Fotos aus dem Orbit Satellitenbilder zeigen Vertreibung Zehntausender

Vertreibungen, Massaker und Kriegsvorbereitungen sollen künftig verstärkt aus dem All aufgedeckt werden. Der größte Forschungsverband der USA hat angekündigt, Satellitenbilder zur Aufklärung von Verbrechen einzusetzen. Die ersten Beispiele wurden jetzt veröffentlicht.


Die ersten Bulldozer rollten im Mai 2005 auf die Armenviertel Simbabwes zu. Am Ende hatten Hunderttausende ihr Zuhause, ihre Arbeit und manche auch ihr Leben verloren. Diktator Robert Mugabe bezeichnete die Aktion "Murambatsvina", zu Deutsch "Abfall-Vertreibung", als stadtplanerische Maßnahme gegen illegale Siedlungen.

Menschenrechtsorganisationen und westliche Regierungen geißelten das rabiate Vorgehen des Despoten dagegen als politische Strafaktion: Die Slums gelten als Hochburgen der Opposition. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 2,4 Millionen Menschen direkt oder indirekt von der sechswöchigen Aktion im Sommer 2005 betroffen waren. Das örtliche "Zimbabwe Human Rights NGO Forum" spricht von mehr als 320.000 Vertriebenen. Die Strafaktion hatte derartige Ausmaße, dass sie auch als "Mugabe-Tsunami" bezeichnet wird.

Die American Association for the Advancement of Science (AAAS), der größte Wissenschaftsverband der Welt, will Menschenrechtsverletzungen solcher Art künftig verstärkt bekämpfen - indem er Satellitenbilder für Menschenrechtsorganisationen zugänglich macht, die sich solche Hightech bislang nicht leisten konnten. Der "Mugabe-Tsunami" dient nun als erstes Beispiel dafür, was die Technologie im All kann: Zwei Satellitenbilder zeigen eine Siedlung, die während Mugabes "Abfall-Vertreibung" dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Tausende wurden Opfer von Vertreibung

Auf dem ersten Foto, aufgenommen im Juni 2002, ist die Siedlung Porta Farm westlich der Hauptstadt Harare zu sehen. 6000 bis 10.000 Menschen lebten den AAAS-Experten zufolge in mehr als 850 Gebäuden. Auf dem zweiten Bild, das vom 6. April dieses Jahres datiert, ist von ihnen nichts mehr zu sehen. Nur noch helle Linien zeigen die Umrisse der einstigen Siedlung.

Die Bilder wurden am heutigen Mittwoch als zentrale Beweisstücke für einen Bericht von Amnesty International und der Organisation "Simbabwes Rechtsanwälte für Menschenrechte" veröffentlicht. Sie sind die ersten Ergebnisse eines neuen AAAS-Programms, das klären soll, wie Satelliten und andere Aufklärungssysteme - etwa Beobachtungsballons, Flugzeuge und Drohnen - eingesetzt werden können, um Menschenrechtsverletzungen nachträglich aufzudecken oder sogar zu verhindern.

Bisher wurden zwar schon wiederholt Luft- und Satellitenbilder benutzt, um Massengräber oder andere Spuren grausamen Geschehens aufzuspüren. Doch das geschah nur vereinzelt: Von Behörden angefertigte Satellitenbilder sind für Menschenrechtsorganisationen meist nicht zugänglich, und die Bilder privater Anbieter können leicht 2000 Dollar und mehr kosten - zu viel für die meisten privaten Verbände.

Tipps per Telefon und E-Mail

Die AAAS will den unabhängigen Organisationen nun bei der Beschaffung und Auswertung von Satellitenbildern helfen. "Wir glauben, dass diese Technologie ein wichtiges Hilfsmittel für Menschenrechtsorganisationen in aller Welt wird", sagte AAAS-Geschäftsführer Alan Leshner, der auch Herausgeber des Wissenschaftsmagazins "Science" ist. Die Bilder der zerstörten Siedlung Porta Farm zeigten, dass die Satellitentechnik "enormes Potential hat, Menschenrechtsverletzungen zu beweisen".

Die Fotos sind das Resultat einer bisher wohl einzigartigen Zusammenarbeit zwischen der Bevölkerung des betroffenen Landes, Unternehmen, Behörden und Wissenschaftlern. Anhand von Telefonanrufen und E-Mails aus Simbabwe, einer Koordinaten-Datenbank des US-Verteidigungsministeriums und Bildern des Satelliten "Landsat" habe man die genaue Position von Porta Farm festgestellt, sagte Lars Bromley von der AAAS. Daraufhin sei die Firma DigitalGlobe beauftragt worden, ihren "Quickbird"-Satelliten - das derzeit schärfste kommerzielle Himmelsauge - auf die Reste der Siedlung auszurichten.

Das Unternehmen lieferte auch eine alte Aufnahme desselben Gebiets, auf dem die Anzahl der Häuser erkennbar war. Eine Reihe weiterer Firmen stellte Software und Technologie zu Sonderpreisen bereit, sagte Bromley. Porta Farm soll nicht der einzige Beweis für den Ausmaß des "Mugabe-Tsunamis" bleiben: Derzeit werten die AAAS-Fachleute weitere Bilder zerstörter Siedlungen in Simbabwe aus. Die Ergebnisse sollen im Juni veröffentlicht werden. Zudem wollen die Experten auch die umkämpfte Darfur-Region und die Krisenregion Myanmar ins Visier nehmen.

Scharfblick auf Despoten und Aggressoren

Der "Quickbird"-Satellit reiche zwar nicht an moderne Spionagesatelliten heran, sagte Bromley. Aber mit seiner Auflösung von etwa einem Fünftel Quadratmeter pro Bildpunkt könne er problemlos die Zerstörung von Gebäuden, Umwelt-Sabotage und Bodenveränderungen aufspüren, die auf Massengräber hinweisen könnten.

Die Experten wollen auf diese Art Vertreibungen, Massaker und Angriffskriege künftig nicht nur aufklären, sondern möglicherweise gar verhindern - etwa indem sie Truppenkonzentrationen oder Brände aus dem All erkennen. Laut Bromley analysieren Wissenschaftler derzeit auch Informationen früherer Konflikte - Daten über Demografie und Wirtschaft, Dürren und andere Wetterlagen sowie Augenzeugenberichte und Satellitenbilder -, um Anzeichen und Muster drohender Katastrophen zu erkennen.

Für Despoten und außer Kontrolle geratene Militär-Befehlshaber könnte das Ungemach bedeuten: Strafverfolger, etwa am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, dürften sich schon jetzt auf die neuen Beweismittel freuen. "Die neue Satellitentechnologie verleiht uns die bisher beispiellose Fähigkeit, Verbrechen aus dem All zu dokumentieren", sagte Larry Cox, Direktor von Amnesty International USA. "Verbrecher können ihrer Strafe künftig nicht mehr entgehen, indem sie Menschenrechtsorganisationen einfach den Zutritt verweigern."

mbe



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