Fünfjahresplan der Volksrepublik Warum Chinas CO₂-Emissionen weiter steigen

China will bis 2060 klimaneutral werden. In Pekings neuem Fünfjahresplan ist davon nicht viel zu sehen. Vor allem von der klimaschädlichen Kohle kann das Land nicht lassen.
Kohlekraftwerk in Ningxia Hui, Nordchina.

Kohlekraftwerk in Ningxia Hui, Nordchina.

Foto: STRINGER SHANGHAI/ REUTERS

Als der chinesische Regierungschef Li Keqiang den jährlichen Volkskongress in Peking am Freitag eröffnete, lag laut Beobachtern eine dicke Smogwolke über der Stadt. Vor den 3000 Abgeordneten präsentierte Li Keqiang dann den 14. Fünfjahresplanes der Republik. Wichtigster Punkt: Trotz der globalen Rezession will China in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von mehr als sechs Prozent erreichen. Auch in den nächsten Jahren will das Reich der Mitte hoch hinaus: Die chinesische Führung setzt auf ungebremstes Wachstum, um neben den horrenden Ausgaben für den Militärhaushalt auch die Binnennachfrage zu stärken und laut Li Keqiang »neue Nachfrage zu generieren«.

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Doch Chinas Wachstum hat einen hohen Preis: Das Land ist der weltgrößte Verursacher von Treibhausgasen und für rund ein Viertel des weltweiten Ausstoßes verantwortlich. Ob die chinesische Regierung demnächst eine CO2-freundliche Wirtschaft aufbaut, könnte über die Zukunft des Weltklimas mit entscheiden.

Nach einer grünen Wende sieht es trotz des massiven Zubaus von Wind und Solaranlagen aber erst einmal nicht aus: Vor der Pandemie erreichte das Land mit einem Ausstoß von zehn Milliarden Tonnen CO₂  einen historischen Höhepunkt. Die Internationale Energieagentur (IEA)  jedoch geht davon aus, dass dieser Wert trotz der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr überschritten wurde.

Zum Vergleich: Die Europäische Union bläst rund ein Drittel der chinesischen Emissionen in die Atmosphäre. Zählt man allerdings den CO2-Ausstoß pro Kopf, liegt etwa Deutschland mit rund neun Tonnen vor China. Jeder Chinese verbraucht »nur« sieben Tonnen pro Kopf und Jahr – Tendenz steigend.

Chinas schmutziges Wachstum

Das Klimaschutzproblem Chinas ist sein ungebremstes fossiles Wachstum durch Kohle-, Öl- und Gasverbrennung. Das ändert sich auch im neuen Fünfjahresplan kaum: Die Abkopplung des CO2-Verbrauchs vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zwar vorgesehen, aber nicht ausreichend. Pro BIP-Einheit sollen die CO2-Emissionen zwischen 2020 und 2025 um 18 Prozent sinken. Dieses Ziel gab es bereits im vergangenen Plan, konnte aber den massiven CO2-Anstieg der vergangenen Jahre nicht verhindern.

Auch im neuen Plan gibt es keine Verpflichtung, den CO2-Ausstoß in absehbarer Zeit zu begrenzen oder eine Obergrenze festzulegen. Erneuerbare Energien sollen in den nächsten Jahren 20 Prozent des Energiemixes erreichen – damit sind aber die restlichen 80 Prozent immer noch fossil. Im Plan würden laut Experten Wind, Sonne und Biogas genauso wie Kohle, Öl und Gas als Wachstumsgarant beworben.

Neu ist allerdings der Fokus auf sogenannte saubere Kohle oder CO2-freies Öl und Gas. Dafür forscht China an Technologien, die Abgase nach dem Verbrennungsprozess abscheiden und später unterirdisch gelagert werden. Auch in Europa entstehen gerade Pilotprojekte dieser CCS-Technologie  (Carbon Capture and Storage). Derzeit ist CCS aber noch im Entwicklungsstadium und frühestens in zehn Jahren im großen Stil marktreif.

Die meisten Beobachter rechnen deshalb damit, dass die klimaschädlichen Emissionen Chinas weiter stark ansteigen: Durch ein jährliches Wachstum von nur fünf Prozent könnten die Emissionen bis 2025 um zehn Prozent zunehmen, schätzen etwa die britischen Marktanalysten von Refinitiv Carbon .

