Forschung und Werbung Die Rucksack-Connection

Ein neuartiger Rucksack soll das Tragen schwerer Lasten dank elastischer Aufhängung enorm erleichtern. Doch die Vorstellung der Erfindung im renommierten Fachblatt "Nature" ist eine seltsame Mischung aus Forschung und Werbung.

Von Neela Richter


Einen besseren PR-Coup kann sich wohl kein Erfinder wünschen: Für jede Innovation gilt es als Auszeichnung, wenn das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" - neben dem US-Blatt "Science" die führende Institution unter den Forschungsjournalen - sie der Berichterstattung für wert befindet. Auch in dieser Woche war der Effekt gut zu beobachten: Der Bericht über einen neuartigen Rucksack, der mittels elastischer Aufhängung der Last das Tragen erleichtern soll, schaffte es von der aktuellen "Nature"-Ausgabe in die ganze Welt.

Von CNN über CBS und MSNBC bis hin zur Londoner "Times" und dem australischen "Sydney Morning Herald" berichteten Medien über den Rucksack. Auch populäre Wissenschaftsmagazine wie "New Scientist" und "Scientific American" beteiligten sich. In Deutschland griffen die Nachrichtenagenturen dpa und ddp die Meldung auf, die sich anschließend in der "Welt", der "Financial Times Deutschland" und der "Berliner Zeitung" wiederfand.

Der Rucksack, den der US-Biologie Lawrence Rome von der University of Pennsylvania mit zwei Kollegen entwickelt hat, soll Erstaunliches bewirken: Dank der elastischen Aufhängung der Last soll die dynamische Belastung beim Wandern um 82 bis 86 Prozent sinken. Bei gleichem Energieaufwand könne man mit dem neuen Gerät 27 statt 21,7 Kilogramm schleppen.

Altes Konzept in neuer Verpackung

Ein Gewicht elastisch aufzuhängen, um Belastungen zu reduzieren, ist nicht gerade ein neues Konzept: Aus demselben Grund sind etwa Autos und Motorräder gefedert. Musiker kennen denselben Effekt von elastischen Gurten, die das rückenfreundliche Tragen einer Gitarre ermöglichen. Rome gibt dagegen an, die Technik bei asiatischen Händlern abgeschaut zu haben, die ihre Waren mit elastischen Bambusstäben tragen.

Wenn Romes Erfindung noch zusätzlicher Glaubwürdigkeit bedurft hätte, sie wäre von der Pennsylvania University und der berühmten Woods Hole Oceanographic Institution beigesteuert worden: Beide Einrichtungen bewarben den Rucksack in Pressemitteilungen. In der Mitteilung aus Woods Hole wird auch der Haken an der Geschichte sichtbar, wenn auch erst im letzten Absatz: Rome ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Geschäftsmann. Die von ihm gegründete Firma Lightning Packs soll die Rucksäcke vermarkten.

Eigentlich hat "Nature" strenge Veröffentlichungskriterien. Auch in diesem Fall gab die Redaktion die widerstreitenden Interessen Romes an - das ist das Mindeste, schafft den Interessenkonflikt aber nicht aus der Welt. Warum "Nature" die Studie dennoch veröffentlicht hat, ist unklar. Die Redaktion hat auf entsprechende Anfragen von SPIEGEL ONLINE nicht reagiert.

Hilfe vom Meeresinstitut

Rome hat in Harvard studiert, sein Fachgebiet ist Biomechanik, vor allem die Bewegung von Fischen und Fröschen im Wasser. Er ist Professor an der University of Pennsylvania und hat in "Nature" als zweiten Arbeitsort das Marine Biological Laboratory (MBL) in Woods Hole angegeben.

Was ein Meeresforschungsinstitut mit der Entwicklung ergonomischer Rucksäcke zu tun hat? Wenig, räumt Pressesprecherin Gina Hebert auf Anfrage ein. Dennoch wies das Institut auch in der Vergangenheit schon auf Romes Rucksäcke hin. Laut Hebert forscht Rome seit den späten achtziger Jahren nahezu jeden Sommer in Woods Hole. An Rucksäcken forsche er aber nur in der University of Pennsylvania. "Das MBL hat seine Forschungen nicht so sehr mit direkten Fördergeldern unterstützt, sondern mit seiner gemeinschaftlichen und kreativen Atmosphäre", teilt Hebert mit.

Man kann Rome und seine Truppe durchaus als Rucksack-Fachleute bezeichnen. Im September 2005 veröffentlichten sie in "Science" einen Artikel über Romes ersten Coup: Einen Rucksack, der durch das Auf- und Abschwingen beim Gehen Strom erzeugt. Sowohl die Entwicklung dieses Rucksacks wie auch des aktuellen wurden gefördert von den National Institutes of Health und dem Office of Naval Research, der Forschungsbehörde der US-Marine und des Marine Corps. Das privatwirtschaftliche Patent auf den Generatoren-Rucksack hat aber Romes Firma Lightning Packs.

Lightning Packs LLC wurde laut einem Eintrag in der Firmendatenbank "Lexis Nexis" 2004 gegründet. Das Motto der Firma: "Lightening your Pack - Lighting your Way", zu Deutsch etwa: "Erleichtert deine Last und erhellt deinen Weg". Als Geschäftsführer ist Larry Rome angegeben.

Die Firma hat laut Lexis Nexis zwei Mitarbeiter; Rome selbst weicht der Frage aus. Der Sitz der Firma ist Pennsylvania, der Jahresumsatz 2005 wird mit 180.000 Dollar angegeben. Im Juli 2004 wurde die Internet-Adresse Lightningpacks.com reserviert.

Bisher kann man zwar keinen der Gummiseil-Rucksäcke kaufen, aber in ein bis zwei Jahren soll das Modell marktreif sein, teilte Rome SPIEGEL ONLINE mit. Die Firma hat mehrere Patent-Anträge in den USA und in Europa laufen. Auch für den Gummiseil-Rucksack soll nach Aussagen von Rome ein Patent erworben werden.



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