Umfrage zu "Fridays for Future" Forscher sollen sich stärker in die Politik einmischen

Sollten Wissenschaftler Politiker für lasche Klimaschutzgesetze kritisieren? Meinungsforscher haben in der Bevölkerung nachgefragt - und kamen zu einem klaren Ergebnis.

Demo für mehr Klimaschutz: "Hört auf die Wissenschaftler"
Hans Lucas/ imago images

Demo für mehr Klimaschutz: "Hört auf die Wissenschaftler"

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Sollten sich Wissenschaftler mit ihrer eigenen Meinung bewusst zurückhalten und ihre Forschungsergebnisse für sich sprechen lassen - oder sollten sie sich mit Stellungnahmen und Debattenbeiträgen aktiv in die Politik einmischen? Die Organisation "Wissenschaft im Dialog" (WID) hat dazu im "Wissenschaftsbarometer 2019" rund Tausend Menschen in Deutschland befragt und zumindest beim Thema Klimakrise eine klare Antwort bekommen.

Hintergrund war, dass sich Klimaforscher öffentlichkeitswirksam für die "Fridays for Future"-Proteste engagieren und damit politische Entscheidungen infrage stellen. Im Auftrag von WID wollte das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid in einer repräsentativen Umfrage von der Bevölkerung wissen, ob es richtig ist, dass Wissenschaftler sich öffentlich äußern, wenn politische Entscheidungen Forschungsergebnisse nicht berücksichtigen.

Drei von vier Befragten (75 Prozent) stimmten zu, dass Forscher in dem Fall Position beziehen sollten. Nur sieben Prozent waren dagegen. 16 Prozent der Befragten konnten sich für keine Seite entscheiden (siehe Grafik unten).

Raus aus dem Elfenbeinturm

Inwieweit Forscher über rein fachliche Aussaugen hinaus Teil der öffentlichen Meinungsbildung sein sollten, ist ein Politikum. Denn Wissenschaft liefert selten definitive Erkenntnisse. Sie versucht zu verstehen, wie etwas unter bestimmten Bedingungen funktioniert oder verläuft. Forschung schafft Fakten mit viel Wenn und Aber.

Um daraus politische Botschaften abzuleiten, müssen Fachleute vereinfachen und zuspitzen. Kritiker halten davon nichts. Wenn es nach ihnen geht, stellen Forscher ihr Fachwissen mit allen Einschränkungen zur Verfügung. Welche Schlüsse die Gesellschaft daraus ziehen sollte, muss dann die Politik klären.

Doch längst nicht alle sehen das so. Befürworter von Wissenschaftlern, die sich in den politischen Diskurs einmischen, argumentieren, dass öffentliche Forschung aus Steuermitteln finanziert wird und die Gesellschaft deshalb ein Recht darauf hat, davon zu profitieren. Forscher müssten raus aus dem Elfenbeinturm.

Nicht jede Form der Einmischung ist erwünscht

Allerdings kommt es bei der Frage auch darauf an, wie sich Experten einmischen, zeigt die aktuelle Umfrage. So präsentierten die Meinungsforscher ihren Probanden im Zusammenhang mit "Fridays for Future" auch folgende Aussage: "Es ist nicht Aufgabe von Wissenschaftlern, sich in die Politik einzumischen." Gut ein Viertel stimmte zu, nur die Hälfte fand, dass sich Wissenschaftler sehr wohl einmischen sollten.

Zur Erinnerung: Bei der Frage, ob Forscher sich öffentlich äußern sollten, wenn politische Entscheidungen nicht zu wissenschaftlichen Erkenntnissen passen, waren 75 Prozent dafür. Ein Viertel der Befragten scheint also der Ansicht zu sein, dass Forscher sich öffentlich äußern, sich aber nicht direkt in die Politik einmischen sollten.

Gleichzeitig war gut ein Viertel der Befragten der Meinung, dass die Wissenschaft aktuell in genau dem richtigen Ausmaß Einfluss auf die Politik nimmt. 44 von 100 befragten hielten den Einfluss für zu gering. Im "Wissenschaftsbarometer 2014" war die Unzufriedenheit noch größer: Damals hielten nur 19 Prozent den Einfluss der Forschung auf die Politik für genau richtig. Mehr als die Hälfte hielt ihn für zu gering.

