Christian Stöcker

Pervertierung eines Begriffs Freiheit oder woke

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Das Wort »Freiheit« hat sowohl in Deutschland wie international in den vergangenen Jahren einen enormen Wertverfall erlitten. Es ist zum Kampfbegriff der rechtsextremen, verschwörungsgläubigen Internationalen geworden.
Foto: Nathan Denette / AP

Der (unfreiwillig) lustigste Text über den sogenannten Freedom Convoy, die Truckerblockade von Ottawa, stand vor ein paar Tagen im deutschen Zentralorgan der neuen Freiheitsliebe, der »Welt«. Ein Autor, der früher für die sehr weit links stehende Zeitung »Jungle World« gearbeitet hat, entdeckte in den »hygienefernen« Lkw-Fahrern, die dort den Verkehr gestoppt haben, »die letzten Liberalen«. »In ihrer brachialen Illiberalität« verkörperten sie »den Liberalismus, den sie ernst nehmen, statt ihn nur im Mund zu führen«.

Der Text setzte die Lastwagenfahrer in Kontrast zu einem vom Autor nicht näher definierten »woken« Millieu. Das Wort »woke«, also »erwacht« oder »erweckt« war ursprünglich eine Selbstbezeichnung von an Bürgerrechten, Antidiskriminierung und Geschlechtergerechtigkeit interessierten Menschen in den USA. Die »Welt« und die neue Rechte hierzulande versuchen gerade, das Wort als neuen Kampfbegriff in den bundesdeutschen Diskurs einzufügen, wie in den USA.

Kulturkampf auf Teufel komm raus

»Freiheit« gegen »wokeness«, das ist der neue Antagonismus, der herbeigeschrieben und -geredet werden soll. Es gibt aber nur zwei Möglichkeiten: Entweder Kanadas Bevölkerung besteht zu etwa zwei Dritteln aus »wokem Bürgertum« – denn eine stabile Zweidrittelmehrheit der Kanadier lehnt die Proteste ab . Oder der Antagonismus »Freiheit« gegen »wokeness« ist Unsinn, erfunden von Leuten, die auf Teufel komm raus einen Kulturkampf herbeischreiben wollen, der ihrer eigenen, unklaren »Dagegen«-Position so etwas wie gesellschaftspolitische Relevanz verleihen könnte.

Der Begriff »Freiheit« hat in den vergangenen Jahren einen enormen Wertverfall hinnehmen müssen, und die Pandemie hat diesen Prozess noch beschleunigt.

Freiheitsfürst Wladimir

Zu diesem neuen Freiheitsbegriff, den die kanadischen Trucker vertreten, gehört unter anderem: Das Recht, demokratische Wahlergebnisse für irrelevant, weil erfunden, zu erklären. Die leidenschaftliche Hinwendung zu Verschwörungserzählungen. Das Recht auf eigene Fakten, egal, wie die tatsächlichen aussehen. Das Recht, sich mit neofaschistischen Milizen zu verbünden. Eine stille oder offene Begeisterung für den Freiheitskämpfer Donald Trump, den Mann, dessen Vermögen eigenen Angaben zufolge entweder bei 5,8, bei 8,7 oder bei »ÜBER ZEHN MILLIARDEN« Dollar liegt .

Oft gehört auch viel Verständnis für den Freiheitsfürsten Wladimir Putin dazu, in dessen Reich im Laufe seiner Herrschaft unter anderem Dutzende Journalistinnen und Journalisten ermordet, Oppositionelle eingesperrt und/oder vergiftet oder Proteste mit aller Brutalität niedergeschlagen wurden und werden.

Endlich rechtsrevolutionäres Flair

In den Köpfen oder zumindest in den Äußerungen der neuen Freiheitsfans sind zum Teil sogar die 150.000 Soldaten an den ukrainischen Grenzen irgendwie ein Ausdruck des Kampfes »Freiheit« gegen »wokeness«.

Man muss sich nur einmal die Social-Media-Posts von Leuten und Organisationen ansehen, die sich für die Truckerproteste begeistern. Davon gibt es auch hierzulande bemerkenswerte Mengen.

»Der wahre Krieg ist nicht in der Ukraine, sondern in Kanada, Australien, Frankreich, Brüssel, England, Deutschland, Italien… Sie wollen nur, dass ihr wegseht.« Das wird digital als Text-Bild-Grafik herumgereicht, als »Social Card«. Eine andere Social Card enthält nur den Schriftzug »Hold the Line«, einen der Kampfrufe der kanadischen Trucker, die Buchstaben hinterlegt mit einem entschlossen in die Kamera blickenden Donald Trump in Schwarz-Weiß.

Bekanntlich ist Fox News das inoffizielle Sprachrohr der Convoy-Trucker in den USA, und das hat so gut funktioniert, dass offenbar Zehntausende US-Bürgerinnen und -Bürger Geld an den »Freedom Convoy« gespendet haben .

(Steuer-)Freiheit für die Milliardäre

Der Sender Fox News, der den Multimilliardär Donald Trump nach Kräften unterstützte und der dem Unternehmen des Multimilliardärs Rupert Murdoch angehört, bekämpft in den USA ja schon seit längerer Zeit alle wirksamen Maßnahmen gegen die Pandemie, von Masken bis Impfungen. Wenn Fox aber »Freiheit« sagt, ist damit in Wahrheit immer die Freiheit gemeint, sich weiterhin von Multimillionären vor den Kameras und Multimilliardären im Hintergrund an der Nase herumführen zu lassen. Die selbst natürlich alle geimpft sind.

Man darf dabei nie aus dem Blick verlieren, dass Donald Trumps größer politischer Erfolg eine Steuerreform ist, die die Reichsten des Landes enorm begünstigt hat.

