Fortpflanzung Zu viele Kinder machen krank und kurzlebig

Rein biologisch gesehen könnte ein Paar ziemlich viele Kinder bekommen. Doch kaum eines strebt danach. Weil zu große Familien evolutionär schlecht sind - für Eltern wie Kinder. Das offenbaren 150 Jahre alte Daten. Als Warnung taugen sie nur bedingt: Denn was heute als viel gilt, war damals wenig.


"Kinder wirken wie eine Art Heroin", hatte der Psychologe Daniel Gilbert von der Harvard University Ende Juli im SPIEGEL-Interview gesagt: Tatsächlich bereiteten sie ihren Eltern große Freude, andererseits würden aber Aktivitäten wie Kino, Theater, Partys und Freunde treffen an Bedeutung verlieren, so dass letztlich nichts anderes mehr zählt im Leben. Daher der gewagte Vergleich mit dem Rauschmittel. Und auch in einer anderen Hinsicht hinkt die steile These: Wenn Kinder süchtig machen, warum will der Mensch dann nicht mehr, und immer mehr von ihnen?

Mormonenfamilie in Utah: Daten ihrer Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert zeigen Forschern, dass zu viele Kinder nicht gut für die Familie sind
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Mormonenfamilie in Utah: Daten ihrer Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert zeigen Forschern, dass zu viele Kinder nicht gut für die Familie sind

Darauf könnten Forscher vom Konrad-Lorenz-Institut für vergleichende Verhaltensforschung in Wien und von der University of Utah nun eine Antwort gefunden haben: Zu große Familien sind schlecht für Eltern, machen krank - und verkürzen das Leben merklich.

Zu diesem Schluss kommen Dustin Penn und Ken Smith nach einer Auswertung der Daten von fast 21.700 Ehepaaren aus dem US-Bundesstaat Utah aus dem 19. Jahrhundert. Sie bekamen insgesamt 174.000 Kinder - im Durchschnitt 8, doch Großfamilien überschritten damals selbst die Marke von 14 Kindern noch. Die Utah Population Database enthält - ein seltener Glücksfall für Forscher - Angaben über Lebensalter und Geburtszeitpunkte der Eltern ebenso wie über das Alter, welches deren Kinder erreichten.

In zu großen Familien sterben Eltern und Kinder früher

Kinder machen Krach, brauchen Liebe, Windeln und ständig neue Kleider. Kinder kosten Geld. Was machen Statistiker sich da Gedanken um abstrakte Kenngrößen, könnte man als Laie denken. Tatsächlich lassen Penn und Smith sozio-ökonomische Faktoren außen vor. Diese moderne Perspektive kann auch schlecht der Grund dafür sein, dass Menschen im Laufe ihrer Evolution sogar eine biologische Fruchtbarkeits-Begrenzung entwickelt haben - die Menopause.

So schließen Penn und Smith aus modernen Daten auf die zurückliegenden 150.000 Jahre menschlicher Evolution. Im Wissenschaftsmagazin "Proceedings to the National Academy of Sciences" (Online-Vorabveröffentlichung) berichten die Forscher von mehreren statistisch signifikanten Befunden:

  • Sowohl die Frequenz der Geburten als auch die Gesamtzahl der Kinder wirkte sich negativ auf das Alter aus, das die Eltern erreichten.
  • Zwar verkürzten mehr Kinder für beide Eltern das Leben, Mütter waren von diesem Effekt jedoch stärker betroffen.
  • Späte Geburten haben auf die Eltern einen größeren negativen Effekt als frühere, wiederum sind die Mütter stärker betroffen als die Väter.
  • Mit zunehmender Familiengröße verschlechterten sich zudem die Überlebenserwartungen für die Kinder, besonders für die Spätgeborenen.

Mathematisch-kühl folgern die Autoren, das deute auf eine Güterabwägung "zwischen der Quantität und der Qualität des Nachwuchses" hin. Tatsächlich ist eine solche - eher unemotionale - Perspektive aus der Evolutionsbiologie hinlänglich bekannt: Mit dem Stichwort Fitness-Kosten bezeichnen Biologen die auch für Laien leicht nachvollziehbare Einsicht, dass Reproduktion biologisch teuer ist.

Millionen, Hunderte oder nur eine Handvoll Nachkommen?

