Fünf Jahre Weltklimaabkommen von Paris Das ist erst der Anfang

Verzweifelten Außenministern, mutigen Wissenschaftlern und geschickten Diplomaten gelang vor einem halben Jahrzehnt das Unmögliche: 195 Länder verpflichteten sich zur Rettung des Planeten. Ist die Welt auf Kurs?
Manchmal liegen die Nerven blank: Ein Klimaaktivist protestiert auf einer Uno-Klimakonferenz gegen lasche Klimapolitik

Manchmal liegen die Nerven blank: Ein Klimaaktivist protestiert auf einer Uno-Klimakonferenz gegen lasche Klimapolitik

Foto: STEPHANE DE SAKUTIN/ AFP

Einen Tag nachdem sich in Paris fast 200 Staaten auf einen gemeinsamen Uno-Klimavertrag geeinigt hatten, zeigte die Messstation am pazifischen Vulkan Mauna Loa auf Hawaii eine CO -Konzentration von 402 ppm  (parts per million, Teile pro Million) in der Atmosphäre an. Es war der 13. Dezember 2015. Das Jahr schloss mit einem neuen Rekord: Erstmals stabilisierten sich die Messwerte über der Marke 400.

Seitdem ist es trendy, Geburtstage oder Jubiläen mit einem Hinweis auf den historischen ppm-Stand anzugeben (die Autorin ist 1980 geboren bei 337 ppm). Die Anzahl der CO2-Teilchen in der Atmosphäre ist die neue Zeitrechnung für Klimanerds: Sie zeigt an, wie stark wir den Deponieraum Atmosphäre schon vollgemüllt und den Klimawandel angeheizt haben.

Die Schwelle von 400 ppm haben wir fünf Jahre später hinter uns gelassen. Seit dem berühmten Satz des französischen Außenministers Laurent Fabius  am frühen Abend des 12. Dezember: »L'accord de Paris pour le climat est accepté« (»Der Klimavertrag von Paris ist angenommen«) sind die Werte in Hawaii auf 413 ppm gestiegen. Klimaforscher warnen, dass es ab 450 ppm richtig ungemütlich wird: Spätestens dann könnte die Welt das Zwei-Grad-Ziel reißen – also die globale Durchschnittstemperatur zwei Grad über das vorindustrielle Niveau steigen. Damit werden Extremwetter und ökologische Kettenreaktionen wahrscheinlicher, die niemand mehr kontrollieren kann.

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Die Welt schaut auf Paris: Fünf Jahre Weltklimavertrag

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Das wussten auch die Staaten, als sie sich vor fünf Jahren im Pariser Vorort Le Bourget trafen und zwei Wochen über den ersten Weltklimavertrag berieten. Die Gespräche waren kompliziert: Erstmals sollte der Vertrag für alle Länder der Erde gelten – für die mächtigen USA ebenso wie für die pazifischen Marshallinseln. An seinem Vorgänger, dem 1997 beschlossenen Kyoto-Protokoll, waren nur Industriestaaten beteiligt, die nach und nach ausstiegen. Die größten Verschmutzer USA, China und Indien unterschrieben Kyoto nie. Paris sollte es nun besser machen.

»Die wichtigste Reise meines Lebens«

Die Konferenz in Frankreich war im Gegensatz zu Kyoto ein Event der Superlative: Zehntausende Teilnehmerinnen waren mit großen Erwartungen angereist – trotz der Terroranschläge in der französischen Hauptstadt mit 137 Toten – und das nur wenige Wochen vor Konferenzbeginn.

Der Außenminister der Marschallinseln, Tony de Brum, erklärte damals: »Diese Klimakonferenz ist die wichtigste Reise meines Lebens.« Weil die Heimat des damals 70-Jährigen vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht ist, machte de Brum eine Einigung von Paris zu seiner Lebensaufgabe. Die Verzweiflung war dem alten Mann mit dem schlohweißen Haar und den sanften Augen anzumerken: Er redete nicht im glatten Politsprech, sondern wie ein Mann mit einem persönlichen Anliegen.

Sein kleines – und im Vergleich zu China, den USA oder der EU – machtloses Land schaffte auf der Konferenz eine Sensation: In Artikel zwei des Vertrags verhandelte der Diplomat das 1,5-Grad Ziel hinein. Die Staaten verpflichteten sich damit, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur unter zwei Grad zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, möglichst bei 1,5 Grad zu bleiben. Ein nicht unwesentliches Detail.

Der Verbrüderungsmoment fürs Klima währte nicht lang.

Kurz vor der Abreise sagte Tony de Brum noch, er habe es nun geschafft und wolle sich aus der Politik zurückziehen. Er habe vor, den Rest seines Lebens am Strand zu sitzen und zu angeln. Das tat er auch und verstarb zwei Jahre später. Das von ihm verhandelte 1,5-Grad-Ziel ist zwar immer noch im Pariser Vertrag, aber mittlerweile halten es selbst Klimaforscher für unwahrscheinlich, dass es noch zu schaffen ist.

Das historische Zeitfenster »kurz vor Trump«

Seit Paris erreichen die globalen Emissionen jedes Jahr neue Rekordmarken. Mit 59 Gigatonnen bildet 2019 vorläufig einen neuen Höchststand.

Trotzdem war die Konferenz ein Erfolg – zumindest ein diplomatischer. Die Einigung geschah in einem historischen Zeitfenster: Der Demokrat Barack Obama, hoch motivierte europäische Unterhändler, darunter auch die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks und EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete, sowie eine relativ offene chinesische und indische Führung. Und nicht zu vergessen: die französischen Gastgeber, die hohes diplomatisches Geschick bewiesen.

