Christian Stöcker

Forschungsförderung Die EU spart ihre Zukunft kaputt

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Wir erleben gerade drei globale Krisen gleichzeitig, hochkarätige Wissenschaft ist deshalb wichtiger denn je. Die Europäische Union aber will ihre Forschungsausgaben drastisch reduzieren.
Wissenschaftler bei der Arbeit (Symbolfoto)

Wissenschaftler bei der Arbeit (Symbolfoto)

Foto: Andrew Brookes / Westend61 / imago images

Lange Zeit gehörte es zu den Grundprinzipien naturwissenschaftlichen Denkens und Handelns, sich aus der Politik so weit wie möglich herauszuhalten. Das war anfangs noch vergleichsweise einfach, wenn man nicht gerade mit den Dogmen der katholischen Kirche in Konflikt geriet. Spätestens mit dem unmittelbaren, immer schnelleren Hineinwirken von Wissenschaft und Technologie in die Gesellschaften der Welt aber änderte sich das Verhältnis zur Politik.

Spätestens nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und dem Sputnik-Moment war dann klar: Wer eine globale Führungsrolle anstrebt, muss wissenschaftlich Spitze sein. Auch in China zum Beispiel hat man das offenkundig verstanden.

Atemberaubend schnell

Im 21. Jahrhundert hat sich das Verhältnis von Wissenschaft und Politik erneut gewandelt. Das hat einerseits mit den auf Zweifel an der Wissenschaft an sich gerichteten Propagandaanstrengungen der Unternehmen zu tun, die mit der Förderung von Roh-CO2 so viele Jahrzehnte sensationell viel Geld verdient haben. Andererseits aber auch mit der sogenannten Großen Beschleunigung: Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn verläuft mittlerweile, in menschheitsgeschichtlichen Dimensionen betrachtet, atemberaubend schnell.

Der Abstand zwischen dem, was Spezialistinnen in ihrem jeweiligen Fachgebiet wissen und verstehen, und dem, was als Allgemeinbildung gelten kann, wächst immer weiter. Das sorgt für Verunsicherung und eine mancherorts zu beobachtende Mischung aus Angst und offener Ablehnung gegenüber der Forschung an sich. In den USA hat es diese Geisteshaltung bekanntlich bis ins Weiße Haus geschafft.

Immer geringerer öffentlicher Anteil an der Förderung

Der Umgang mit dem Coronavirus hat es ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt: Alles geht wahnsinnig schnell, aber gleichzeitig manchmal dann doch nicht schnell genug für die Politik.

Ein oft unterschätzter zweiter Effekt dieser Beschleunigung: Spitzenforschung wird, auch weil sie mittlerweile so stark von sich selbst permanent weiterentwickelnder Hochtechnologie als Werkzeug abhängt, immer teurer.

In (West-)Deutschland wurden Zahlen des Forschungsministeriums zufolge  zum Beispiel im Jahr 1981 umgerechnet 16 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben, etwas mehr als die Hälfte davon gaben private Unternehmen aus. Im Jahr 2018 waren es insgesamt gesamtdeutsch über 119 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung. Nun aber kamen zwei Drittel davon von der Industrie. Der öffentliche Anteil war geschrumpft.

Leider kommt viel von dem Geld aus der gleichen Ecke

Unglücklicherweise entfällt zudem ein gewaltiger Teil - 2017 waren es über 25 Milliarden Euro - der gesamten Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Deutschland (PDF-Dokument ) auf die Automobilindustrie  - die mit all dem Geld bekanntlich seit vielen Jahren vor allem sehr bald obsolete Verbrennungsmotoren und zuletzt auch noch Betrugssysteme verfeinert hat.

Die Gesamtsumme der Forschungs- und Entwicklungsaufgaben ist also als Richtgröße erst einmal wenig wert – es kommt sehr darauf an, wer da Geld in was investiert. Nobelpreise zum Beispiel gehen bekanntlich eher an universitär oder in Forschungsinstituten arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Freiheit beim Denken hilft beim Forschen.

