"Fridays for Future" in Moskau Allein gegen Putins Klimapolitik

Seit 17 Wochen demonstriert der russische Aktivist Arshak Makichyan freitags gegen Putins Klimapolitik. Weil Umwelt- und Klimaschützer unbequeme Kritiker der Regierung sind, versucht man, sie kleinzuhalten.
Der Aktivist Arshak Makichyan in Moskau: "Putin lügt"

Der Aktivist Arshak Makichyan in Moskau: "Putin lügt"

Foto: Arshak Makichyan

In Deutschland sind es jeden Freitag Tausende Schüler und Studenten - in Moskau nur ein einziger Demonstrant. Seit mehr als drei Monaten hält ein einsamer Klimaaktivist die Stellung in der russischen Hauptstadt. Der 25-jährige Arshak Makichyan steht jeden Freitag bei Sonne und Regen mit einem Pappschild vor dem Puschkin-Denkmal in Moskau. "Klimakollaps wir kommen - Krieg, Hunger, Tod" steht in kyrillischer Schrift auf seinem Schild.

Arshak Makichyan ist der einzige "Fridays for Future"-Demonstrant, der sich seit 17 Wochen in der Moskauer Innenstadt auf die Straße traut. Nicht zuletzt, weil ab zwei Teilnehmern das russische Versammlungsgesetz in Kraft tritt. Dann muss die Demonstration angemeldet werden, was bisher nicht erfolgreich war. Im Mai bekam Makichyan einmal vereinzelte Unterstützung am Puschkin-Denkmal, im März genehmigten die Behörden in einem Park sogar eine Demonstration - in einem Außenbezirk Moskaus, möglichst weit weg vom Stadtkern.

Den russischen Behörden sind die jungen Demonstranten nicht recht, deswegen gibt die Polizei für die Innenstadt keine Genehmigung für den Schülerprotest heraus. Dabei würden die Kommilitonen von Makichyan gern mitstreiken. Mittlerweile posten Aktivisten weltweit Solidaritätsbekundungen: "Let Russia strike for climate".

Seine Familie erfuhr von den Protestaktionen erst aus der Presse

"Am Anfang hatte ich große Angst. Es kamen Polizisten und nahmen meine Daten auf, Fußgänger beschimpften mich als amerikanischen Spion oder hielten mich für einen Bettler und wollten mir Geld geben", erzählt Arshak Makichyan im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Aber ich habe weitergemacht, weil die Regierung nichts tut und der Klimawandel in Russland Menschenleben bedroht."

Selbst seiner Familie habe er die ersten Wochen nichts von seiner Aktion gesagt - Vater und Mutter erfuhren es aus der Presse. Er habe sie nicht beunruhigen wollen, erklärt Makichyan. Das Puschkin-Denkmal ist für ihn ein Symbol für Freiheit und Mut. "Puschkin war selbst Opfer von staatlicher Kontrolle und Zensur", sagt der Violinist und Musikstudent. Außerdem würden an dem Denkmal jeden Tag Tausende Menschen vorbeikommen.

Arshak Makichyan vor dem Puschkin-Denkmal in Moskau: "Klimakollaps wir kommen - Krieg, Hunger, Tod"

Arshak Makichyan vor dem Puschkin-Denkmal in Moskau: "Klimakollaps wir kommen - Krieg, Hunger, Tod"

Foto: Arshak Makichyan

Arshak Makichyan erhebt schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten Russlands: "Putin lügt. Er tut auf internationalen Konferenzen so, als ob ihm Klimaschutz wichtig wäre, aber eigentlich ist er nur an den Ölbohrungen in der Arktis interessiert."

