Fürstenfetisch Forscher suchen Rezeptur für Barockleder

Sachsens Kurfürsten wie August der Starke standen auf lederbezogene Wände. Die Luxustapeten haben in den vergangenen 300 Jahren jedoch Schaden genommen und sollen restauriert werden. Wissenschaftler fahnden nun nach der einst genutzten Gerbtechnik.


Beim Anblick einer Wanne voller gräulich-fleischiger Kalbshäute ist einige Phantasie nötig, um sich das künftige Leder als barocke Tapete im Schloss Moritzburg vorzustellen. In einer Wanne in der hauseigenen Gerberei des Freiberger Forschungsinstituts für Leder und Kunststoffbahnen ( FILK) schwimmen die schwabbeligen Tierhäute in einer trüben Lake.

Fachleute der Einrichtung sind derzeit auf der Suche nach einer Rezeptur, um mit rein pflanzlichen Gerbstoffen ein Leder wie zu Zeiten von Sachsens Kurfürst August dem Starken (1670-1733) herzustellen. Die Tierhäute sollen künftig zur Restaurierung der prachtvollen barocken Ledertapeten im Jagdschloss Moritzburg bei Dresden dienen. Zugleich ist dieses traditionell gegerbte Leder ein Material, das bei Restauratoren in der ganzen Welt gefragt ist.

"Wir versuchen, ein 300 Jahre altes Leder nachzumachen", erläutert Fachbereichsleiter Michael Meyer. Die Schwierigkeit dabei sei, dass historische Gerbverfahren heute kaum noch bekannt seien. Zudem habe schon damals jeder Handwerker seine Geheimnisse gehabt: "Es steht einfach nicht drauf, wie die das damals gemacht haben."

Während Gerbereien heute vor allem mit Chromsalzen arbeiten, seien früher pflanzliche Substanzen wie Eichenextrakt zum Einsatz gekommen. Dadurch entstand so etwas wie Öko-Leder, das Verfahren belastete die Umwelt deutlich weniger als die heutigen Methoden. Auch hingen die Häute früher oft über Jahre unbewegt in der Gerbflüssigkeit, während dieser Vorgang heute mittels einer Trommel auf wenige Tage verkürzt werde, erklärt Meyer.

Wegwerfprodukt Leder

Ferner sei das Rohmaterial anders. Heutzutage würden Kälber in Stallhaltung aufgezogen, während die Tiere einst auf der Weide gehalten wurden. All diese Faktoren wirkten sich auch auf die Beschaffenheit des Leders aus. "Früher war Leder ein langlebiges Material. Heute kaufen sich die Leute alle paar Monate neue Schuhe", sagt Meyer. Entsprechend seien daher die Ansprüche der Kunden an die Beständigkeit von Leder gewesen.

Auslöser für das auf drei Jahre angelegte, von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderte Forschungsprojekt ist ein Spleen der sächsischen Kurfürsten und vieler ihrer Zeitgenossen. Sie erlaubten sich einst den Luxus, die Wände ihrer Paläste mit aufwendig bemalten, geprägten und gepunzten Tierhäuten verschönern zu lassen.

Doch liegt dies mehrere Jahrhunderte zurück, so dass viele der opulenten Moritzburger Ledertapeten heute von Insekten angefressen, verschmutzt, beschnitten und durchlöchert sind. Die Restauratorin Gabriele Hilsky ist seit einigen Monaten damit beschäftigt, die Tapeten zu untersuchen und gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Schulze vom Landesamt für Denkmalpflege die Eigenschaften des Freiberger Leders zu testen.

In Dutzenden Räumen fehlt die Tapete

Die Restaurierung dieser Art geprägter Tapeten, bei der auch fehlende Originalteile mit dem Freiberger Leder ergänzt werden, sei für sie "absolutes Neuland", berichtet die 50-Jährige. "Das ist ein richtiges Abenteuer für uns." Während ihr Kollege Schulze in seiner Dresdner Werkstatt prüft, wie die Freiberger Kalbshäute etwa auf historische Blattsilber-, Lack- und Farbschichten reagieren, untersucht sie in ihrem Atelier im Schloss beispielsweise, wie sich das originale Leder bearbeiten lässt.

Derzeit arbeitet Hilsky an zwei Probeachsen von Tapeten aus dem Kurfürstenzimmer und der Moritzgalerie. Einst waren 60 der 200 Räume des Schlosses mit Leder ausgekleidet, wie Hilsky erzählt. Heute seien es noch 13 Ausstellungsräume, aber nur zwei davon wurden bislang restauriert. Es liegt also viel Arbeit vor den Restauratoren.

Alessandro Peduto, ddp



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