Fukushima-Katastrophe Japan bringt Entschädigungsfonds auf den Weg

Viele Betroffene der Atomkatastrophe von Fukushima fühlen sich vom Staat alleingelassen. Nach monatelangen Gesprächen hat das Parlament nun die Einrichtung eines Hilfsfonds endgültig beschlossen. Doch noch immer sind längst nicht alle Details geklärt.

Protestierende Bauern aus der Präfektur Fukushima: Tepco soll Entschädigung zahlen
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Protestierende Bauern aus der Präfektur Fukushima: Tepco soll Entschädigung zahlen


Tokio - Nach der Atomkatastrophe von Fukushima haben mehr als 80.000 Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Ein Evakuierungsgebiet im Radius von 20 Kilometern um das havarierte Atomkraftwerk wurde von den Behörden geräumt. Dazu kommen einige besonders belastete Ortschaften außerhalb dieses Areals - und weitere Evakuierungen sind angedacht. Auch Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus haben unter dem Atomunglück stark zu leiden.

Nun hat das japanische Parlament die Einrichtung eines öffentlichen Entschädigungsfonds für die Betroffenen endgültig beschlossen. Nach dem Unterhaus stimmte am Mittwoch auch der Senat für das Gesetz, das den milliardenschweren Fonds begründet. Doch wie viel Geld der Fonds genau enthalten soll, steht noch nicht fest.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo will die Regierung in einem ersten Schritt zunächst umgerechnet 18 Milliarden Euro in Form von Staatsanleihen einzahlen. Weiteres Geld sollen die Betreiberfirma des Atomkraftwerks Fukushima, Tepco, und weitere Atomunternehmen einzahlen. Laut dem Gesetz soll Tepco letztlich für alle Entschädigungen aufkommen. Die japanische Regierung und Tepco waren scharf dafür kritisiert worden, dass erste Entschädigungen bislang nur sehr langsam ausgezahlt wurden.

Am Montag hatte Tepco mitgeteilt, dass an der Anlage die höchste radioaktive Strahlung seit dem Beginn der Katastrophe am 11. März gemessen wurde. In der Nähe eines Entlüftungsschachts zwischen zwei Reaktoren an zwei Standorten waren Werte von zehn Sievert gemessen worden. Möglicherweise war ein Leck in der Leitung für die Aufbereitung von verseuchtem Wasser schuld an der hohen Strahlenbelastung.

Zehn Sievert pro Stunde gelten als lebensgefährlich; nach wenigen Sekunden erleiden Menschen schwere gesundheitliche Schäden, die zum Tod führen können. Die tatsächlichen Werte könnten sogar noch deutlich höher liegen, weil die von Tepco eingesetzten Messgeräte nur Radioaktivität von bis zu zehn Sievert darstellen können. Den Angaben zufolge kam aber niemand zu Schaden.

Der japanische Fernsehsender NHK meldete außerdem unter Berufung auf die Betreiberfirma Tepco, dass am Dienstag im Reaktorgebäude von Block 1 eine Strahlung von fünf Sievert pro Stunde gemessen wurde. Dies sei der höchste innerhalb eines Kraftwerksgebäudes ermittelte Wert seit Beginn der Reaktorkatastrophe im März.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

chs/AFP/dapd

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Seite 1
Mondaugen 03.08.2011
1. Peinlich
Es ist schon sehr peinlich, dass eines der reichsten Länder der Erde 5 Monate benötigt, um Betroffene, die z.T. ihre gesamte Existenzgrundlage verloren haben, zu entschädigen, pardon, die Grundlage für entschädigungen zu schaffen.
andresa 03.08.2011
2. verschleppung
über japan wurde sehr wenig berichtet die letzten wochen..es scheint sich um eine reine verschleppungstaktik zu handeln.. http://theintelligence.de/index.php/gesellschaft/volksverdummung/3041-das-wort-als-waffe.html ...interessanter artikel in diesem zusammenhang!
Originalaufnahme 03.08.2011
3. ===
Zitat von MondaugenEs ist schon sehr peinlich, dass eines der reichsten Länder der Erde 5 Monate benötigt, um Betroffene, die z.T. ihre gesamte Existenzgrundlage verloren haben, zu entschädigen, pardon, die Grundlage für entschädigungen zu schaffen.
Ich vermute, dass sich Ihre Aussage vor allem auf die Kultur, die Bevoelkerung und die Wirtschaft bezieht. Und nicht auf den Inhalt der Koepfe von Politikern und Managern, die das alles aufs Spiel setzen. Ich will damit uebrigens keinesfalls behaupten, dass die Verhaeltnisse bei uns besser sind.
willi2007 03.08.2011
4. Herkulesaufgabe
alleine schon die Schäden, die der Tsunami verursacht hat, kostet Milliarden. Dazu kommt noch das Desaster von Fukushima, dessen Kosten nicht annähernd zu beziffern sind. Immerhin soll nach dem Gesetz letztendlich die Betreiberfirma TEPCO für die Schäden aufkommen. Warten wir es ab, ob die das tatsächlich auch können oder vorher Konkurs anmelden. Immerhin scheint die japanische Regierung als Konsequenz ja nun regenerativen Energien positiver gegenüberstehen als noch vor der Atomkatastrophe. Obwohl Japan mit seinen Bergen und tausenden Kilometern Küstenlinie für Windräder wie geschaffen ist, hat die japanische Atomlobby zusammen mit der Politik die Einführung alternativer Energien vorsätzlich und systematisch verhindert. Und der Tenno hat dem Treiben zugesehen und geschwiegen.
kjartan75 04.08.2011
5.
Entschädigungszahlungen von wem denn? Es ist schon ein Unterschied, ob man vom Staat oder Unternehmen entschädigt wird. Die Nachricht ist schon aktuell. Einfach mal bei NHK Japan gucken und die müssen es wissen.
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