Kürzung um 14 Prozent

In Deutschland aber geht der prozentuale Anteil der öffentlichen, also nicht unmittelbar profitorientierten Forschungsförderung seit vielen Jahren immer weiter zurück.

Die Europäische Kommission hatte die Forschungsausgaben auf europäischer Ebene in den vergangenen Haushaltszyklen sinnvollerweise zunächst immer wieder erhöht. Noch 2018 schlug die Kommission ein Gesamtbudget von 94,1 Milliarden Euro für das Horizon genannte europäische Forschungs- und Entwicklungsprogramm vor. Bei dem als historisch gefeierten EU-Deal im Juli kürzten die Staats- und Regierungschefs diesen Vorschlag dann mal eben auf 81 Milliarden für die Phase von 2021 bis 2027 herunter - inklusive der Gelder, die zur wissenschaftlichen Bekämpfung der Pandemie aufgewendet werden sollen. Das ist eine Kürzung um 14 Prozent.

Anzeige
Christian Stöcker

Das Experiment sind wir

Verlag: Karl Blessing
Seitenzahl: 384
Für 22,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

29.11.2022 16.37 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Geld fürs Gestrige ist immer da

Zum Vergleich: Für Agrarsubventionen gibt die EU etwa 60 Milliarden Euro aus - pro Jahr. Noch ein Vergleich: Laut dem internationalen Währungsfonds investierten die Nationen Europas 2017 zusammengenommen 244 Milliarden Euro in Subventionen für fossile Brennstoffe .

Es fließt sehr viel Geld in die Erhaltung des Gestrigen. Weniger soll in die Schöpfung dessen investiert werden, was wir morgen brauchen werden.

Mitten in einer globalen Pandemie, mitten in einer Zeit, in der Europa in Sachen maschinelles Lernen droht, den Anschluss an die USA und China zu verlieren, mitten in der größten globalen Krise der Menschheitsgeschichte, der Klimakrise. Mitten im sechsten, von uns verursachten Massenaussterben der Erdgeschichte. Die Probleme wachsen, die zu ihrem Verständnis und ihrer Bekämpfung - und für die Zukunft der EU als Hort der Spitzentechnologie - eingesetzten Gelder werden drastisch zurückgefahren.

"Ich verstehe das nicht"

"Ich verstehe das nicht", sagte der Mathematiker Jean-Pierre Bourguignon, der aktuelle Vorsitzende des European Research Council (ERC), diese Woche dem Wissenschaftsmagazin "Nature". Allein der ERC sollte ursprünglich 14,7 Milliarden Euro bekommen. Jetzt sollen es fast zehn Prozent weniger werden.

Bourguignon fordert, dass die Entscheidung rückgängig gemacht wird. Die "Nature"-Redaktion, die sich politisch meist eher zurückhält, ergänzte in einem Kommentar : "Wir tun das ebenfalls."

Der ERC ist eine auch im internationalen Vergleich sensationell erfolgreiche Einrichtung der Forschungsförderung. 16 Prozent der von ihm geförderten Projekte liefern einer Evaluation zufolge  "wissenschaftliche Durchbrüche", weitere 59 Prozent "große wissenschaftliche Fortschritte". Deutschland, bislang stets auf der Seite der Forschenden, will in der Zeit seiner EU-Ratspräsidentschaft aber keine Partei für den ERC ergreifen.

Katastrophales Zeichen

Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik ist in dieser Zeit der Großen Beschleunigung enger und von stärkerer Abhängigkeit geprägt als je zuvor. Ohne Respekt für die Wissenschaft und eine nicht schrumpfende, sondern wachsende Finanzierung für Spitzenforschung werden wir die Krisen der Gegenwart und Zukunft nicht bewältigen.

Bis Ende des Monats wird das EU-Budget vermutlich finalisiert. Sollte es bei der drastischen Mittelkürzung bleiben, wäre das ein katastrophales Zeichen für die Zukunft - und auch für das Selbstverständnis der Europäischen Union.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.