Zahnstein-Analyse Frühmenschen knabberten Baumrinde

Der frühe Mensch hatte eine Vorliebe für Kräuter und Gräser. Das fanden Anthropologen bei der Analyse der Gebisse zweier Vertreter der Vormenschenart Australopithecus sediba heraus. Die Untersuchung des zwei Millionen Jahre alten Zahnsteins offenbarte einige Überraschungen.

Anthropologin Amanda Henry zeigt den Schädel eines A. sediba: Reichhaltiger Speiseplan
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Anthropologin Amanda Henry zeigt den Schädel eines A. sediba: Reichhaltiger Speiseplan


London - Aus heutiger Sicht erscheinen seine Essgewohnheiten ungewöhnlich: Auf dem Speiseplan von Australopithecus sediba standen neben den für Vor- und Frühmenschen üblichen Früchten und Gräsern auch Baumrinde und Holzstückchen. Das zeigen versteinerte Überreste dieser Pflanzen in zwei Millionen Jahre altem Zahnstein, den ein internationales Forscherteam an den Zähnen zweier Vertreter dieser Vormenschenart entdeckt hat.

Auch die Abnutzungsspuren an den Zähnen bestätigen dieses Ergebnis. A. sediba ernährte sich demnach eher wie ein heute lebender Schimpanse und nicht vor allem von Gräsern wie andere Vertreter der Gattung Australopithecus oder die frühen Angehörigen der Gattung Homo. Das sei überraschend, da A. sediba als enger Verwandter dieser beiden gilt, schreiben Amanda Henry vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Gute Konservierung nach Unfall

2008 entdeckten Wissenschaftler in der Malapa-Höhle in der Nähe des südafrikanischen Johannesburg zwei Teilskelette einer bis dahin unbekannten Vormenschenart. Eines gehörte offenbar einem männlichen Jugendlichen, das andere wurde einem älteren weiblichen Individuum zugeordnet. Beide Skelette waren ungewöhnlich gut erhalten, was vermutlich auf ein prähistorisches Unglück zurückzuführen ist: Die beiden scheinen in einen Erdrutsch geraten und dabei verschüttet worden zu sein.

Auf diese Weise wurden unter anderem ihre Zähne so gut konserviert, dass man daran noch Überreste des ursprünglichen Zahnsteins erkennen kann. Das bot den Forschern nun die nahezu einzigartige Gelegenheit, gleich drei Analysemethoden zu kombinieren: Sie untersuchten die Oberflächen der Zähne auf mikroskopisch feine Abnutzungsspuren, bestimmten die Zusammensetzung des Zahnsteins und analysierten, welche Kohlenstoffisotopen im Zahnschmelz eingelagert worden waren. Letzteres gibt Auskunft über Pflanzengruppen, die die Basis der Ernährung eines Lebewesens bilden.

Lieber Wald als Savanne

Insgesamt deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass A. sediba seine Nahrung vor allem in Wäldern und kleinen Gehölzen fand - und nicht in den damals weit verbreiteten grasbewachsenen Savannen, berichten die Forscher. So zeigt die Isotopenanalyse beispielsweise eine klare Vorliebe für Bäume, Sträucher sowie einige Kräuter und weniger für Gräser, wie sie von anderen Homininen bekannt ist.

Im Zahnstein fanden sich zudem sogenannte Phytolithen, winzige versteinerte Pflanzenfragmente, die ebenfalls dieses Szenario stützten: Sie gehörten zu Blättern, Früchten, einigen Gräsern und Palmen. Daneben scheinen die Vormenschen Baumrinde und holzige Stücke von Pflanzen verzehrt zu haben. Das erkläre auch das ungewöhnliche Abnutzungsmuster der Zähne, schreiben die Forscher. Es stimme mit keinem der 81 anderen bereits untersuchten Vor- und Frühmenschen überein und zeige mehr Furchen und Rillen als üblich.

