Frankreich Hinkelstein-Fund begeistert Archäologen

Die Steine auf dem Ausgrabungsfeld sehen aus wie Bruchstücke. Doch Archäologen bezeichnen die 50 Hinkelsteine, die sie vor ein paar Wochen in der Bretagne entdeckt haben, als außergewöhnlich gut erhalten - eine Pilgerstätte für Forscher und Esoteriker.


Belz - Aus den geplanten Ferienhäusern wird nichts. Statt Bauland zu erschließen, wurden an der Südküste der Bretagne etwa 50 außergewöhnlich gut erhaltene Menhir (zu deutsch: Hinkelsteine) gefunden. Archäologen sind ebenso begeistert wie Esoterik-Freunde. Sofort wurde das Gelände unter Denkmalschutz gestellt - zum Nachteil derjenigen, die in der beliebten Urlaubsregion Unterkünfte für Touristen bauen wollten.

Zum ersten Mal sei es möglich, moderne, feine Ausgrabungen an dem so gut wie unberührten Boden vorzunehmen, sagt Jean-Paul Demoule, der Präsident des französischen Institut national de recherches archéologiques préventives (Inrap). Die Arbeiten auf dem etwa 3000 Quadratmeter großen Grabungsfeld in Belz sind laut Inrap eine Premiere in Frankreich.

Wie erst jetzt bekannt wurde, sind die Menhir bereits vor einigen Wochen entdeckt worden - wenige Kilometer vom weltberühmten Hinkelstein-Ort Carnac entfernt. Die tonnenschweren Zeugen aus grauer gallischer Vorzeit werden Kerdruelland bei Belz wohl zu einer Pilgerstätte zweier sehr unterschiedlicher Klientel machen.

Zunächst werden Archäologen zu Hauf anreisen, sie erhoffen sich zahlreiche neue Erkenntnisse. Aber auch Esoteriker und Spökenkieker dürften ihre Freude an dem Fund haben. Die Steine von Carnac und im südenglischen Stonehenge erfreuen sich in ihren Kreisen großer Beliebtheit.

Exakter Plan der steinzeitlichen Anlage

Wissenschaftler erläutern, was die Menhire von Belz einzigartig macht: Die Hinkelsteine wurden vor etwa 7000 Jahren aufgestellt, etwa drei Jahrtausende später haben Menschen aus noch unbekannten Gründen die Steine umgestürzt. So ruhten sie gut 4000 Jahre lang in einer Sedimentschicht, die sie vor Wind und Wetter schützte und die zugleich wertvolle Hinweise auf die Geschichte der Hinkelsteine speicherte.

Die bis zu zwei Meter langen Felsbrocken zeugten von einer organisierten Gesellschaft in der Steinzeit, sagte Demoule. Um einen 20 Tonnen schweren Menhir zu bewegen, mussten mindestens 150 Menschen Hand anlegen.

Die Archäologen legten bei den Ausgrabungen auch kleinere Steine frei, die als Stütze für die großen Menhire gedient haben sollen. So könnten die heutigen Menschen in Belz "die Organisation der Steine zum Zeitpunkt ihrer Aufrichtung nachvollziehen", schwärmt Inrap-Forschungsleiter Stéphane Hinguant. "Der Plan des Denkmals ist exakt." Andernorts seien Hinkelsteine dagegen von ihren Ausgräbern "dort aufgestellt worden, wo man dachte, dass sie einst gestanden haben - vielleicht zu Unrecht."

Symbolik des Ortes rätselhaft

Wie die Stätte aufgebaut war, ist somit klar. Hinguant fragt aber auch nach der Symbolik dieses "mystischen" Orts: Warum etwa wurde eine Seite eines der Menhire schon in der Steinzeit mit einem Hammer bearbeitet? Handelte es sich um eine Stele? Waren die Menhire gar farbig angemalt?

Christine Boujot von der französischen Wissenschaftseinrichtung Centre national de la recherche scientifique (CNRS) fragt sich zudem, wieso drei Viertel der Hinkelsteine in derselben Richtung umgestürzt wurden, nämlich in einer Achse Nordwest-Südwest, und zwar so, dass sie quasi auf dem Bauch lagen.

Bei den großen Steinen "kann man Hypothesen aufstellen, sie prüfen und schließlich hoffen, sie zu bestätigen oder zu verwerfen", räumt Inrap-Forschungsleiter Hinguant ein. "Doch sie behalten die meisten ihrer Geheimnisse für sich."

fba/AFP



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