Forschungsbetrug Daten-Trickser behält Professorentitel

Deutsche Professoren erklärten den langjährigen Superstar der Krebsforscher, Friedhelm Herrmann, zum größten Datenfälscher aller Zeiten. Vor Gericht kamen sie damit nicht durch. Hermann gilt nicht als Betrüger und behält seinen Professoren-Titel.
Von Hermann Horstkotte

Mit dem Prozess gegen Friedhelm Herrmann wollte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Zeichen setzen. Tricksereien, Manuipulationen, Fälschungen - all das sollte im Forschungsbetrieb hart geahndet werden. Doch das Verfahren gegen den vor sieben Jahren gefallenen Halbgott der Krebslabors geriet zur Farce.

Die Staatsanwaltschaft Berlin und Hermanns Anwalt einigten sich auf eine "Auflage" von 8000 Euro. Damit wird ein Ermittlungsverfahren wegen täuschender Erschleichung von Fördergeldern in fünfstelliger Höhe eingestellt.

Die DFG und weitere Sponsoren von Forschungsgeldern hatten den langjährigen Spitzenrepräsentanten aller Gentherapeuten im Lande als Straftäter angezeigt. Der Beschuldigte bleibt aber ein Ehrenmann. Denn die "Auflage" ist keine Strafe, nicht einmal eine Geldstrafe, wie sie dem Raser im Straßenverkehr droht.

Vereinbarungen mit Auflagen nach Paragraph 153 a der Strafprozessordnung kommen jedes Jahr hunderttausendfach zustande und gelten in laxem Juristendeutsch als "Freispruch zweiter Klasse", aber immerhin als Freispruch. Die DFG, die sich betrogen fühlte, will die neueste gütliche Einigung zwischen der Berliner Justiz und Herrmann nicht kommentieren.

"Geld diente der Neueinstellung junger Forscher"

Dieser aber erhebt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erneut schwere Vorwürfe gegen die Absicht seines früheren Sponsors, ihn zu kriminalisieren. "Die Forschungsanträge hatte die DFG nach genauer Prüfung durch ihre eigenen Gutachter bewilligt, und zwar für neue, ergebnisoffene Vorhaben und nicht etwa als Belohnung für zurückliegende wissenschaftliche Verdienste, die später in Zweifel gezogen wurden. Das Geld diente der Neueinstellung junger Forscher und deren Arbeit."

Ein solch glimpfliches Ergebnis wie nun in Berlin erzielte Herrmann nun schon zum zweiten Mal. Bereits im Jahr 2000 hatte die Staatsanwaltschaft Ulm in gleicher Weise, ebenfalls gegen eine freiwillige Geldleistung, die Frage auf sich beruhen lassen, ob der Professor seinen Lehrstuhl an der örtlichen Uni manipulierten Forschungsergebnissen und mithin einem "Anstellungsbetrug" verdankte. Die Ermittlungen konnten umso leichter eingestellt werden, weil Herrmann schon freiwillig aus dem Amt geschieden war.

Die Einigung vor dem Berliner Gericht markiert den vorläufigen Schlusspunkt einer Geschichte von Ehrgeiz, Frust, Mobbing und Selbstgerechtigkeit. Ihren Anfang nahm sie im Jahr 1997, als ein vor der Entlassung stehender Mitarbeiter Herrmanns einem außenstehenden Professor verriet, dass im Ulmer Forschungsteam Datenpfusch betrieben wird.

Wie sich nachher herausstellte, auf ganz simple Art: Bei den Fälschungen ging es schlicht darum, dass ein und dieselbe Computerabbildung als Nachweis für Messergebnisse ganz verschiedener Experimente publiziert wurde, in renommierten Zeitschriften, deren Herausgeber nichts merkten. Andere Abbildungen erwecken den Anschein einer Fotomontage - solche Fabrikate lassen sich mit handelsüblichen Computerprogrammen bequem herstellen. Knapp hundert von rund 350 Veröffentlichungen sind entsprechend belastet, wie eine von der DFG eingesetzte "Task Force F.H." herausfand.