Der ungewöhnliche Speiseplan verrate einiges über das bisher weitestgehend unbekannte Leben von A. sediba, sagen die Forscher. Er scheint beispielsweise ein bewaldetes Gebiet der Savanne vorgezogen zu haben. Dazu passt, dass der Vormensch zwar vermutlich bereits aufrecht gehen konnte, aber noch affenähnlich lange Arme und gekrümmte, kräftige Finger besaß, mit denen er sich beim Klettern festhielt.

Die neuen Ergebnisse sollen nun helfen, die bisher unklare Stellung von Australopithecus sediba im Stammbaum des Menschen und seiner Vorfahren genauer zu bestimmen. Einige Wissenschaftler vermuten, es handele sich um eine Übergangsform zwischen den noch affenartigen Australopithecinen und den frühen Homo-Vertretern, da die Skelette einige urtümliche und einige moderne Merkmale aufweisen. Andere Forscher widersprechen dieser Annahme jedoch: Sie halten A. sediba eher für eine ausgestorbene Seitenlinie der Australopithecinen.

nik/dapd

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
nemaxmutant 28.06.2012
1. London?
Auch wenn Nature aus London kommt, sollte doch da eher Leipzig stehen, denn wie sie selbst feststellen : "...schreiben Amanda Henry vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen..."
Yukikaze 28.06.2012
2. optional
Ich finde immer interessant wie diese Forscher einen solchen Fund interpretieren. Kann es nich sein das es sich hier einfach um zB eine ausgestoßene Mutter mit ihrem Sohn handelt, die sich notgedrungen von diesen Dingen ernähren mussten. Wie kann man da dann gleich auf eine ganze Gattung schließen? Bei sowas denk ich mir immer der Mensch bastelt sich die Ergebnisse sohin wie er es für richtig hält und weiß im grunde gar Nichts.
Sique 28.06.2012
3. Nein.
Zitat von nemaxmutantAuch wenn Nature aus London kommt, sollte doch da eher Leipzig stehen, denn wie sie selbst feststellen : "...schreiben Amanda Henry vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen..."
Wenn SPON eine Pressemitteilung des MPI in Leipzig als Basis für den Artikel genommen hätte, wäre "Leipzig" am Anfang des Textes richtig gewesen. Aber hier wird ein Artikel aus der Nature verwendet, die in London herausgegeben wird.
Koda 28.06.2012
4. Mag schon sein, aber Ihrer Theorie hinkt bereits in einem Punkt
Zitat von YukikazeIch finde immer interessant wie diese Forscher einen solchen Fund interpretieren. Kann es nich sein das es sich hier einfach um zB eine ausgestoßene Mutter mit ihrem Sohn handelt, die sich notgedrungen von diesen Dingen ernähren mussten. Wie kann man da dann gleich auf eine ganze Gattung schließen? Bei sowas denk ich mir immer der Mensch bastelt sich die Ergebnisse sohin wie er es für richtig hält und weiß im grunde gar Nichts.
in einer hauptsächöich von Gras bewachsenen Savanne hätte sich auch Ausgestoßene hauptsächlich von dem ernährt, wovon reichlich vorhanden war => Gräsern.
Flesh-Gordon 28.06.2012
5.
Zitat von YukikazeIch finde immer interessant wie diese Forscher einen solchen Fund interpretieren. Kann es nich sein das es sich hier einfach um zB eine ausgestoßene Mutter mit ihrem Sohn handelt, die sich notgedrungen von diesen Dingen ernähren mussten. Wie kann man da dann gleich auf eine ganze Gattung schließen? Bei sowas denk ich mir immer der Mensch bastelt sich die Ergebnisse sohin wie er es für richtig hält und weiß im grunde gar Nichts.
Ich gehe auch mal davon aus, dass der Frühmensch seine Zähne nutzte, um z.B. Holzwerkzeuge zu bearbeiten. Um das schwer verdauliche und kaum nahrhafte Lignin aus dem Holz aufzuschließen, dürfte sein Magen kaum ausgestattet gewesen sein.
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