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»Der Fünfjahresplan ist ein enttäuschendes Ergebnis für die internationale Klimagemeinschaft«, kommentiert auch Klimaexperte Swithin Lui von Climate Action Tracker und dem in Berlin ansässigen New Climate Institute gegenüber dem SPIEGEL. »Bei der Kohlenstoffintensität des Wachstums gibt es gegenüber dem vorherigen Plan keine Fortschritte«, so Swithin Lui. Die massive Förderung von Kohle, Öl und Gas sei nicht mit dem Weltklimaabkommen vereinbar und bestätige Chinas Absicht, auch bis 2030 kräftig weiterzuwachsen.

China will in 40 Jahren keine Tonne CO₂ mehr ausstoßen

Der unambitionierte Plan ist dennoch überraschend. Denn Klimapolitik ist der chinesischen Führung keinesfalls egal. Bereits im September hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping größere Anstrengungen im Kampf gegen die Klimakrise versprochen. Sein Land wolle »vor 2060« die Klimaneutralität schaffen. Auch solle der Ausstoß von Kohlendioxid schon »vor 2030« den Höhepunkt erreichen.

Doch das ist genau der Haken: Im Pariser Klimaabkommen erklärt China, dass seine Emissionen noch bis 2030 wachsen. Experten hoffen seit Langem, dass der Staat das Ziel vorzeitig erfüllen wird (mehr dazu lesen Sie hier). Die EU drängt China beispielsweise seinen CO2-Ausstoß bereits ab 2025 zu senken.

Deutschland und die gesamte Europäische Union haben als Ziel für eine CO₂-Neutralität bislang das Jahr 2050 ausgegeben. In den meisten Ländern sollen die Emissionen bis 2030 sinken – Streit gibt es nur darum, wie viel jeder beisteuert.

China jedoch ist weit entfernt davon, seine Emissionen zu senken. Das Land kann das nächste Jahrzehnt unbegrenzt mehr CO ausstoßen. »Nichts deutet im neuen Fünfjahresplan darauf hin, dass China den Höhepunkt seiner Emissionen bereits früher als 2030 erreichen wird«, erklärt Klimaexperte Swithin Lui.

Climate Action Tracker kritisiert in seinem aktuellen Länderbericht zu China  vor allem die fehlende Abkehr des Landes von der Kohle. Das Land unterstütze weiterhin die Förderung von Kohle und den Bau neuer Kraftwerke: Allein im ersten Halbjahr vergangenen Jahres bauten die Chinesen mehr Kohlekraftwerke als 2018 und 2019 zusammen. China sei damit der weltgrößte Geldgeber für Stein- und Braunkohle – und das in Zeiten, in denen immer mehr Länder, darunter EU-Staaten und auch die USA, aus wirtschaftlichen Gründen aus der Kohle aussteigen.

Auf dem Weg nach Glasgow

China muss seinen Fahrplan in die Klimaneutralität noch in diesem Jahr beim Uno-Klimasekretariat einreichen. Im November treffen sich die Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens in Glasgow für den ersten Uno-Klimagipfel seit 2019. Die Länder müssen alle fünf Jahre neue Klimaziele vorlegen, um die Lücke zum 1,5- oder Zwei-Grad-Ziel zu schließen. Immerhin haben einige Länder, darunter die EU, Großbritannien, Argentinien, Chile, Norwegen, Kenia und die Ukraine, ihre Ziele bereits nachgebessert. Neben China fehlt auch noch der zweitgrößte Verschmutzer: die USA.

Die bisherigen Zielerhöhungen sind keinesfalls ausreichend: Eine Analyse der bereits eingereichten Klimapläne zeigt, dass damit die globalen Emissionen bis 2030 nur um ein Prozent gegenüber dem Jahr 2010 reduziert würden. Der Weltklimarat (IPCC) hat berechnet, dass für das 1,5-Grad-Ziel eine Reduktion um 45 Prozent nötig wäre, für das Zwei-Grad-Ziel müssten die Emissionen um 25 Prozent sinken.

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