Gesunder Menschenverstand oder wissenschaftliche Fakten?

Bemerkenswert an der aktuellen Umfrage ist auch, dass nur gut die Hälfte der Befragten grundsätzlich der Meinung waren, dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten.

Außerdem fand ein Drittel der Befragten im Zusammenhang mit "Fridays for Future", dass wir uns mehr auf den "gesunden Menschenverstand" verlassen sollten und weniger auf wissenschaftliche Studien.

Der "gesunde Menschenverstand" wird in öffentlichen Debatten gern bemüht, wenn es darum geht, wissenschaftliche Fakten zu leugnen oder Sachverhalte ungeachtet komplexer Hintergründe darzustellen. So berufen sich einige AfD-Politiker darauf, dass das Klima auf der Erde durch die Sonnenaktivität bestimmt werde und der Mensch daher ohnehin nichts ausrichten könne.

Abgrund der menschlichen Psyche

Klingt logisch, doch in Wahrheit spielt die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre die entscheidende Rolle beim Anstieg der globalen Temperatur. Das ist bekannt, weil Forscher den "gesunden Menschenverstand" inzwischen wissenschaftlich überprüft haben. Wissenschaftliche Erhebungen sind die Kontrollinstanz des gesunden Menschenverstands.

Wie häufig Menschen in Umfragen widersprüchliche Antworten geben oder sich davon leiten lassen, welche Antworten erwünscht sein könnten, zeigt ein weiterer Frageblock der aktuellen Erhebung: 66 Prozent der Befragen stimmten zu, dass Wissenschaft und Forschung helfen werden, zentrale Probleme der Menschheit zu lösen. Gleichzeitig waren 43 Prozent der Meinung, dass wir mehr Wert auf Bestehendes legen sollten und weniger auf neue Technologien.

Die Befragten waren sich demnach sicher, dass neue Erkenntnisse wichtig sind, wollten aber trotzdem lieber an Altem festhalten.