Wladimir Putin tritt nicht offen als Klimaleugner auf, wie US-Präsident Donald Trump oder Brasiliens Premier Jair Bolsonaro. Russland hat das Pariser Klimaabkommen unterschrieben und vor wenigen Tagen angekündigt, es nun auch auf nationaler Ebene zu ratifizieren. "Russland nutzt Klimaverhandlungen taktisch durchaus geschickt für außenpolitische Zwecke, etwa um PR-Punkte zu sammeln und Entgegenkommen in anderen Politikfeldern auszuhandeln", sagt Fabian Burkhardt, Russlandexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Der Kreml sieht Klimaschutz als Bedrohung für den Rohstoffsektor

Allerdings stehen die internationalen Bekundungen des russischen Präsidenten im krassen Gegensatz zu seinen Taten, beklagen russische Umweltschützer. "Die Regierung tut fast gar nichts für den Klimaschutz - weder bei den CO2-Emissionen noch bei der Anpassung an die Klimawandelfolgen", meint Alexey Kokorin, Klimaexperte des WWF Russland. Es bleibe nur bei schönen Ansprachen.

Dabei machen sich Vorboten der Klimakrise bereits bemerkbar: Vor einer Woche starben 18 Menschen bei Sturzfluten in Irkutsk im Südosten des Landes. Das laut Behörden schlimmste Sommerhochwasser in der hundertjährigen Geschichte der lokalen Wetteraufzeichnungen machte Tausende Menschen obdachlos. Während Klimaforscher der Universität Irkutsk einen Zusammenhang mit dem menschengemachten Klimawandel sehen , streiten die Behörden diese Version offiziell ab.

Einige Klimawandelfolgen sind mittlerweile nicht mehr zu übersehen und bedrohen sogar die russische Wirtschaft. Freuten sich die russischen Öl- und Gasunternehmen noch vor einigen Jahren über leichter zugängliche Förderstätten, zeigt sich nun immer mehr die Kehrseite des tauenden Permafrostbodens im Norden Russlands. Schmilzt der dauergefrorene Untergrund, wird der Boden schlammig und instabil. Straßen sacken ab, Gebäude bekommen Risse und fallen in sich zusammen.

Die Klimakrise ist in Russland bereits spürbar

Schon heute würden Kosten von mehr als hundert Millionen Euro pro Jahr anfallen, um Schäden durch die steigenden Temperaturen zu beseitigen: Insgesamt 36.000 Gebäude, 13.000 Kilometer Straßen, 100 Flughäfen sowie Gas- und Ölpipelines seien durch den matschig werdenden Permafrostboden bedroht, berichten  Forscher im Fachmagazin "Nature Communications".

"Da die eigenen Rohstoffvorräte noch Jahrzehnte reichen und Schlüsselakteure in der russischen Wirtschaft enorme Renten aus diesem Ressourcenreichtum ziehen, hat Russland derzeit wenig Anreize, sich an einer aktiven Klimapolitik zu beteiligen und etwa Fördermengen zu reduzieren", so SWP-Experte Burkhardt.

Kein Wunder, dass die russische Regierung gegen Aktivsten eine harte Linie fährt. Umweltschützer stören nur. Erst vor zwei Wochen wurde bekannt, dass die russische Umweltschützerin Alexandra Koroleva in Deutschland Asyl beantragt hat. Sie verhinderte mit ihrer Organisation Ecodefense den Bau eines Atomkraftwerks.

In Russland drohen ihr nun zwei Jahre Gefängnis wegen Verstoßes gegen das "Auslandsagenten"-Gesetzes. Demnach habe sie im Auftrag ausländischer Geldgeber gegen die russische Regierung operiert. "Zusätzlich zu diesem gewollten politischen Druck sind Umweltschützer immer wieder in regionale und lokale Konflikte verwickelt, weil etwa Proteste gegen Umweltverschmutzung meist auf handfeste kommerzielle Interessen stoßen", sagt Russlandexperte Burkhardt.

Von "Fridays for Future"-Aktivist Arshak Makichyan wurden bisher nur die Personalien aufgenommen und seine Anmeldungen für Demos abgelehnt. Aber er versucht es nun jede Woche aufs Neue. Immer wieder hätten die Behörden eine andere Ausrede parat. Könnte er direkt mit Präsident Putin sprechen, würde er ihm sagen: "Wenn du keinen Klimaschutz machst, müssen wir übernehmen - schließlich ist es unsere Zukunft."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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