Forschung in islamischen Ländern Wissenschaft im Namen Allahs

2. Teil: Der Koran hat immer Recht


Wissenschaft ist unfrei, weil sie in islamischen Ländern immer zweckgebunden ist. Zum einen soll sie Unabhängigkeit vom Westen ermöglichen. Waffen- und insbesondere die Nukleartechnologie gelten nach Ansicht des iranischen Physikers Reza Mansouri als Nonplusultra wissenschaftlicher Errungenschaften. Generell betragen die Militärausgaben islamischer Länder oft ein Vielfaches der Ausgaben für Forschung und Entwicklung: Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt für Militär lag im Schnitt von 1996 bis 2003 für Kuwait bei 7,95 Prozent, für Saudi-Arabien bei 10,73, Sudan bei 2,75 und Iran bei 4,01.

Wissenschaft dient auch als Mittel zum Zweck in Glaubensfragen. "Alles Wissen ist schon im Koran angelegt und Wissenschaft muss sich daran messen", sagt Thomas Eich, Islamwissenschaftler an der Universität Bochum. "Ist der Koran mit der Wissenschaft nicht vereinbar, liegt automatisch die Wissenschaft falsch." Wissenschaft soll letztlich den Koran bestätigen. Wissenschaft - aber nicht um Wissen zu schaffen, sondern um bestehendes Wissen zu bewahren. Eine Sichtweise, die auch Mansouri bestätigt. Dies führe seiner Meinung dazu, dass eher Geld für neue Bücher bereitgestellt würde als für Laborausstattung, Computer und Experimente.

Es ist die scharfe Trennung zwischen Wissenschaft und Glauben, die im Islam fehlt. Eine säkulare Wissenschaft gibt es nicht. Schon der Begriff "elm", der im arabischen Sprachraum für Wissenschaft verwendet wird, bedeutet laut Mansouri ein tiefes Verständnis des Islam. Seiner Ansicht nach gebe es daher keine scharfe Trennung zwischen Wissenschaft und Theologie. Manche Intellektuelle wie der Iraner Seyyed Hossein Nasr, der an der George Washington University lehrt, sehen sogar eine eigene islamische Wissenschaftstradition. Sie dürfe "nicht als ein Kapitel in der Geschichte westlicher Wissenschaft" gesehen werden. Islamische Wissenschaftler seien nie den Weg Descartes' und Newtons gegangen, die physikalische Welt auf ihre materiellen und mechanistischen Aspekte zu reduzieren. Muslime, so Nasr, könnten nicht akzeptieren, dass Menschen diese Welt rein empirisch voll erfassen können. Stattdessen glaubten muslimische Wissenschaftler, dass ein vollständiges Verstehen der Natur erfordere, ihre Teile auch als Zeichen eines höheren Zwecks zu sehen. Im Zuge der Kolonialisierung sei die westliche Wissenschaftsmethode nach Ansicht Nasrs islamischen Ländern aufgezwungen und daher nie voll in die islamische Kultur integriert worden.

Kreationismus wurde bei den Christen abgekupfert

Überhaupt: Den Islam gibt es nicht. Heikle bioethische Fragen werden in allen islamischen Ländern unterschiedlich geregelt. In Saudi-Arabien ist die Herstellung gentechnisch veränderter Pflanzen unproblematisch, Pränataldiagnostik menschlicher Embryonen hingegen verboten – da es dem Willen des Schöpfers widerspricht. In Pakistan ist Organspende untersagt - als einzigem Land der islamischen Welt. Urknall-Theorie und Evolution sind Reizthemen, weil der Islam - genau wie das Christentum - eine Schöpferreligion ist und dazu in direktem Widerspruch steht. An ägyptischen Schulen wird Evolution gelehrt, im Sudan und in Saudi-Arabien ist sie verboten. Taner Edis, Physiker und Autor des Buches "An Illusion of Harmony: Science and Religion in Islam" sagte der New York Times: "Der Koran ist ein kreationistischer Text." Daher sei es schwierig, einen islamischen Gelehrten zu finden, der auch ein eifriger Vertreter Darwins sei.

Mitunter entstehen dann kuriose Allianzen: So vehement fundamentalistische Islamisten eigentlich den Westen und das Christentum ablehnen - was kreationistische Ideen angeht, scheuen sich nicht, bei fundamentalistischen Christen abzukupfern. Adnan Oktar, ein türkischer Autor, ist ein unermüdlicher Verfasser kreationistischer Bücher. Unaufgefordert und kostenlos schickte er Forschern und Journalisten in aller Welt sein aufwendiges 800-Seiten-Buch "Atlas of Creation", das gegen Darwins Evolutionslehre wettert. Der baden-württembergische Verfassungsschutzbericht von 2003 stellt fest: Der Kreationismus eines Adnan Oktar "speist sich aus dem Gedankengut christlicher Kreationisten, insbesondere den Arbeiten des 'Institute for Creation Research' (ICR) in San Diego/Kalifornien, indem er diese auf muslimischen Zuschnitt umarbeitet". Auch Thomas Eich bestätigt: "Der islamische Kreationismus ist sehr stark von außerislamischen Einflüssen geprägt." Der Grund liege darin, dass viele islamische Intellektuelle ihre Ausbildung im Ausland genossen haben.

Wissenschaft - das ist das ständige Überprüfen von Hypothesen, ungeachtet jeder Autorität, sei sie politischer oder spiritueller Natur. Der pakistanische Wissenschaftler Pervez Amirali Hoodbhoy fasst das Problem zusammen: "Wenn die wissenschaftliche Methode aufgegeben wird, kann das nicht durch Ressourcen oder laut angekündigte Absichten, Wissenschaft entwickeln zu wollen, kompensiert werden. Wissenschaftliche Forschung wird unter solchen Umständen bestenfalls eine Art Katalogisieren oder Schmetterlingssammeln sein - und kein kreativer Prozess originären Hinterfragens, in dem gewagte Hypothesen aufgestellt und überprüft werden."

Er muss also noch kommen, der Voltaire des Islam. Vielleicht wird er an der King Abdullah University of Science and Technology studieren?



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