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23. Januar 2015, 17:50 Uhr

Knochenanalyse von Urmenschen

Die ersten Feinmechaniker

Die ältesten bekannten Werkzeuge sind 2,6 Millionen Jahre alt. Doch nun zeigt die Untersuchung von Urmenschenknochen: Unsere Vorfahren konnten wohl schon viel früher präzise Handarbeiten ausführen.

Die Vorfahren des Menschen nutzten möglicherweise schon viel früher Werkzeuge als bisher angenommen. Der vor gut drei Millionen Jahren lebende Australopithecus africanus und einige andere Vormenschen-Arten konnten mit ihren Händen wohl bereits präzise greifen und waren somit in der Lage, Steine als Werkzeuge zu benutzen. Das berichtet ein internationales Forscherteam im Wissenschaftsmagazin "Science" nach der Analyse versteinerter Mittelhandknochen.

Die Untersuchung stützt Indizien dafür, dass schon diese Vormenschen Steinwerkzeuge einsetzten, etwa Schnittspuren an Tierknochen. Die ältesten bekannten Steinwerkzeuge sind etwa 2,6 Millionen Jahre alt. Manche Experten glauben, dass Homo habilis - der "geschickte Mensch" - als erste Art Steinwerkzeuge herstellte.

Fleisch schaben

Die Wissenschaftler hatten fossile Überreste dieser Vormenschen zusammen mit Steinwerkzeugen gefunden sowie mit Tierknochen, die Schnittspuren aufwiesen und auf ein Alter von 2,4 Millionen Jahren datiert werden. Sie glauben, dass diese Menschen mit scharfkantigen Steinen Fleisch von den Knochen schabten.

Allerdings haben Archäologen mittlerweile auch Schnittspuren an Knochen gefunden, die auf ein Alter von etwa 3,4 Millionen Jahren datiert werden - und damit wesentlich älter sind als die ersten Funde von Steinwerkzeugen.

Wann Menschen begannen, ihre Hände für den Gebrauch von Werkzeugen einzusetzen, ist unklar. An der äußeren Morphologie der Knochen sei dies schwer abzulesen. Bei vielen Vormenschen ähnelten manche Strukturen der Handknochen der menschlichen Hand, andere aber nicht, schreiben die Wissenschaftler um Matthew Skinner, der unter anderem am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht.

Klettern am Baum

Skinner und Kollegen untersuchten die innere Struktur fossiler Mittelhandknochen bei gegenwärtigen und fossilen Homo sapiens-Menschen, bei Neandertalern, Affen und bei Vormenschen wie Australopithecus africanus. Dabei analysierten sie die Struktur des trabekulären Knochens. Das ist der schwammartige Anteil im Inneren eines Knochens. Anhand der Dichte und Struktur des trabukulären Knochens im Mittelhandknochen lässt sich auf die Stellung der Gelenke und damit auf die Nutzung der Hände schließen.

Die hohe Dichte des trabekulären Knochens bei den Vormenschen ähnele der bei den Affen, berichten die Forscher. Dies lege nahe, dass die Vormenschen ihre Hände noch nutzten, um in Bäumen herumzuklettern. Die Struktur des trabekulären Knochens hingegen erinnere eher an Neandertaler und den frühen Homo sapiens - beides geübte Werkzeugmacher.

Das Ergebnis zeige, dass Australopithecus africanus in der Lage gewesen sei, Daumen und Finger einander gegenüberzustellen. Er konnte mit der Hand gewohnheitsmäßig und kraftvoll Grob- wie Präzisionsgriffe ausführen, wie dies für den Gebrauch von Werkzeugen nötig sei. Werkzeuge seien damit schon mindestens 500.000 Jahre früher eingesetzt worden, als ihre Herstellung nachgewiesen ist, nehmen die Forscher an.

Von Anja Garms, dpa/boj

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