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09. April 2019, 20:11 Uhr

Forderungen von "Fridays for Future"

Langstreckenflüge würden bis zu 2000 Euro teurer

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Fernreisen, Benzin, Fleisch: Die von "Fridays for Future" geforderte CO2-Steuer würde klimaschädliche Güter drastisch verteuern. Was würde das für Verbraucher bedeuten?

Jetzt werden sie konkret: die "Fridays for Future"-Aktivisten. Immer wieder haben ihre Kritiker den streikenden Schülern vorgeworfen, sie würden nur irgendwie für den Klimaschutz auf die Straße gehen - ohne zu sagen, was sie genau wollen. Am Montag haben die Organisatoren der Bewegung nun sechs Forderungen an die Politik veröffentlicht. Dazu gehören unter anderem die Stilllegung eines Viertels der Kohlekraftwerke noch vor Jahresende und 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035.

Vor allem aber verlangt "Fridays for Future", CO2-Emissionen drastisch zu verteuern. "Der Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen muss schnell so hoch werden wie die Kosten, die dadurch uns und zukünftigen Generationen entstehen", schreiben die "Fridays for Future"-Vertreter in einer Presseerklärung. Und konkretisieren: "Laut UBA (Umweltbundesamt, d. Red.) sind das 180 € pro Tonne CO2."

Was würde eine solche Emissionssteuer praktisch bedeuten? Der SPIEGEL hat ausgerechnet, wie stark die 180 Euro pro Tonne CO2 unsere Energieträger, Lebensmittel, Konsumgüter oder Reisen verteuern würden. Ein Gedankenspiel.


Energie


Lebensmittel

Alle Werte für Lebensmittel beziehen sich auf konventionelle Herstellung. Bei Bioanbau oder -züchtung ist der CO2-Ausstoß laut Bundesumweltministerium zwischen 6 und 31 Prozent niedriger.


Konsumgüter


Mobilität


Einige CO2-Werte, etwa für Rindfleisch oder das T-Shirt, beruhen auf Schätzungen oder Berechnungen, über die man trefflich streiten kann. Die Beispiele zeigen aber: Menschen, die gern Fleisch essen, Auto fahren oder in die Ferne reisen, müssten ihren Lebensstil drastisch umstellen.

Die 180-Euro-Forderung erscheint heute kaum mehrheitsfähig.

Zwar wollen die "Fridays for Future"-Organisatoren nicht gleich mit 180 Euro loslegen. "Bei der Einführung der Steuer wird ein Startpreis festgelegt, der dann ansteigt", schreiben sie in ihrer Erklärung. Aber das solle "schnell" gehen.

Die Aktivisten sind längst nicht die Einzigen, die verlangen, den Ausstoß von Kohlendioxid zu besteuern. Wissenschaftler, Parteien bis hin zur Union und sogar der Bundesverband der Deutschen Industrie können sich auf die eine oder andere Art eine CO2-Bepreisung vorstellen. Und schon seit 2005 gibt es in der EU das Emissionshandelssystem (ETS). Hier werden Lizenzen zum CO2-Ausstoß gehandelt; eine Tonne kostet hier zurzeit rund 24 Euro. Allerdings umfasst der Emissionshandel bislang nur die Energiewirtschaft, die energieintensive Industrie sowie den innereuropäischen Luftverkehr.

Über die Höhe eines künftigen CO2-Preises kursieren unterschiedliche Vorstellungen. Der Ökonom Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PiK), fordert mindestens 35 Euro pro Tonne. Eine Gruppe von Wissenschaftlern rund um den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz machen sich für einen Preiskorridor von zunächst 40 bis 80 US-Dollar (rund 35 bis 70 Euro) stark. Entsprechend niedriger wären die Mehrkosten einer solchen CO2-Abgabe. Viele Konzepte sehen zudem vor, die Einnahmen wieder an die Bevölkerung umzuverteilen - wovon vor allem ärmere Haushalte profitieren sollen. Fernreisen per Flugzeug wären aber auch bei einem Preis von 70 Euro je Tonne dramatisch teurer als heute.

Das Rechenbeispiel zeigt: Die "Fridays for Future"-Organisatoren stellen radikale Forderungen auf. Genau das ist der Job von Aktivisten.

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