Frührente Psycho-Gutachten ist Glückssache

2. Teil: Sind objektive Gutachten überhaupt möglich?


Doch Brooks macht den Kollegen keinen Vorwurf: "Für 130 Euro ist es in der Regel nicht möglich, ein valides Gutachten zu erstellen." Erstellt ein Arzt neben seiner Haupttätigkeit noch zehn oder mehr Gutachten pro Monat, müssen diese seiner Meinung nach zwangsläufig oberflächlich und auf dem Niveau von Willkürentscheidungen bleiben.

"Bei einem Gutachten dürfen nicht nur Symptome gezählt werden, es müssen die Biografie und die aktuellen Lebensumstände eines Patienten analysiert werden, dafür braucht es Zeit", meint Broocks. Für ein fundiertes Gutachten brauche man seiner Meinung nach je nach Kompliziertheit mindestens drei bis sechs Stunden. "Unterhalb von 300 Euro ist da nicht viel zu machen!"

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) teilte SPIEGEL ONLINE auf Anfrage mit, dass es sich bei den 130 Euro lediglich um die Grundvergütung handelt, die ergänzt wird um die Kosten für Zusatzdiagnostik, Schreibgebühren, Porto und Telefonkosten. Die tatsächliche Honorierung der psychiatrischen Fachgutachten liegt laut DRV im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch wie die Grundvergütung.

Gutachter-Honorarsätze zu niedrig?

Michael Linden vom Reha-Zentrum Seehof der Deutschen Rentenversicherung sieht bei der Gutachten-Problematik die Honorarsätze zwar nicht als entscheidenden Punkt, bestätigt aber, dass Gutachten zeitaufwendig sind:

"Ich denke, dass man einem akademischen Arzt so viel pro Stunde zahlen sollte, wie einem Klempner - also 60 bis 80 Euro." Rund fünf Stunden an Aufwand erfordert ein sozialmedizinisches Gutachten dieser Art nach Meinung Lindens. Nach Klempnerstundensatz entspräche dies einem Honorar von rund 300 Euro und läge damit bei Broocks Forderung.

Sorgfältigere Gutachten wären nach Ansicht Broocks auch im Interesse des Rentenversicherers: "Wenn der Gutachter genauer hinsähe, könnte er auch erkennen, ob zum Beispiel ein Rentenbegehren bei dem Patienten vorhanden ist." Mit anderen Worten: Der Psychiater könnte herausfinden, ob der Patient seine Leiden womöglich übertriebener darstellt, als sie sind. Umgekehrt würden Menschen, die wirklich nicht mehr arbeiten können, nicht wegen eines oberflächlichen Eindrucks ungerecht beurteilt.

Doch für Linden steht die Zeit nicht im Vordergrund: "Man braucht keine fünf Stunden, um herauszufinden, ob jemand depressiv ist. Ein erfahrener Gutachter hat schnell eine Idee davon, was los ist." Eher werde ein Großteil der Zeit dafür erfordert, das Papier justiziabel zu machen, "damit das Gutachten unmissverständlich wird und nicht dazu beiträgt, dass sich Rechtsanwälte darüber streiten, was gemeint ist."

"Gutachter sind keine Hellseher"

Doch können Gutachten zu der Psyche eines Menschen wirklich so eindeutig ausfallen? In einer Stellungnahme des DRV zu der Studie heißt es: "Trotz aller Bemühungen um eine einheitliche Leistungsbeurteilung bei psychischen wie auch somatischen Erkrankungen beinhaltet die Komplexität des Themas eine Entscheidungsvarianz." Somit sei eine eindeutige Beurteilung von Menschen mit psychischen Störungen erschwert.

Die Kritik von Broocks und Dickmann hält Linden für übertrieben. Objektive Urteile seien bei solchen Gutachten nicht möglich. Es sei, so schreibt er im Editorial der Fachzeitschrift, bei der Vielfalt der zu berücksichtigenden Informationen "aus grundlagenwissenschaftlichen Überlegungen völlig ausgeschlossen, dass es eindeutige Urteile und zwingende Schlussfolgerungen daraus gäbe".

Zudem sei die Beurteilung der Erwerbsunfähigkeit immer ein Prognoseurteil. Nicht um die Feststellung des aktuellen Zustandes gehe es, sondern um den absehbaren Verlauf einer Krankheit in einem zukünftigen Zeitraum von etwa sechs Monaten. Linden: "Gutachter sind keine Hellseher, sondern können Wahrscheinlichkeitsaussagen machen, die zwischen Null Prozent und hundert Prozent variieren."

Lindens Fazit fällt daher eher defätistisch aus: "Dass man in einem solchen Verfahren als Patient an einen strengen oder einen gutherzigen Gutachter geraten kann, damit muss man leben, so wie man schon in der Schule damit leben musste, dass es strenge und wohlwollende Lehrer gab."



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