Dieser Verbrüderungsmoment fürs Klima währte nicht lang: Ein Jahr später hatten die USA den Klimaleugner Donald Trump als Präsidenten. Eine Konferenz wie in Paris hätte es mit ihm nicht gegeben.

Doch Trump konnte die Dynamik nicht mehr aufhalten: Die meisten Länder ratifizierten den Pariser Vertrag im Rekordtempo. Auch Klimapläne reichten fast alle Staaten ein. Die Bewältigung der Klimakrise stand unter einem guten Stern.

"Die Realität hat den Vertrag überholt"

Hans-Joachim Schellnhuber, Klimaforscher und ehemaliger Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung

»Paris war der archimedische Punkt, weil mit dem Vertrag eine neue Logik entstand: Die Staaten gingen nicht mehr davon aus, was sie erreichen, sondern was sie unbedingt verhindern wollen – nämlich eine Welt jenseits von zwei Grad«, sagt der Klimaforscher und ehemalige Berater von Bundeskanzlerin Merkel, Hans-Joachim Schellnhuber, im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Am 11. Dezember 2015 stand der heutige Direktor Emeritus des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in Le Bourget im Blitzgewitter der internationalen Presse. Zusammen mit anderen Spitzenforschern erklärte er: »Eigentlich müssen die Minister der Industriestaaten am Montag nach Hause fahren und sofort anfangen, an nationalen Dekarbonisierungsplänen zu arbeiten«. Zumindest der Norden müsse bis 2050 CO2-frei wirtschaften.

Klimaneutralität im Jahr 2099

Was damals noch wie ein aktivistisches Postulat klang, ist mittlerweile real: Seit gut einem Jahr gibt es immer mehr Länder, die bis 2050 klimaneutral werden wollen, darunter auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die EU insgesamt, Kanada und Japan. »Die Realität hat den Vertrag überholt«, sagt Klimaforscher Schellnhuber heute. Im Vertrag stehe, dass die Staaten »in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts« klimaneutral werden müssten. »Das hätte theoretisch auch 2099 sein können.«

Positiv ist auch, dass sich bisher kein Land aus dem Vertrag verabschiedete – außer den USA. Die wollen nun aber dank des neuen Präsidenten wieder eintreten. Die Unkenrufe, dass nach den USA auch Brasilien unter dem Klimaleugner Jair Bolsonaro austrete und danach andere Länder folgen würden, haben sich nicht bewahrheitet.

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Es geht trotzdem viel zu langsam: In der Summe reichen die Vorhaben der Länder, den CO2-Ausstoß zu senken, nicht aus. Schon im vergangenen Februar sollten deshalb sämtliche Klimaziele nachgeschärft werden, nur eine Handvoll Staaten hat das auch gemacht. Außerdem sind nach vier weiteren Uno-Konferenzen seit 2015 und einer auf 2021 verschobenen Konferenz in Glasgow wichtige Details des Vertrages immer noch nicht ausgehandelt.

Paris-Vertrag: der unterschätzte Papiertiger

Nun haben fast 130 Länder versprochen, sich mehr anzustrengen. Großbritannien hat extrem strenge Klimaziele von 68 Prozent Reduktion bis 2030 vorgelegt, und die EU hat ihr Klimaziel ebenfalls deutlich erhöht. Auf dem digitalen Uno-Gipfel, dem Climate Ambition Summit  am Samstag wird es wieder neue Ankündigungen geben, 70 Regierungsvertreter wollen Videobotschaften schicken.

Das Problem: Die Abmachungen der Uno bleiben ein zahnloser Papiertiger, da alles Handeln auf Freiwilligkeit beruht. Noch Monate nach Paris sprachen Uno-Diplomaten deshalb davon, das »Momentum von Paris« lebendig zu halten, später kam der sogenannte Talanoa-Dialog dazu – ein Südsee-Diskussionsmodell, bei dem sich alle Teilnehmer auf gleicher Augenhöhe sprechen – und dann rief die Uno sogenannte Klima-Champions aus, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten.

Nüchtern betrachtet sind das alles recht hilflose Versuche, die Vertragsstaaten bei Laune zu halten. Wenig kann sie davon abhalten, schwache Klimaziele abzugeben oder diese am Ende nicht einzuhalten. Die Idee, über eine spirituelle Dynamik eine globale Transformation anzuzetteln, ist recht naiv. Doch gerade weil niemand »gezwungen« wird, hat es überhaupt einen Vertrag gegeben.

Aus Verhandlungskreisen kommen heute weitaus pragmatischere Töne: Mit Technologiepartnerschaften will man Länder wie Indien nun dazu bringen, weiter mitzuziehen. Außerdem spielt Klima auch bei anderen Treffen wie den G20-Gipfeln eine Rolle, wenn es um das Ringen von Kompromissen bei anderen Themen geht.

Nicht zuletzt kommt es auf die Wählerinnen und Wähler an: Je mehr Polterer wie Trump und Bolsonaro ins Amt kommen, desto schwieriger wird es in der Klimapolitik. Einige autoritär regierte Länder wie Saudi-Arabien oder Russland lassen sich ohnehin wenig von der Weltgemeinschaft sagen. Sie kann man nur überzeugen, wenn CO₂ zu einer echten Loser-Währung wird.

Ein kluges Mittel gibt es noch: Juristen haben in den vergangenen Jahren ausgelotet, ob die völkerrechtliche Vereinbarung von Paris für Klagen gegen nationale Regierungen taugt. Tatsächlich wimmelt es in dem Abkommen von »should«, also »sollte« und »sich bemühen«. Das Gegenteil von »muss« und »sich verpflichten«. Aber die sogenannten Klimaklagen reißen nicht ab. Damit könnte der Uno-Papiertiger vielleicht doch noch zu einer echten Autorität werden.