"Fuck"-Aufsatz Der Jäger des F-Worts
"Wie oft haben Sie es heute schon gesagt?", fragte der TV-Moderator George Stroumboulopoulos seine Zuschauer. "Zehn Mal, fünfzig oder hundert Mal?". Ins Bild eingeblendet erschien bloß der Schriftzug "die Kraft des F-Worts". Piep. Der kanadische Sender CBC ließ es jedes Mal schrill piepen, wenn Stroumboulopoulos das F-Wort in den Mund nahm - was es nicht eben einfacher machte, dem Interview mit Christopher Fairman zu folgen. Es piepte ziemlich häufig in diesen Minuten.
Der Jurist und Hochschullehrer hat die vielleicht kurioseste wissenschaftliche Arbeit dieses Sommers vorgelegt - die zu einem echten Netzphänomen geworden ist. "Fuck", so kurz und prägnant lautet der Titel seines Aufsatzes.
"Es ist ein dermaßen schlimmes Wort, ich kann nicht einmal einen Verleger für meinen Aufsatz finden", hatte Fairman im April in der CBC gesagt. Obgleich "Fuck" als wissenschaftliche Arbeit enormes Interesse auf sich gezogen hat, stieß der Aufsatz bei juristischen Fachzeitschriften auf Ablehnung. Die "Kansas Law Review" etwa brauchte nur 25 Minuten, um die Einreichung zurückzuweisen.
Nur eine digitale Vorabfassung hat Fairman eigenhändig ins Netz gestellt - wo sie seit März für Rekord-Downloads sorgt. Die PDF-Fassung auf dem Preprint-Server des Social Science Research Network (SSRN) katapultierte Fairman aus dem Stand heraus auf den siebten Platz unter den 1500 meistgelesenen Jura-Autoren bei SSRN. In der Top Ten des Digitalverlegers Berkeley Electronic Press steht der Aufsatz bis heute unangefochten auf Platz eins. Die Titel der übrigen Abhandlungen sind zwar bis zu 34-mal länger, doch kein Aufsatz wurde seit seiner Veröffentlichung häufiger heruntergeladen als Fairmans 74-seitige Studie.
Fünf Jahre Fuck-Forschung im Geheimen
"Es gab Kollegen, die mir nahegelegt haben, den Titel abzuschwächen oder ihn durch einen Euphemismus wie 'F*ck' oder 'F-Wort' zu ersetzen", sagte Fairman zu SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich hatte der Karrierejurist - früher Lehrer, dann Assistent bei Gericht, schließlich Anwalt für öffentliches Recht, Abschlüsse mit höchster Auszeichnung, Gastlehrer in Oxford und preisgekrönt für seine Lehre - lange gezögert. Die Angst, in den USA zwischen die Fronten von politischer Korrektheit und Bigotterie zu geraten, ist nicht ganz abwegig. Erst als er über die Sicherheit einer unkündbaren Anstellung am renommierten Moritz College of Law der Ohio State University verfügte, traute er sich.
Der Auslöser für das alles war ein Bewertungsbogen gewesen. Im Herbst 2001, am Semesterende seines zweiten Jahres als Juradozent, hatte sich ein Student verstört über Fairman gezeigt: Der Dozent habe im Seminar das F-Wort benutzt. Hatte er auch, allerdings als er aus einer Urteilsbegründung zitierte. Wie konnte ein erwachsener Mensch sich darüber nur aufregen? Fairman wurde bei der Wirkung von Fuck hellhörig - und fand Fälle zuhauf.
Im Frühjahr 2002 musste ein ungeschickter Sportler in Michigan Strafe zahlen, weil er laut "Fuck" gerufen hatte, nachdem sein Kanu gekentert war. Im April 2004 verhafteten Bundespolizisten den Verfasser einer Beschwerde-E-Mail an einen Richter, in der das F-Wort vorkam. Im Oktober 2005 ging die Meldung um die Welt, dass eine Passagierin auf einem Southwest-Airlines-Flugzeug verbannt wurde - weil auf ihrem T-Shirt mit den Köpfen des Trios Bush, Cheney und Rice der Slogan "Meet the Fuckers" stand.
Strafe für Bono, freie "Fucks" für Tom Hanks
"Ich verbrachte die nächsten Jahre damit, die massive Überschneidung zwischen dem Gesetz und dem Wort Fuck zu erforschen", sagte Fairman. Der Jurist wälzte Gesetze, Bestimmungen und Urteilsniederschriften. Ein unbedachtes Fuck, so sein Ergebnis, kann den gewöhnlichen US-Bürger gleich in vierfacher Hinsicht vor den Kadi bringen:
- Im Streit um die im ersten Zusatzartikel zur Verfassung verbürgte Meinungsfreiheit,
- bei Verwendung des Wortes in Radio oder Fernsehen,
- als Ausdruck sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und
- im Unterricht an öffentlichen Schulen und Universitäten.
Nur im ersten Fall stehen die Chancen gut, ungestraft davon zu kommen. Zwar habe das oberste Gericht bereits in den sechziger Jahren geurteilt, dass die Verwünschung "Fuck the Draft" als Protest gegen die Einberufung zum Vietnamkrieg vom Recht auf freie Rede geschützt sei, sagte Fairman. Doch in den drei anderen Rechtsgebieten bringt das vierlettrige Wort regelmäßig US-Bürger in die Bredouille. "Die Gesetzeslage ist ein einziger Schlamassel", sagte Fairman zu SPIEGEL ONLINE.