Insekten können ohne großen Aufwand Millionen Nachkommen in die Welt setzen, bei den für ihre Fortpflanzungsfreude berüchtigten Kaninchen können es noch weit über 200 Junge sein. Doch bei den meisten höheren Tierarten ist die Zahl der Nachkommen beschränkt. Reproduktive Fitness im Darwinschen Sinne bezeichnet die Chancen der eigenen Nachkommen, ihr Erbgut wiederum weiterzugeben. Einige besonders starke und gesunde Nachfahren könnten diese Chancen besser wahren als die maximal mögliche Zahl. Diese Abwägung von Kosten und Nutzen der Vermehrung ist für viele Tierarten gut belegt. "Die Befundlage beim Menschen ist hingegen gemischt und widersprüchlich", schreiben Penn und Smith.

Während die körperlichen Einbußen einer Schwangerschaft für Frauen die Kosten noch relativ intuitiv nachvollziehbar machten, fehlten für Männer schlicht brauchbare Daten. Die wenigen vorhandenen Studien hätten gar angedeutet, dass es für sie keine biologischen Reproduktionskosten gebe, schreiben die Forscher. Ihre Ergebnisse räumen damit auf: "Sowohl Mütter als auch Väter tragen die Fitness-Kosten der Fortpflanzung."

Doch welchen Wert hat diese historische Studie für die Gegenwart? Immerhin analysierte sie Daten aus dem 19. Jahrhundert, von Menschen ohne Zugang zu Geburtenkontrolle und in der harten Umwelt von Siedlern in der Wildnis.

Lehren aus der Wildnis: Kleinfamilien und Menopause

Penn und Smith glauben, mit ihren Ergebnissen könnten "verwirrende Aspekte der Fortpflanzungsphysiologie des Menschen und seines Verhaltens" erklärt werden. Warum sinke etwa die durchschnittliche Kinderzahl, sobald Frauen über mehr ökonomische Autonomie und die nötigen Mittel zur Geburtenkontrolle verfügten? Warum seien außerdem in jenen Familien mit Schwiegereltern väterlicherseits (aber nicht mütterlicherseits) die durchschnittlichen Kinderzahlen höher als bei solchen, in denen Schwiegereltern mütterlicherseits (aber nicht väterlicherseits) anwesend seien? Eine kleinere Kinderzahl liege primär im - gesundheitlichen - Interesse der Mutter.

Noch stärkere Erklärungskraft hätten die Zahlen aus Utah für die Frage, warum Frauen nach einer vorangehenden Abnahme der Fruchtbarkeit in die Menopause kommen. Die wenigsten Tiere verfügen über diese seltsame Mechanik, um die Reproduktionsfähigkeit zu beenden - während der Körper noch Jahrzehnte gesunden Weiterlebens ermöglicht. Penn und Smith vermuten einen Schutzmechanismus: Einerseits für Mütter, denen besonders späte Geburten besonders hohe Kosten aufbürden. Andererseits für Kinder, deren Überlebenschancen maßgeblich von der Pflege durch die Mutter abhängen. Diese Erklärung ist unter Evolutionsbiologen bisher als Theorie von der bedachten Mutter (prudent mother hypothesis) bekannt.

Man könne sogar so weit gehen, dies auf eine Großmutter-Hypothese auszuweiten: Weil auch der Mensch sich nicht frei von Fitnesskosten fortpflanze, habe es sich in der natürlichen Selektion als Vorteil erwiesen, wenn Frauen wenige Kinder bekämen, dafür aber länger lebten - um noch als Großmütter die Überlebenschancen ihrer Enkelkinder zu verbessern.

Beide Hypothesen beziehen sich - wie die gesamte Studie - weniger auf die spezifische Lebensplanung relativ aufgeklärter Menschen in der jüngsten Vergangenheit. Vielmehr geht es darum, was in Abertausenden von Jahren bestimmten Homo sapiens einen Selektionsvorteil verschafft haben könnte.

Wichtiger Hinweis für zeitgenössische Eltern aus entwickelten Weltgegenenden - und solchen die es noch werden wollen: Beispielsweise beim Effekt der schlechteren Überlebenschancen für Spätgeborene, weisen Penn und Smith darauf hin, dass dieser Effekt erst für Kinder mit elf Geschwistern oder mehr statistisch signifikant wird. Die Aussagen der Forscher über "große Familien" beziehen sich auf die Standards der Utah-Siedler vor 150 Jahren. Was heutzutage als große Familie mit vielen Kindern gilt, wäre damals wohl eher am unteren Ende der Skala eingeordnet worden.

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