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Nansen-Expedition im 19. Jahrhundert Die sagenhafte Irrfahrt gen Nordpol

Der berühmte Arktisforscher Fridtjof Nansen war wohl ein Unsympath, das offenbaren nun die Tagebücher seiner Mannschaft. Doch sie zeugen auch von Mut, Ehrgeiz und einem unfassbaren Überlebenswillen.
aus DER SPIEGEL 3/2020
Nansen-Team bei Positionsbestimmung: Schierer Wahnsinn – oder der einzige Weg zum Pol?

Nansen-Team bei Positionsbestimmung: Schierer Wahnsinn – oder der einzige Weg zum Pol?

Foto: Heritage-Images / The Print Collector / akg-images

Sich im Arktischen Ozean von einer Eisscholle ins Wasser zu stürzen, um aus Leibeskräften aufs offene Meer hinauszuschwimmen, mutet wie Selbstmord an. Doch genau das nicht zu tun hätte für Fridtjof Nansen den Tod bedeutet.

15 Monate lang war der norwegische Polarforscher zu diesem Zeitpunkt bereits mit seinem Gefährten Hjalmar Johansen in der Eiswüste des Nordpolarmeers umhergeirrt. Die beiden waren mit 28 Hunden und drei Schlitten so weit nach Norden vorgedrungen wie kein Mensch zuvor; sie hatten Attacken von Eisbären und Walrossen überlebt; sie waren im Treibeis mitsamt ihren Schlitten von Scholle zu Scholle gesprungen; dann hatten sie in zwei lecken Kajaks versucht, Land zu erreichen.

Rechtzeitig vor Anbruch der Polarnacht waren sie bis zum Franz-Josef-Land-Archipel gelangt; dort hatten sie in einer selbst gebauten Hütte den mehr als minus 40 Grad Celsius kalten Winter überdauert.

Und nun, kurz nach ihrem erneuten Aufbruch im Frühsommer des Jahres 1896, war die Katastrophe passiert. Die Leine, mit der sie ihr Doppelkajak an einer Scholle vertäut hatten, war gerissen. All ihre Habe trieb aufs Meer hinaus. Ohne Zelt, ohne Gewehre, ohne Proviant, ohne Schlitten und ohne Kocher hätten die beiden nicht überleben können. Eine der großen Polarexpeditionen schien an ihr tragisches Ende gekommen.

Doch Nansen sprang.

Mit aller Kraft, die die schnell durchfrierenden Gliedmaßen hergaben, arbeitete er sich bis zu dem Kajak vor, wider alle Wahrscheinlichkeit schaffte er es, sich an der Bordwand hochzuziehen. Dass er dann auch noch, während er auf den bangenden Johansen zupaddelte, zum Gewehr griff und zwei vorbeischwimmende Alkenvögel erlegte, lässt sich wohl nur damit erklären, dass er sich in einem anhaltenden Schockzustand befand.

Stärker noch als Nansens Heldenmut aber war seine Fähigkeit zur Zuversicht. Nach kurzem komatösem Schlaf kehrte sie zurück: "Als ich aufwachte, kochte das Essen über dem Feuer", schreibt er in seinen Erinnerungen. "Die Alke und eine heiße Suppe hatten bald die letzten Nachwehen meiner Schwimmtour verwischt."

Entdecker Nansen um 1900

Entdecker Nansen um 1900

Foto: akg / Science Photo Library

Die dramatische Szene im Eismeer spielt in der heroischen Zeit der Polarforschung, die für immer Vergangenheit ist. Zwar driftet gerade das deutsche Forschungsschiff "Polarstern" auf Nansens Spuren nahe jenem nördlichsten Punkt durchs arktische Meer, bis zu dem der Norweger einst gelangt war. Doch diesmal muss keiner der Expeditionsteilnehmer Entbehrungen erleiden. In jahrelanger Planung haben Forschungsbürokraten sichergestellt, dass die Gefahr für Leib und Leben bei der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Eis nicht größer ist als im Labor im heimischen Boulder, Bergen oder Bremerhaven.

Nansens Sprung von der Eisscholle wäre heute schon deshalb nicht mehr möglich, weil sich im Sommer vor Franz-Josef-Land kaum noch Packeis drängt. Der Treibhauseffekt hat dafür gesorgt, dass es sich weit zurückzieht. Die Arktis, durch die heute die "Polarstern" driftet, ist nicht mehr die Arktis, durch die Nansen irrte.

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