Forschungsbetrug Vom Nobelpreis-Aspiranten zum Scharlatan

Zunächst für den Nobelpreis vorgeschlagen und dann zum Scharlatan erklärt: Nach zehn Jahren verliert ein Bonner Chemiker seinen Doktortitel wegen gefälschter Experimente. Andere Fälle werden dagegen als Kavaliersdelikt behandelt - und bleiben straflos.

Von Hermann Horstkotte


Pfusch im Labor: "Dankbarer Gesprächsstoff feuchtfröhlicher Nachtsitzungen"
DDP

Pfusch im Labor: "Dankbarer Gesprächsstoff feuchtfröhlicher Nachtsitzungen"

Beruhigungsmittel für die werdende Mutter oder Teufelszeug für das werdende Kind - beim Medikament Contergan hing die Gefahr der körperlichen Missbildung davon ab, ob Moleküle wie Links- oder Rechtsschrauben auftraten. Wenn sich die schicksalhafte Drehbewegung magnetisch beeinflussen ließe, könnte die Arzneimittelforschung kostspielige Testreihen einsparen. Der Magnettrick wurde schon seit mehr als hundert Jahren immer mal wieder erörtert und erfolglos ausprobiert - bis er Guido Zadel, einem Hoffnungsträger am Chemischen Institut der Uni Bonn, angeblich gelang.

Dafür bekam seine Doktorarbeit die Note "ausgezeichnet", einer der Gutachter sprach 1994 von einer "nobelpreisverdächtigen" Entdeckung. Aber niemand in der internationalen Fachwelt konnte das Aufsehen erregende Experiment erfolgreich wiederholen. Es war offenbar eine Genieleistung nach der Methode Münchhausen.

Seit diesem Monat ist Zadel den Titel los. Zwei Jahre Bedenkzeit brauchte die Bonner Uni zunächst, um dem Spielverderber den Doktorgrad zu entziehen, dann acht Jahre, um sich vor Gericht durchzusetzen. Dabei geriet auch Zadels Doktorvater Eberhard Breitmaier ins Zwielicht. Er hatte aufgrund der vermeintlich bahnbrechenden Ergebnisse seines Mitarbeiters schon ein Patent angemeldet - auf den eigenen Namen.

Also verteidigte Zadel sich geschickt damit, dass das fragliche Experiment wegen des gleichzeitigen Patentverfahrens gegenüber den Kollegen und in der Fachliteratur bewusst mehrdeutig dargestellt worden sei. Denn in Deutschland kann nicht mehr patentiert werden, was schon publiziert ist. Die blamable Geschichte um Ruhmsucht und Geldgier wurde, so der Berliner Chemieprofessor Klaus Roth, "zum dankbaren Gesprächsstoff feuchtfröhlicher Nachtsitzungen" der Fachgenossen außerhalb Bonns.

"Es kommen zwar immer wieder Fälle vor, in denen sich die angeblichen Ergebnisse eines jungen Doktors nicht reproduzieren lassen", erklärt Karl-Werner Glombitza, unter dessen Dekanat Zadel aufflog. "In der Regel ärgert man sich dann als Professor und Prüfer, spielt die Sache aber nicht weiter hoch." Die Aberkennung des Doktorgrades ist eine reine Ermessensfrage. Die Uni Bonn sah allerdings alle Toleranzgrenzen überschritten, weil ihr Doktorand Zadel auf "höchste Anerkennung" aus war, etwa den schon in Aussicht gestellten Nobelpreis.

Aufgeflogen: Der Skandal um den Physiker Jan Hendrik Schön erschütterte die Forschungswelt
AP

Aufgeflogen: Der Skandal um den Physiker Jan Hendrik Schön erschütterte die Forschungswelt

Andernorts nimmt man es mit der wissenschaftlichen Präzision mitunter weniger genau, was einem Nachwuchsforscher der Technischen Universität Karlsruhe Anfang der neunziger Jahre den Titel rettete. Das Stuttgarter Umweltministerium warf ihm vor, Messdaten zur Luftverschmutzung künstlich in die Höhe getrieben zu haben. Aber die Hochschule zeigte Verständnis: Die hohen Verschmutzungswerte bezögen sich auf "Windstille", die Untersuchungsmethode sei bekanntermaßen ungenau und mithin an der Promotion nicht zu rütteln. Ein bisschen Pfusch darf anscheinend sein - solange es nur hübsch bescheiden nach bloßer Dummheit aussieht.

Wissenschaftler, die einmal das Gift fiktiver Erkenntnisse genossen haben, erliegen allerdings auffallend leicht einem Suchteffekt. Sie kommen im Erfolgsrausch nur schwer davon wieder los. So erging es anscheinend dem Physiker Jan Hendrik Schön, der mit 32 Jahren beinahe Direktor bei der Max-Planck-Gesellschaft geworden wäre, der deutschen Nobelpreisschmiede. Im Herbst 2002 konnte eine Untersuchungskommission noch rechtzeitig Fälschungen in rund einem Dutzend Fällen aufdecken. Im Jahr zuvor hatte Schön fast Woche für Woche Wegweisendes publiziert. Gegenwärtig prüft der Promotionsausschuss der Uni Konstanz, ob ihm der Doktortitel wegen "Unwürdigkeit" aberkannt werden kann.

"Wissenschaftsbetrug" ist offenbar eine Frage der (akademischen) Ehre. Ob es sich aber um wirklichen Betrug und damit eine Straftat handelt, darüber zerbricht sich jetzt die Staatsanwaltschaft Berlin im Falle Friedhelm Herrmann den Kopf. Der Krebsforscher und damals oberste Chef aller deutschen Gentherapeuten war Ende der Neunziger mit seinem Team in die Schlagzeilen geraten - wegen annähernd hundert belasteter Veröffentlichungen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellte nach dem Skandal im Jahr 1997 gar einen "Ehrenkodex für gutes wissenschaftliches Arbeiten" auf. Forschungsgelder bekommt seitdem nur noch, wer sich zum Einhalten des Regelkatalogs verpflichtet. Im März vorigen Jahres zogen die Staatsanwälte eine erste Anklage gegen Herrmann zurück, weil das Landgericht abwinkte: Wer betrügt, muss jemand anderen vorsätzlich, nicht fahrlässig täuschen und dabei finanziell schädigen. Irren hingegen ist nach Ansicht der Juristen menschlich - auch beim Forschen auf Kosten erwartungsvoller Geldgeber und Patienten. Herrmann praktiziert bis heute als Arzt - Professor- und Doktortitel inklusive.



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