Besonders erzürnen den Juristen die Rundfunkregulierer der Federal Communications Commission (FCC). Dem Sänger der irischen Popgruppe U2, Bono, habe die FCC für seinen Auftritt bei der live ausgestrahlten Verleihung der Golden-Globe-Preise im Jahr 2003 ("Fucking brilliant!") nachträglich eine Strafe aufbrummen wollen - und in Folge dessen die Benimmregeln für Live-Sendungen drastisch verschärft. Währenddessen fielen in Spielfilmen wie "Der Soldat James Ryan" mit Tom Hanks reihenweise F-Worte, ohne dass die FCC eingreife.
Warum aber die vier Buchstaben F, U, C und K in der Lage sind, die Gemüter dermaßen zu erhitzen, das konnte sich Fairman allein aus den Paragraphen nicht erklären. "Ich musste mich anderen Disziplinen wie Sprachforschung und Psycholinguistik zuwenden", sagte er. Im Kapitel "Fuck History" geht er auf die Spurensuche.
"Vicken" und eine altägyptische Verwünschung
Die Geschichte des bewussten Wortes ist nebulös: Ein englisches und ein schottisches Gedicht aus dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert werden als erste Fundstellen in der englischen Schriftsprache gehandelt. Einige Wissenschaftler beziehen Fuck auf das germanische Wort für klopfen, das verwandt ist mit dem Altniederländischen "ficken" und dem Mittelhochdeutschen "vicken". Ebenso werden italienische, französische und keltische Wurzeln diskutiert.
Für Rechtsgelehrte besonders interessant dürfte indes ein möglicher Ursprung im Altägyptischen sein, von dem Fairman berichtet. Zur Zeit der letzten Dynastien des Nilreichs seien juristische Schriftstücke mit einer expliziten Verwünschung besiegelt worden: "Wer dies missachtet, soll von einem Esel gefickt werden." Als Hieroglyphe für diesen drastischen Umstand hätten zwei gekreuzte Phalli gedient.
Beschwört das Wort immer gleich Sex herauf? Hunderte von Verwendungen und eine Erklärung für den bigotten Umgang mit Fuck
Erst in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde Fuck zum Gegenstand der Psycholinguistik. An der New Yorker Columbia University unterschied der Englischprofessor Allen Read: Obszön ist nicht, was in einem Wort liegt, sondern einzig seine Verwendung. In den fünfziger Jahren näherte sich der Psychologe Leo Stone dem Fuck psychoanalytisch - und spekulierte über den Reim auf das Verb suck (saugen). Der Freudianer Ariel Arango sah im Fuck gar einen verbalen Ausdruck des Ödipus-Komplexes und warnte, die alltägliche Verwendung könne bei Vätern und Söhnen "schlafende Hunde" wecken.
Doch ist das Wort Fuck tatsächlich die immergleiche Heraufbeschwörung des Körperlichen, eine Dauervergegenwärtigung der Kopulation? Nein, sagt Fairman und zitiert das Standardwerk "The F-Word" von Jesse Sheidlower, der hauptberuflich das Oxford English Dictionary zusammenstellt. Er hat Hunderte von Verwendungen und Varianten des F*** (so steht es auf dem Buchcover) gesammelt - die wenigsten mit direkter sexueller Konnotation. "Aus der Linguistik wissen wir, dass es für Fuck viele Bedeutungen und Verwendungen gibt, und die meisten haben nichts mit Geschlechtsverkehr zu tun", resümiert Fairman.
Erst übereifrige Gesetzgebung verleiht Fuck seine Macht
Dennoch bereite es einen gewissen Nervenkitzel, das Wort auszusprechen. Das gelte für jene, die es möglichst meiden, ebenso wie für jene, die es häufig benutzen. Die reflexhafte Reaktion auf das Wort Fuck - die sich letztlich auch in der inkonsistenten, übertriebenen Gesetzeslage ausdrücke - müsse mit einem kulturellen Tabu erklärt werden. Fairmans Analyse zeigt, wie der Umgang mit Fuck bis heute mit Sanktionen belegt wird - ein typisches Merkmal eines Tabus.
Auch wer das Wort gezielt einsetze, um zu beleidigen, zu provozieren, um Aufmerksamkeit zu erregen, der verhalte sich noch entsprechend. Psycholinguisten sprechen hier vom invertierten Tabu. Dieses Verhalten kann aber nicht ohne Strafandrohung bestehen. "Das Tabu wird erst durch das Gesetz institutionalisiert, und gleichzeitig gibt es Spannungen mit anderen Rechtsgütern", sagt Fairman. Ironisch: Erst die unverhältnismäßige Reaktion des US-Gesetzgebers macht Fuck zu dem, was es heute ist.
Ebenso wurde "Fuck" erst durch die Berührungsängste der Fachzeitschriften zu dem, was es heute ist - dem interessantesten ungedruckten academic paper des Sommers. Jura-Blogger verbreiteten Fairmans Geschichte flugs, bald wurden auch Mainstream-Blogs wie BoingBoing darauf aufmerksam. Schließlich schaffte sie den Sprung in die etablierten Medien - wenngleich nur außerhalb seiner Heimat. "Traurigerweise haben sich die US-Medien nicht mit dem Artikel auseinandergesetzt", sagte Fairman. "Vielleicht aus Furcht, sich dem Thema der Selbstzensur stellen zu müssen - denn das ist ja der Kern meiner Hypothese."
Unter den meistzitierten im ganzen Land seien die Gelehrten des eigenen Jura-Fachbereichs, warb das Moritz Law College im September auf seiner Website stolz. Und nach den Download-Rekorden des Sommers könnte nun im Herbst auch Fairmans "Fuck" auf ganz respektable Art den Ruhm seiner Alma Mater mehren. "Zu guter Letzt habe ich einen Verleger gefunden", sagte er. In der juristischen Fachzeitschrift "Cardozo Law Review" aus New York wird der Aufsatz abgedruckt - unter demselben, vierbuchstabigen Titel.