Super-Trudeau, der woke Anführer?

Die neue Begeisterung für den umgedeuteten Begriff »Freiheit« hat in Wahrheit zwei Ebenen: Die eine betrifft die Freiheit der Superreichen, möglichst keine Steuern zahlen zu müssen, und die Freiheit der US-Ölbranche, weiter Roh-CO₂ zu fördern. Die andere betrifft die Freiheit von Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremen, ihre persönliche Lage wahlweise der jüdischen Weltverschwörung, den Echsenmenschen, den Schwarzen oder eben dem »woken Bürgertum« in die Schuhe zu schieben.

Kanadas früher einmal strahlender Premierminister Justin Trudeau gilt den globalen Trumpisten noch immer als Galionsfigur dieses »woken Bürgertums«.

»Bin ich ein Jude, bin ich ein Hund?«

Folgerichtig möchten die protestierenden Trucker ihn gern ins Gefängnis sperren, was auf Plakaten in Ottawa in den vergangenen Wochen ein ums andere Mal nachzulesen war. Manche Bilder zeigen Trudeau als Pseudo-Superman, der sich gerade das Hemd aufreißt. Darunter kommt kein »S« zum Vorschein, sondern eine Sowjetflagge.

So überschneiden sich die beiden Ebenen: Das Narrativ vom drohenden »Sozialismus«, das vor allem der Freiheit der Reichen dienen soll, weiterhin möglichst wenig Steuern zu zahlen, wird hier nahtlos mit dem anderen, diffuseren, aber nicht minder pervertierten Freiheitsbegriff der neuen Rechten vermengt.

»Erinnern Sie sich nicht daran, was sie mit den Juden gemacht haben?«, fragte ein Trucker in einem sehenswerten Beitrag im »Auslandsjournal « des ZDF diese Woche. »Bin ich jetzt ein Jude, bin ich ein Hund? Den Hunden spritzen sie Mikrochips, und das wollen sie jetzt mit uns machen!«

Vage Chiffre statt konkreter Vision

Das Zitat enthält das ganze bizarre, wackelige Gedankengebäude in all seiner Schrecklichkeit. Die Opferpose (zur Erinnerung: 90 Prozent der kanadischen Trucker sind vollständig geimpft, ihre Gewerkschaften unterstützen die Proteste nicht), die Relativierung des Holocaust, der beiläufige Antisemitismus, der Verschwörungsglaube, die aberwitzige »Chip«-These über die Impfung.

All das hat mit »Freiheit« so viel zu tun wie Impfungen mit Chips, aber das stört weder die Protestierenden noch ihre Anheizer in internationalen Medienhäusern. Die internationale Rechte und ihre Claqueure haben Pandemie-Desinformation nur schon früh als effektiven Katalysator erkannt, um Leute auf ihre Seite zu ziehen. Dazu braucht es keinerlei kohärente Vision, nur die vage, sinnentleerte Chiffre »Freiheit!«.

Koalitionen mit bewaffneten Rechtsextremisten

Einer der Organisatoren einer geplanten US-Version des »Freedom Convoy« rief explizit bewaffnete rechtsextreme Milizen wie die »Oath Keepers«  (deren Chef wegen des Angriffs auf das Kapitol vor Gericht kommen wird) und die »Three Percenters« zu Hilfe. Der Name der Letzteren rührt von der Idee her, dass drei Prozent der Bevölkerung eines Landes ausreichen sollen, um eine erfolgreiche Revolution herbeizuführen.

Und natürlich gibt es Querverbindungen zu QAnon und anderen Verschwörungsideen, man teilt die gleichen Feindbilder, Helden und Desinformationsquellen.

Schadensmenge statt Masse

»Die relevante historische Lektion« der Proteste, schrieb kürzlich die Australierin Van Badham , die ein Buch über QAnon veröffentlich hat, sei: »Die Bedrohung für die Demokratie beruht nicht auf dem Anteil aller Leute, die diese Gruppen tatsächlich repräsentieren. Sie beruht auf der Größe des Schadens, den sie anzurichten bereit sind.«

Und Leute, die sehr große Fahrzeuge kontrollieren, können eben jede Menge Schaden anrichten, wie die Bewohner Ottawas gerade feststellen mussten. Weit mehr Schaden übrigens als junge Klimaaktivisten mit Sekundenkleber , die von der »Welt« und anderen Medien mit ähnlicher Stoßrichtung seltsamerweise nicht als wackere Freiheitskämpfer gefeiert werden.

Langwaffen, schusssichere Westen, massenhaft Munition

Manche der rechtsextremen »Freiheitskämpfer« sind noch deutlich schwerer bewaffnet: Im kanadischen Alberta ging die Polizei vor einigen Tagen gegen eine »Freedom Convoy«-Splittergruppe vor, die tödliche Angriffe auf Polizeibeamte geplant haben soll. »Sie verhafteten elf Personen und beschlagnahmten 13 Langwaffen, Handfeuerwaffen, mehrere schusssichere Westen, eine Machete, eine große Menge Munition und Magazine mit besonders hohem Fassungsvermögen«, wie »Vice« berichtet . Die Verhafteten waren polizeibekannte Extremisten und Verschwörungsgläubige. 

Dass es bei alledem wirklich um »Freiheit« geht, ist eine Fiktion. Es geht – zumindest denen, die die Proteste medial und finanziell unterstützen – meist um etwas anderes: Nicht allein Ottawa betreffe die Belagerung, glaubt die QAnon-Fachfrau Van Badham, »sondern die westlichen Demokratien«.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts war die Amtsbezeichnung von Kanadas Premierminister Trudeau nicht korrekt. Wir haben die entsprechende Stelle geändert.

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