Forscherdrang Biochemiker testete Drogen an Freunden

Ein Forschungsprojekt ganz eigener Art betrieb ein Biochemiker aus Halle: Er experimentierte mit synthetischen Drogen - und probierte seine Produkte an Freunden und Bekannten aus. Jetzt wurde er verurteilt.


Drogencocktail: Blutdruck und Puls überwacht
DDP

Drogencocktail: Blutdruck und Puls überwacht

Mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe hat das Amtsgericht Halle-Saalkreis am Dienstag den Forscherdrang des Wissenschaftlers geahndet. Der Mann, der in Halle beim Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik und später beim Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie beschäftigt war, hatte über mehrere Jahre mit synthetischen Drogen experimentiert - und seine Ergebnisse an Menschen getestet. Den Probanden - Bekannten und Freunden - verabreichte er zwischen Oktober 2001 und Oktober 2003 gezielte Dosen und überwachte dabei deren Blutdruck und Puls. Dies geschah im Haus des studierten Pharmazeuten, wo er seit 1999 in einem kleinen Labor mit Ecstasy hantierte.

Sein Mandant habe damit nur "seine wissenschaftlichen Ambitionen" verfolgt, mit denen er die Auswirkungen von Drogen auf die Psyche der Menschen untersuchen wollte, sagte Rechtsanwalt Wolfgang Müller vor Gericht zur Verteidigung des Angeklagten. Dieser wiederum fügte hinzu, dass er der Frage nachgehe, wie in Zukunft die Substanzen der Designerdroge Ecstasy in der Psychotherapie eingesetzt werden können. Jetzt wolle er mit legalen Methoden dafür kämpfen, sagte der 47-Jährige.

Illegale Herstellung von Drogen in 20 Fällen

Andere Chancen hat er kaum, denn das Schöffengericht sprach ihn in dem gerade mal einstündigen Prozess wegen illegalen Herstellens von Drogen in 20 Fällen und dem Handel mit diesen in zwei Fällen für schuldig. Zwei Jahre Haft auf Bewährung lautete das Urteil, das nach dem Verzicht von Rechtsmitteln sowohl der Staatsanwaltschaft als auch der Verteidigung rechtskräftig ist. Drei Jahre muss sich der Verurteilte nun bewähren. Obendrein hat er 5000 Euro zu zahlen. Die Hälfte davon geht nach dem Willen des Gerichts an den halleschen Verein "Wildwasser", der missbrauchte Mädchen und Frauen betreut, und die andere Hälfte an einen Verein, der sich um Körperbehinderten kümmert.

Anklage und Verteidigung hatten sich noch vor der Verhandlung auf das Strafmaß geeinigt und jeweils auf zwei Jahre mit Bewährung plädiert. Das Schöffengericht folgte schließlich diesen Vorschlägen.

"Keine Spezialnorm für Wissenschaftler"

Doch Richter Wilfried Haag hatte so seine Bedenken angesichts der "milden Absprache". Der Hallenser habe zwar mit seinen Experimenten "Wissenschaftsinteresse" verfolgt, aber wie jeder andere Dealer unterliege er bei seinem Tun auch dem Drogengesetz. "Es gibt keine Spezialnorm für Wissenschaftler", betonte Haag.

Vor knapp zwei Jahren war das illegale Treiben aufgeflogen. Bei einer Hausdurchsuchung und in einem Schrank im Leibniz-Institut in Halle stellten die Fahnder neben chemischen Substanzen auch 6,3 Gramm Kokain sicher. Danach saß der Mann eineinhalb Monate in Untersuchungshaft und kam gegen eine Kaution von 25.000 Euro frei. Am Dienstag wurde der Haftbefehl aufgehoben. Heute lebt der Mann in Ludwigshafen. Was er macht, wollte er nicht sagen: "Ich will meine berufliche Zukunft nicht gefährden."

Norbert Claus, ddp



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