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Outdated 20.11.2019
1. Find ich gut: ich bin wissenschaflter
Die Grünen würden sich aber sehr wundern das ich sie keinesweges als Verbündete, sondern eher als Religöse Spinner betrachte. Ja die können auch mal Recht haben, aber im großen und ganzen kann ich nur wenig gutes an ihnen finden und ja auch beim Thema klima politik.
box-horn 20.11.2019
2. Das ist Blödsinn:
Denn: Welche Wissenschaftler will man wohl zu was befragen. Die, deren Ansichten von der Presse am meisten gepusht werden, weil sie den Meinungsmainstream spiegeln oder gerade mal spektakulär sind, die hübschesten Horrorspektakel à la Hollywood anbieten? Wissenschaftliche Ansichten pflegen stets zum einen generell weit gestreut zu sein, und sich zum anderen nach dem Fortgang der Forschung immer'mal zu ändern. Ewige wissenschaftliche "Wahrheiten" sind vielleicht der Traum weiter Teile der Bevölkerung, aber nur in seltenen Fällen zu haben. Forderungen dieser Art würden nur dazu führen, die Forschung zu korrumpieren, denn unter dem dann zwangsläufig ausbrechenden Streit um die Meinungsführerschaft ginge es ganz schnell nicht mehr um Forschung, sondern nur noch die Durchsetzung von Meinung nach der Devise: wer am lautesten schreit, an recht. Außerdem würde untergehen, dass es "einfache" Wahrheiten in der Wissenschaft nicht gibt - gerade auch in "Klimafragen" sind viele Fragen unbeantwortet, was dazu führt, dass einfache Antworten und Handlungsanweisungen gar nicht möglich sind.
hellmund35 20.11.2019
3. Wissenschaft sollte beraten, nicht politisieren
Schuster bleib bei deinen Leisten, heißt es doch. Die Wissenschaftler sollen die Probleme sachlich darstellen, auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Das, was aber derzeit im Bereich des Klimaschutzes passiert, ist alles andere als zielführend. Es wird ein Horrorszenario nach dem anderen präsentiert und insbesondere hier in Deutschland so getan, als könnte Deutschland allein die Welt retten. Dabei wird eine Klimaneutralität Deutschlands uns dem Klimaziel, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, kaum wesentlich näher bringen, wenn andere Staaten ihren hohen CO2-Ausstoß so beibehalten oder sogar noch erhöhen. Die Forderungen nach schnellen Kohleausstieg u.a. radikale Forderungen machen da überhaupt keinen Sinn, sie sind nur geeignet unseren Wohlstand zu zerstören. Auch die Forderungen nach hohen CO2-Kosten sind für mich äußerst fragwürdig, weil sie nur eine geringe Menge CO2 einsparen und damit reine Symbolpolitik sind. Wir brauchen Technologien, mit denen man CO2 in großen Mengen aus der Luft filtern kann und die dann sicher gespeichert werden. Im Übrigen sagen auch Wissenschaftler, dass reine Einsparungen beim Klimaziel nicht helfen werden. Man hört aber von Grünen und Klimaschützern nur immer Maßnahmen, welche die Bürger gängeln sollen. Solange nicht alle an einem Strang ziehen und ziehen wollen, ist das fortgesetzte Festlegen immer neuer Grenzwerte blinder Aktionismus und führt zu nichts. Da fehlt mir auch der Hinweis aus Wissenschaft. Wissenschaftler, die das Paket der Bundesregierung kritisieren, sollten mal erläutern, warum ausgerechnet die Bundesrepublik allein mehr tun sollte, vor allem wieviel Grad dies bei der Zielerreichung im Klimaschutz ausmacht.
customer 20.11.2019
4. Die Frage ist,
was genau das bringt - Klimawandelleugner überzeugt man damit ohnehin nicht, alle anderen braucht man nicht mehr zu überzeugen. Was im Moment fehlt, sind konkrete Pläne, wie man weiter vorgeht. FfF hat bisher keinen sinnvollen Lösungsvorschlag oder konkrete Pläne geliefert (wie auch?), außer Forderungen, die stark an der Realität vorbeigehen und Lösungsideen, die dem Klima nichts bringen und nur Schaden anrichten. Das mit der CO2-Steuer, die Unternehmen dazu bringen soll, Mobilität, Produktion und Energieverbrauch zu ändern und das daraus eingenommene Geld direkt an die Steuerzahler zurückzugeben war ein Traum, der so niemals funktioniert - sieht man ja jetzt bereits. Davon landen alle Kosten beim Endverbraucher, der in vieler Hinsicht keine Chance hat, den Status Quo zu beeinflussen. Zu fordern, Kohlekraftwerke bis 2022 abzuschalten, war eine genau so unrealistische Forderung ohne Ideen, wie man die dann fehlende Energie (insbesondere auch für Bahn und Elektromobilität) anderswo herkompensieren soll. Die Forderung, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, die kaum irgendwo in brauchbarer Kapazität existieren, ist auch nicht besser. Bessere Wärmedämmung für Gebäude müssen irgendwo herkommen und nicht nur höhere Miet- und Heizkosten zur Folge haben. Die Heizung im Winter in einem Altbau aus zu lassen, ist auch keine echte Lösung.. Sollen sich Wissenschaftler in die Politik einmischen, werden sie eingestehen müssen: wir haben nur Vorschläge, woran es sich in dieser Hinsicht zu forschen lohnt. Kurzfristige Lösungen bekommt man dadurch nicht.
ronald1952 20.11.2019
5. Wäre schön
wenn so etwas klappen würde, nur ein Wissenschaftler und zwei Meinungen, oder drei? Oder wie ein Politiker/in sich nicht festlegen da wäre das eine, das andere sind wohl die Politiker/innen selbst denn warum auch immer Sie halten sich für Unfehlbar und fühlen sich im Recht Dinge zu tun wofür andere glatt vor dem Richter landen würden. Politiker/innen hören in der Regel nicht auf Wissenschaftler auch wenn diese den Beweis erbringen sollten. Mit Beratern sieht das schon anders aus, mir wäre es lieber diese Herrschaften geben den Wissenschaftlern das Geld dort ist es besser aufgehoben und der Wahrheitsgehalt deren Aussagen meist auch, denn Wissenschaftler müssen sich auf Fakten stützen, Berater machen das in der Regel nicht. schönen Tag noch,
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