korallenriffe der Karibik sogar in nur 15 Jahren.

Die Forscher hatten sich für ihre Arbeit Studien zu insgesamt 42 Ökosystemen und deren Veränderung angesehen - den Kollaps der Fischbestände vor Neufundland, das Ausbleichen von Korallenriffen vor Jamaika und die Wüstenbildung auf früheren Landwirtschaftsflächen in Niger.

Das Besondere an den größeren der betrachteten Ökosystemen sei gewesen, dass sie aus verschiedenen Subsystemen bestanden hätten, so das Team. Zunächst habe das bei Stress die Widerstandsfähigkeit des Gesamtsystems erhöht. Sei aber eine bestimmte Schwelle der Belastung überschritten worden, habe die Modularität zusätzliche Probleme gebracht und für einen schnelleren Kollaps gesorgt.

"Wir müssen schnell handeln"

"Die Botschaften hier sind eindeutig. Wir müssen uns auf Veränderungen in den Ökosystemen unseres Planeten vorbereiten, die schneller vor sich gehen, als wir bisher angenommen haben", bilanziert Forscher Dearing. Politiker hätten weniger Zeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nur weil die Ökosysteme seit Tausenden von Jahren existiert hätten, hieße das nicht, dass sie nicht innerhalb von Jahrzehnten verschwinden könnten.

Einige Forscher, die nicht an der Studie beteiligt waren, stützen die Ergebnisse. "Ich denke, die Kombination aus Theorie, Modellierung und Beobachtungen ist in diesem Papier besonders überzeugend", so Georgina Mace vom University College London in der britischen Zeitung "Guardian" . Ihre brasilianische Kollegin Ima Vieira vom Museu Emílio Goeldi in Belém äußerte sich ähnlich. Die Arbeit sei "sehr wichtig". Im Fall von Brasilien bedeute das unter anderem, dass zum Schutz des Amazonas hohe Bußgelder gegen Unternehmen mit "schmutzigen Lieferketten" verhängt werden müssten und dass die Durchsetzung bestehender Gesetze im Bereich der Umweltkriminalität gestärkt werden müsse. "Und wir müssen schnell handeln".

Andere kritisierten jedoch die methodologischen Details der Studie. So beklagte Erika Berenguer im "Guardian", die an den britischen Universitäten Oxford und Lancaster arbeitet, das Team habe bei seiner Analyse zu stark auf Auswertungen aus Seen und Ozeanen gestützt. Dadurch sei die Aussagekraft für Regenwaldgebiete wie den Amazonas begrenzt. "Obwohl es keinen Zweifel daran gibt, dass der Amazonas in großer Gefahr ist und dass ein Kipppunkt wahrscheinlich existiert, helfen solche übertriebenen Behauptungen weder der Wissenschaft noch der Politik", beklagte Berenguer.

chs
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