Schon die ersten Gerüchte sprengten das Fälscherteam 1997 auseinander. Hermanns zeitweilige Lieblingsschülerin und karrierehungrige Kollegin Marion Brach zeigte mit dem Finger sogleich auf den großen Meister. Der wehrt sich: "Ich habe die Arbeiten meiner Schüler und Mitarbeiter nur überflogen und meinen Namen dazugesetzt, um den Eindruck zu vermeiden, ich würde mich von den Ergebnissen meiner Leute distanzieren."

Ergebnisse erwartet und geboten

Aus Hermanns Sicht haben ihm die eigenen Leute in einzelnen Fällen Falsches untergeschoben. Und das unter dem Erwartungs- und Zeitdruck, dem ein Superstar von Hermanns Kaliber sich offenbar nicht leicht entziehen konnte. Er verweist auf seine Verpflichtungen in der Krebstherapie, hundert Betten in Ulm. "Und alle paar Monate auch noch die Flüge nach USA und anderswo, um auf Kongressen zu gackern!" Die Zuhörer erwarteten natürlich neue "Ergebnisse" und bekamen sie oft geboten.

Wer genau wofür im Einzelnen verantwortlich war, lässt sich im Nachhinein kaum feststellen. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen stammen immer von mehreren Autoren. Ulf-Rüdiger Rapp, der Chef der Task Force F.H., spricht wie in einem Krimi von einem "beweglichen Ziel: Immer wenn du anscheinend einen gefasst hast, verweist der auf den nächsten!" Insgesamt hatte Herrmann hundert Mitautoren, mehr als die Hälfte sagen bis heute überhaupt nichts.

In 58 fragwürdigen Beiträgen ist auch Hermanns Lehrer Roland Mertelsmann mit von der Partie, 15 Mal sogar als Hauptautor. Der aber tut ganz unschuldig: "In den USA sagten mir viele Kollegen: 'Mensch, da hast du aber Pech gehabt.'" Und die deutschen Kollegen? "Ich habe von einigen gehört: 'Das hätte mir auch passieren können.'" Solches Pech kann natürlich auch Herrmann beanspruchen. Tatsächlich haben einige seiner Mitarbeiter, nicht zuletzt Brach, Datenpfusch zugegeben und den Hochschuldienst verlassen.

Die verwickelte Sachlage hinderte Hermanns Professorenkollegen zu keinem Zeitpunkt vor persönlichen Vorverurteilungen und der energischen Forderung von Disziplinarmaßnahmen mit dem - unerreichten - Endziel Rauswurf.

Juristische Klärung misslungen

Wolfgang Gerok, als Vorsitzender einer gemeinsamen Kommission aller womöglich geschädigten Geldgeber besonders ungeduldig, musste sich vom damaligen baden-württembergischen Wissenschaftsminister Klaus von Trotha entgegenhalten lassen: "Mir scheint, dass sich in unserer Gesellschaft eine Mentalität breit macht, unmittelbar spektakuläre Aktionen zu fordern, auch wo der Rechtsstaat das nicht zulässt."

Ein scharfzüngiger juristischer Beobachter riet den Medizinprofessoren, klarer zwischen Rechts- und "Empörungstatbeständen" zu unterscheiden. Als Herrmann freiwillig den Dienst quittierte, triumphiert der Ulmer Altdekan Guido Adler auf einer DFG-Tagung: "Wir haben Herrmann in kürzerer Zeit, als so etwas zum Beispiel in Amerika möglich ist, aus der akademischen Welt hinausgetrieben."

Doch ein wirklicher Erfolg ist das kaum. Hermann praktiziert heute als Arzt in München. Am schmucken Titel Prof. Dr. med. rüttelt niemand.

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