Fürbitten für Kranke Beten bis zum Tod

Wirken Gebete positiv auf die Genesung Kranker? Nein, haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden. Die Anrufung Gottes kann sogar schädlich sein: Weiß der Kranke von den Fürbitten, kann sich dadurch sein Komplikationsrisiko erhöhen.
Von Stefan Schmitt

Herzbypass-Operation, ein Angehöriger muss unters Messer, auch in Zeiten von Hightech-Medizin keine Kleinigkeit. Wer würde es Freunden und Familie verdenken wollen, für den Kranken zu beten? US-amerikanische Forscher veröffentlichen nun die bislang ausführlichste Studie zu der Frage, ob fürsprechende Gebete auch tatsächlich die Heilchancen erhöhen. Die Ergebnisse bereiten ihnen einige Schwierigkeiten in der Formulierung - und dürften vor allem ihren religiös-rechten Geldgebern wenig Freude bereiten: Beten nützt nichts, es könnte sogar schädlich sein.

1800 Bypass-Patienten, fast zehn Jahre Studienzeit, Wissenschaftler angesehener Universitäten, etwa von der Harvard Medical School oder der Mayo Clinic in Rochester (US-Bundesstaat Minnesota): "Step" ist kein akademisches Leichtgewicht. Die "Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer" ("Studie zum therapeutischen Einfluss fürsprechenden Betens") sollte sich durch rigoros wasserdichte Durchführung von jener Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen absetzen, die in den vergangenen Jahren in die Schnittstelle von Spiritualität und Medizin vorgestoßen waren. Allein die US-Regierung hat seit dem Jahr 2000 rund 2,3 Millionen US-Dollar für die Erforschung des Betens ausgegeben, wie die "New York Times" berichtet.

Bei bisherigen Untersuchungen war oft nicht einmal methodisch getrennt worden, ob der Verlauf einer Genesung von den Gebeten selbst beinflusst worden sein könnte, oder ob vielmehr das Wissen des Patienten um die Fürsprache Dritter Einfluss auf die Heilung hatte.

Die "Step"-Forscher um Herbert Benson und Jeffrey A. Dusek gewannen drei unterschiedliche christliche Gemeinden für ihr Großprojekt: Gläubige in Minneapolis, Massachussets und Missouri beteten für die Kranken, von denen sie bloß den Vornamen und den Anfangsbuchstaben des Nachnamens kannten. Zwar durften die Teilnehmer frei nach ihrer religiösen Gewohnheit das Fürsprachegebet gestalten. Eine einzige Bedingung aber stellten die Wissenschaftler: Im Gebet musste die Bitte um "eine erfolgreiche Operation mit einer schnellen gesundheitlichen Genesung und ohne Komplikationen" enthalten sein.

Ihre 1800 Probanden teilten die Forscher in drei Gruppen von jeweils rund 600 Operationskandidaten auf: Für die 605 Patienten der ersten Gruppe wurde gebetet. Die Patienten wussten zwar von dem Gebetsversuch, nicht aber, ob tatsächlich sie es waren, für die gebetet werden sollte. Die Mitglieder von Gruppe zwei mit 597 Patienten waren ebenso unsicher, ob sie zu den Bebeteten gehörten. Dies war nicht der Fall. Die 601 Probanden aus der dritten Gruppe schließlich wurden in die Gebete der Gemeinden eingeschlossen und auch darüber informiert.

Fürbitten oder nicht - der Unterschied ist gering

Für skeptisch gesinnte Wissenschaftler dürfte das Hauptergebnis der Studie nicht überraschend sein: In Gruppe eins traten bei 52 Prozent der Patienten Komplikationen auf, bei Gruppe 2 waren es 51 Prozent. "Kein Einfluss auf die komplikationsfreie Genesung", mussten die Autoren der Studie einräumen. Viele von ihnen gehören zu jenen Medizinern, die prinzipiell messbare Heilfortschritte durch spirituelle Praktiken für möglich halten.

Ihnen muss der Vergleich zwischen Gruppe eins (in Gebete eingeschlossen, aber nicht informiert) und Gruppe drei besonderes Unbehagen bereiten: 59 Prozent der Patienten, die über die Fürsprache durch fremde Gläubige informiert waren, erlitten Komplikationen - mehr als alle anderen.

"Hier ist die Datenlage kontra-intuitiv", schreibt Mitchell W. Krucoff von der Duke University in einem Kommentar, der ebenso wie die Studie selbst im "American Heart Journal" erscheint. "Die Annahme, die dem Analyseplan zugrunde lag, war, dass heimliches Beten effektiv und nicht verheimlichtes Beten noch effektiver wäre." Offenbar ist jedoch das Gegenteil der Fall.

Die Autoren der Studie mutmaßen, dass in Gruppe drei das Wissen um die fremde Fürsprache einen gewissen Leistungsdruck ausgelöst haben könnte - und damit Stress, der die Genesung behinderte.

Die Autoren spielen das jedoch herunter, kritisiert Kommentator Krucoff. Tatsächlich behauptet das "Step"-Team, die mathematisch signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen eins und drei "könnten Zufall gewesen sein". Ein trüber Fleck in der sonst tadellosen Studie, so Krucoff.

Geldquelle religiös, Ergebnis atheistisch

Noch mehr als Gebeten aufgeschlossenen Ärzten dürfte aber dem Sponsor von "Step" das Ergebnis missfallen: 2,3 Millionen US-Dollar schoss die Templeton Foundation zu den Kosten der Studie bei. Die Stiftung wurde 1987 von dem religiösen Investmentbanker John Templeton gegründet und unterstützt Forschung im Grenzbereich zwischen Metaphysik und Wissenschaft. Auch umstrittene Filme wie Mel Gibsons "Die Passion Christi" wurden aus dem Topf des erzkonservativen Stifters belohnt. Mit dem "Templeton Prize" hatte er bereits 1972 einen Coup gelandet: Ausgeschrieben als Anerkennung für "Fortschritte in der Religion", war er mit einem höheren Preisgeld versehen als der Nobelpreis.

"Das ist Geldverschwendung und es trivialisiert religiöse Erfahrungen", schimpfte etwa Richard Sloan, Medizinprofessor an der New Yorker Columbia University, in der "Washington Post". Das Grundproblem sei, dass sich religiöse Phänomene der Überprüfung durch die Wissenschaft grundsätzlich entzögen.

Das ist nicht nur so, weil sich metaphysische Konstrukte objektiver naturwissenschaftlicher Messung zumeist entziehen. Wenn Verfechter religiöser Lehren die Methode der Wissenschaft ernst nehmen, droht ihnen prinzipielles Ungemach: So müssten sich die Autoren der "Step"-Studie fragen lassen, ob ihre Untersuchung wirklich unter kontrollierten Bedingungen stattfand. Wenn Beten doch wirkte, dann wären die Probanden nicht bloß den drei Testbeter-Gemeinden ausgesetzt gewesen. Allgemeine Fürbitten für die Armen und Kranken der Welt, wie sie etwa im katholischen Ritus existieren, könnten dann die Ergebnisse solcher Studien völlig verzerren - quasi als omnipräsentes frommes Hintergrundrauschen.

Um solche Störeinflüsse auszuschließen, müssten Forscher künftiger Studien wohl die Gläubigen auf der ganzen Welt um eine Gebetspause bitten - und dieses Studiendesign würde bereits am Ethikrat scheitern.

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